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Biberach - Eine Ausstellung des Fotografen Andy Reiner im Landratsamt zeigt Menschen, die zwar auf dem regulären Arbeitsmarkt tätig sind aber hier Begleitung brauchen. Der Maschinenbauingenieur Erich Kraus aus Laupheim ist einer der am Arbeitsplatz Portraitierten.

 

Auf dem ersten (oder regulären) Arbeitsmarkt bestehen Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse ohne Zuschüsse oder sonstige Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik auf Basis der freien Wirtschaft. Hier wird meist keine Rücksicht genommen, auf Menschen, die wegen eines körperlichen oder geistigen Handicaps nicht voll leistungsfähig sind. Wie etwa Erich Kraus aus Laupheim. Dem sportlichen, schlanken Mann sieht man seine 54 Jahre nicht an. Seine Behinderung erst auf den zweiten Blick oder wenn man ihm die Hand gibt. Eine seltene Erbkrankheit macht dem geborenen Zwiefaltener, der nach dem Abitur seiner Lehre als Werkzeugmacher ein Maschinenbau-Studium in Ulm folgen ließ, zu schaffen. Schon mit Mitte zwanzig, als er gerade als Konstrukteur angefangen hatte, begann Morbus Dupuytren, eine seltene Krankheit, die üblicherweise erst im Alter auftritt. Bei der Dupuytren- Kontraktur lassen sich die Finger nicht mehr strecken, weil sie von gutartigen Wucherungen im Bindegewebe blockiert werden. Es kommt zu Knoten in der Handfläche und zu narbenähnlichen Strängen an den Fingern. 1999 hatte der begeisterte Fußballer die erste Operation.

 

Julian Dreher gehört zur Belegschaft einer Fensterbaufirmajpg

Julian Dreher gehört zur Belegschaft einer Fensterbaufirma.

 

Mittlerweile wurde er an beiden Händen mehrfach operiert, die Durchblutungsstörungen nahmen zu. „Ich musste viele Arzneimittel nehmen, um weiter arbeiten zu können“, erinnert sich Kraus. In seiner alten Firma erfuhr er nicht viel Unterstützung. Seit 2015 erhält er eine Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung und arbeitet noch 50% als Konstrukteur bei Hertenberger Solutions in Baustetten. Genauer gesagt im Homeoffice. „Ich arbeite meist eine Stunde und brauche dann eine halbe Stunde Pause“, erklärt der Ingenieur. „Zuhause bin ich da einfach produktiver“. Mit seiner Krankheit könnte er voll berentet werden. Kraus ist froh, dass der Integrationsfachdienst (IFD) ihn unterstützt. Der IFD zahlt einen bestimmten Prozentsatz an die Firma. „Ich bin ja langsamer und der Chef muss immer passende Projekte für mich finden. Aber ich will noch gebraucht werden“, fügt er hinzu. „Im alten Betrieb wurde mir vermittelt, dass ich nicht mehr gebraucht werde“.
Thomas Ruf, Leiter des IFD Biberach, kennt viele ähnliche Beispiele von Arbeitnehmenden mit sichtbarer oder nicht sichtbarer Behinderung. Deshalb freut er sich auch über die Foto-Ausstellung. „Mit ihr soll gezeigt werden, dass Behinderung etwas durchaus Normales ist, sie oft auch erst im Lauf des Erwerbslebens eingetreten ist“. Auch Erich Kraus hatte zu Beginn seiner Berufstätigkeit keine Probleme. Er musste aber bald mit dem Fortschreiten der Krankheit fertig werden.

 

Emine Beljulji arbeitet in der Jugendherberge Biberach

Emine Beljulji arbeitet in der Jugendherberge Biberach.

 

