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Ulm - Das Museum Brot und Kunst überrascht mit einer Sonderausstellung FUTURE FOOD – Essen für die Welt von morgen. Gleich hinter dem schönen Eingangsportal des ehemaligen Lagerhauses für Getreide und Salz, wenige Gehminuten vom Münster entfernt, geht’s um Lebensmittel. Essen wir 2050 Schnitzel, Gemüse-Burger oder Laborfleisch? Oder ist die Weltbevölkerung überhaupt nicht mehr satt zu bekommen?

 

Konzipiert fürs Deutsche Hygiene-Museum Dresden konfrontiert die verkleinerte Ausstellung in Ulm mit einem Thema, das alle betrifft. Die Zukunft unserer Ernährung ist nicht nur von persönlichen Entscheidungen, sondern auch von politischen Weichenstellungen abhängig. Dies wird klar beim Betrachten der Videos, beim Verstehen wissenschaftlicher Modelle und künstlerischer Arbeiten.
Drei Kapitel sind entlang der Wertschöpfungskette von Lebensmitteln auszumachen. Zunächst geht es ums Produzieren mit alternativen Produktionsmethoden. „Wie können alle Menschen satt werden? Unsere Ausstellung nennt Probleme, zeigt aber auch vielfältige Lösungsmöglichkeiten“, erklärt die wissenschaftliche Volontärin Dr. Ella Platschka beim Rundgang. Fleisch aus der Petrischale ist ein Thema oder wie sich die Verwendung von Pestiziden mit Flugrobotern reduzieren lässt. Vertical Farming, sozusagen Lebensmittelanbau im Hochhaus, wird in Singapur bereits kommerziell betrieben, man sieht im Video, wie Pflanzen rotieren, um optimal mit Sonnenlicht versorgt zu werden.

 

Symmetry Breakfast

Symmetry Breakfast heißt eines der Instagram-Fotos von Michael Zee.

 

Im zweiten Kapitel geht es um den globalen Handel mit Lebensmitteln, um die ausbeuterische Kehrseite der permanenten Verfügbarkeit, die sich insbesondere im globalen Süden auswirkt. 99 Prozent der Tierzucht werden weltweit von den vier größten Konzernen dominiert, 75,3 Prozent des Saatguts von den zehn größten Konzernen. Hohe Preise sind hier die Folge, während niedrige Abnahmepreise für den Einzelhandel viele Erzeuger darben lassen.
Adenauers Soja-Wurst
Aus einer vollkommen anderen Zeit stammen die Arbeitsgeräte der Obstbau-Kolonie Eden, die vor über hundert Jahren von Lebensreformern in Berlin gegründet worden war. Vegetarier allesamt. Seiner Zeit voraus war wohl auch Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundesrepublik, der als Kölner Ernährungsdezernent während des ersten Weltkriegs bereits eine Sojawurst entwickelte, um die Bevölkerung in der Notzeit preisgünstig mit proteinreicher Nahrung zu versorgen. Er erhielt dafür in Großbritannien ein in der Ausstellung gezeigtes Patent, doch die Wurst blieb auf dem Markt erfolglos.
Interessant, wie sich die Proportionen eines Haushuhns seit 1960 geändert haben. Damals lieferten die Tiere noch Eier und nach der Schlachtung Fleisch. Solche Zweinutzungshühner gibt es kaum noch. Die Hühner sind mittlerweile viel größer und schwerer. Legen entweder viele Eier oder setzen schnell Fleisch an. Da der deutsche Verbraucher vor allem Hähnchenbrust goutiert, werden Flügel, Innereien und dergleichen nach Asien und Afrika exportiert. Dass sich viele Besucher von den zum Mitnehmen bereitliegenden Rezepten für Hühnerfüße und –kämme inspirieren lassen, ist kaum zu erwarten.
Viele Themen werden behandelt: Was bedeutet klimafreundliche Ernährung, was bedeutet „gesunde Ernährung“? Was, wenn dieser Wunsch zwanghaft wird? Immer mehr Produkte sind mittlerweile „frei von …“, aber Allergien sind auf dem Vormarsch.

 

Mukbang

Mukbang heißt der südkoreanische Video-Trend, bei dem vor laufender Kamera gegessen wird.

 

Und schließlich wird in Kapitel drei klar, dass der Konsum jedes Einzelnen sich auf das eigene Leben, aber auch auf das Leben anderer auswirkt. Nach so vielen Informationen genießt der Besucher die Kunst-Installationen oder beteiligt sich an Umfragen. Etwa, wie oft er selbst kocht. Einen Monat nach Eröffnung hatten 55 Prozent angegeben „fast täglich“ zu kochen, 24 Prozent „zwei bis dreimal“ pro Woche, 7 Prozent „etwa einmal“ und 7 Prozent „nie“. Interessant auch die geposteten Antworten auf die Frage nach dem Lieblingsessen: Linsen mit Spätzle sind darunter, vegane Rouladen, veganes Biergulasch, „alles Vegetarische“, Pommes oder Kaiserschmarrn mit Apfelmus.
Befremdliche Internet-Trends sind zu sehen. Etwa wenn in Südkorea Menschen vor der Kamera geräuschvoll große Mengen Fastfood in sich hineinschlingen. „Ihnen zuzusehen bietet Ersatz für tatsächliches Essen in Gemeinschaft, das in Korea einen hohen Stellenwert hat“ steht neben dem knapp elfminütigen Video Eating Show. Danke, da vergeht mir der Appetit.
Ein spannendes Begleitprogramm sowie Führungen und Workshops für Gruppen und Schulklassen machen die bis 27. Februar dauernde Ausstellung besonders interessant. Anmeldungen unter www.museumbrotundkunst.de.

 

Autorin: Andrea Reck

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