BLIX Banner1

Burgrieden-Rot - Manche gehen zum Lachen in den Keller. Schade. Besuchen Sie lieber die aktuelle Ausstellung in der Villa Rot. Schmunzeln, Lachen und gute Laune sind gewollt.

Seit April 2021 leitet der Kulturwissenschaftler Thomas Schmäschke (37) das Kunstmuseum Villa Rot. Seine erste Ausstellung im idyllisch gelegenen Landschlösschen ist – ein Brüller! Dabei geht es bei „Lachen - was passiert, wenn wir uns freuen“ nicht um billiges Schenkelklopfen, sondern um die vielen Facetten des Humors in der Kunst und im Alltag.
Der mit rotem Samt bezogene Zahnarztstuhl vom Ende des vorletzten Jahrhunderts, der prominent den ersten Raum bespielt, irritiert zunächst. Kurator Schmäschke erläutert, dass es ihm bei der Auswahl der Exponate nicht nur um Fröhlichkeit ging. Beim Lachen werden ja durchaus auch „Zähne gezeigt“, was evolutionsgeschichtlich auch mit Kraft zeigen und Macht demonstrieren konnotiert wird. An der Wand sind erste Sprichwörter und Redensarten zitiert, deren Bedeutung der Autor Dr. Rolf-Bernhard Essig erklärt. Sie begleiten die gesamte Ausstellung.

 

Messerscharfem Humor be

Comics dürfen bei einer Ausstellung, in der es um Komik, Humor und Lachen geht, nicht fehlen. 

 

Verwerfliches Lachen
Im zweiten Raum ist neben einem zum Amtssiegel des Königs Ludwig XIV. erhobener vergoldeter Kartoffelstampfer von Thomas Kapielski zu sehen neben lachenden Porzellan-Figuren der Kangxi-Periode (1662-1722) aus der Sammlung Hoenes. An der Wand exemplarische Comic-Magazine neben einer lachende Holzmaske aus Kolumbien. Außerdem zu sehen: eine „Box of smile“ von Yoko Ono und ein Text von Christoph Martin Wieland, der wie Schmäschke anmerkt, sechs Kilometer vom Ausstellungsort in Oberholzheim geboren wurde. Ein religiöses Kreuz mit vier profanen Kleiderhaken von Max Siedentopf hängt über der Tür nicht nur als religiöses Symbol. Es erinnert an das mittelalterliche Lachverbot der Kirche. Erst im 12. Jahrhundert unterschied die Kirche zwischen einem guten und einem verwerflichen Lachen, wie dem Ausstellungskatalog zu entnehmen ist. Dass lachen sich auch heute nicht in jeder Situation schickt, wurde ja etwa Armin Laschet während eines Auftritts im Hochwassergebiet bitter bewusst.
Der dritte Raum wird dominiert von Herlinde Koelbls Schwarz-Weiß-Fotoserie „Stille Post“ und dem stimmgesteuerten Kugel-Labyrinth „Amazing“, einem Geschicklichkeitsspiel des Künstlerduos //////////fur///, das Besucherinnen und Besucher zum Mitmachen - und meist auch zum Lachen - animiert.
Im selben Raum „Mary“, eine herzhaft lachende Frau mit weit aufgerissenem Mund vom Magnum-Fotografen Alec Soth.
Im ehemaligen Eingangsbereich der Villa sind neben kleinen historischen Fotos der früheren Bewohner Feodora und Hermann Hoenes, die sich tatsächlich über ihre Hunde näher gekommen sind, mit ihren Vierbeinern zu sehen. Gegenüber großformatige Fotos von Sophie Gamand aus der Serie „Wet dog“, unter anderem der ziemlich lächerlich aussehende „begossene Pudel“ Wanda. Während im Erdgeschoss einzelne Thematiken in den jeweiligen Räumen verhandelt werden, wie der Kurator erläutert, geht’s im ersten Stock meist um die Physis. Etwa beim Stummfilm-Klassiker „Steamboat Bill, Jr.“ von 1928 mit Buster Keatons körperbetontem Spiel.
Zum Mitmachen fordern nebenan die absurden One Minute Sculptures von Erwin Wurm auf. Etwa auf einem schmalen Balken liegend den Körper auszubalancieren oder nur mit der Stirn zwei Tennisbälle am Herunterfallen zu hindern. Mit Humor lassen sich seine Werke erschließen. Vermeintlich einfache Körperübungen lassen aber auch nachdenken: Wie stelle ich mich in der Öffentlichkeit dar? Welche Wirkung hat meine Körperhaltung auf mich und andere?
Wer nichts zu lachen hat, steckt schon mal den Kopf in den Sand, wie auch die Beton-Figur von Tina Heuter vor dem Neon-Schriftzug „too happy“. Niemand lacht den ganzen Tag, „auch wenn wir uns kaum eine Nachricht ohne smiley schicken“, wie Thomas Schmäschke anmerkt. Der Hype um Happiness ist eben auch ein fragwürdiges Phänomen unserer Zeit.
Einsam im ehemaligen Schlafzimmer des ersten Bewohners der 1912 erbauten Villa liegt Peter Lands Figur mit überlangen Armen und Beinen im Bett. Eher bemitleidenswert aber doch irgendwie auch komisch.

 

004 WetDog be

Tiere zum Lachen, das ist „Benji“ aus der Serie „Wet Dog“ der  Fotografin Sophie Gamand.

 

Gruseliges Lachen
Urkomisch - und im ehemaligen Badezimmer zwischen Badewanne und Armaturen witzig platziert ist Loriots Klassiker von 1978 „Herren im Bad“. Wer hat nicht schon gelacht über den Streit des engstirnigen Herrn Müller-Lüdenscheid mit Dr. Klöner in der Badewanne. „Die Ente bleibt draußen!“ Kurator Schmäschke versäumte es nicht, eine weiße Gummi-Ente auf den Badewannenrand zu setzen. Köstlich!
Timm Ulrichs „Der erste sitzende Stuhl“ von 1970 darf sich nach langem Stehen mittels Scharnieren zur Ruhe setzen. Ikonenhaft auch sein „Ins eigene Fleisch“ von 1972, auf dem sich der Stil einer Axt verbreitert und der stählernen Schneide zuwendet.
Im Anbau des Erdgeschosses spielt Peter Land mit der Videoarbeit Joie de vivre von 1998 auf unterschiedliche Bedeutungsebenen der Freude an. Die durch leichte Slowmotion verfremdete Stimme klingt beim Lachen nicht wirklich fröhlich. Eine Diskrepanz zur Mimik. Besucher zwischen den beiden Leinwänden fühlen sich eher aus - als an angelacht. Ein bisschen gruselig.
Nach einem eigens für die Ausstellung angefertigten Schwarz-Weiß-Comic von Dominik Seemann wird der Blick von den farbigen Comics von Mickey Mouse, Donald, Popeye, die David Spiller im Pop Art Stil in Szene setzte, abgelenkt. Und magisch angezogen vom schwersten jemals in der Villa Rot ausgestellten Objekt: Guido Weggemanns 2014 aus Stahl gebaute „Trap“. Eine überdimensionale Bärenfalle in warnendem Orange lackiert. Wehe, die Pointe schnappt zu …
Infos über Führungen und das Begleitprogramm (am So., den 9. Januar öffentliche Führung und anschließende Lachyoga-Performance mit Thomas Schmäschke und Patricia Paryz unter www.villa-rot.de

Lesen Sie auch: Lachen - Nie wertvoller als heute 

 

Text & Fotos: Andrea Reck

Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben!

­