Ob er sich gleich damit anfreunden konnte, für das Foto-Projekt fotografiert zu werden? „Es gehört Mut dazu. Zu Beginn der Krankheit war die Situation psychisch oft sehr belastend. Wenn ich jemandem die Hand gebe schauen die Leute automatisch auf die verformte Hand. Manchmal merkt man ja auch im Freundeskreis, dass man weniger oder nicht mehr gebraucht wird. Das wirkt sich auf die Psyche aus, weshalb ich auch in psychologischer Betreuung bin. Sehr hilfreich für mich ist, dass ich als Fußballtrainer aktiv sein kann. Da bin ich viel mit jungen Leuten zusammen.“ Positiv findet Kraus, der selbst eine ungeheuer positive Ausstrahlung hat, dass die Krankheit nicht lebensbedrohend ist. Im Winter leidet er allerdings stärker darunter. „Da kommen schon mal Tränen, wenn die eisigen Hände wieder auftauen“, gibt er zu. Aber ich bin so gerne draußen zum Laufen, Wandern und Radfahren. Sonne, Bewegung und Natur tun gut. Letztes Jahr gab es nur einen Tag, an dem ich nicht draußen war“. Gut tut ihm auch seine Partnerin, mit der er schon über zwanzig Jahre zusammen lebt. Er bedauert, ihr bei Vielem nicht mehr helfen zu können. Wenn er doch mal im Garten arbeitet, brennen die Hände „als ob sie zwei Stunden in Brennnesseln getaucht würden.“
Natürlich habe er auch Zukunftssorgen und -ängste, räumt er ein. Doch „wichtig ist, dass es Hilfe gibt wie etwa vom IFD. Da muss man allerdings schon selbst hinterher sein. Ich bin über die Rentenversicherung auf diese Hilfe gestoßen. Eigentlich müsste auch das Arbeitsamt darauf hinweisen.“
Erich Kraus, liegt daran, dass auch andere Menschen mit Behinderung im Beruf unterstützt werden. Er freut sich auf die Fotoausstellung. „Das Fotoshooting war super. Andy Reiner war zweimal mit mir im Betrieb, das ging ratzfatz. Ich bin gespannt auf die anderen dreißig Fotos.“
Die Ausstellung „und ich bin“ ist zu sehen vom 18. November bis 16. Dezember im Foyer des Landratsamtes Biberach, Rollinstraße 9, im Rahmen der „Biberacher Tage der Seelischen Gesundheit“ und anlässlich des 30jährigen Jubiläums des Integrationsfachdienstes in Biberach.

 

Andy Reiner schaut hin …
… wo viele wegsehen. Der gelernte Zimmerermeister, aufgewachsen in den frühen Siebziger Jahren in Wangen bei Göppingen, begann erst mit 37 Jahren seine Ausbildung zum Fotografen. In vielen Projekten hat er gezeigt, dass in den Schwachen der Gesellschaft viel mehr steckt als es oft den Anschein hat. Selbst vom Leben gebeutelt, kann er geduldig und genau hinschauen und nicht nur die Fassade eines Menschen ablichten. Seine Porträts berühren. Sie zeigen keine Reichen und Schönen. Ihn interessieren Menschen mit Behinderung, Kranke, Sterbende und Trauernde. Reiner begleitet als Reportage-Fotograf Heeresflieger in Afghanistan und Romas im Rumänien. Er zeigt in seiner Serie „Stille Leere“ aber auch Gastwirte aus Oberschwaben, die im ersten Corona-Lockdown um ihre Existenz bangen. Legendär ist sein Projekt „Sichtlichmensch“, in dem vor zehn Jahren geistig behinderte Menschen unter seiner Anleitung sich selbst porträtierten. Reiner lebt in Warthausen-Galmutshöfen in einem alten Bauernhaus. Bewerbungsporträts macht er auch. „Ich porträtiere Menschen, die meine Arbeit zu schätzen wissen“.
www.sichtlichmensch.com

 

Unterstützung im Arbeitsleben
Vorurteile sind noch weit verbreitet, wenn es um die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsleben geht. Unterstützung bietet ihnen der Integrationsfachdienst (IFD). Dieser ist im Auftrag des Integrationsamts beim Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg tätig. Er startete vor 30 Jahren noch unter der Bezeichnung Psychosozialer Dienst. Seither hat sich der IFD immer wieder gewandelt, von einer halben Stelle ist das Personal mittlerweile auf neun Mitarbeitende angewachsen. Träger des IFD ist der Verein bela e.V. begleiten-leben-arbeiten. Über unterschiedliche Wege finden die Menschen zum IFD. „Bei uns melden sich Arbeitnehmende genauso wie Arbeitgebende, oft verweisen Ärztinnen und Ärzte sowie Klinken, die die Menschen betreut haben, auf uns. Auch mit den Werkstätten für Menschen mit Behinderung arbeiten wir viel zusammen“, erklärt Thomas Ruf, Leiter des IFD Biberach. www.ifd-bw.de

 

Autorin: Andrea Reck

Fotos: Andy Reiner

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