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Biberach - Die Insekten sollen sterben? Man hat schon mal davon gehört – trotzdem mag man es kaum glauben. Es gibt doch Abermillionen von ihnen, schon gar im idyllischen Oberschwaben. Dennoch schwinden die Schmetterlinge, Schwebfliegen und Wildbienen auch hier, oder gerade hier, erklärt Frank Brunecker. Der Leiter des Biberacher Museums hat sich im Rahmen der Ausstellung „Bienen & Co.“ zum Experten weitergebildet und gibt in BLIX Auskunft über Leben und Sterben der Insekten in Oberschwaben. Die Idylle trügt, warnt Brunecker, und erklärt:

Der Rückgang der Biodiversität kann regional belegt werden. Ich stütze mich dabei auf:

  1. eine Langzeitstudie der Technischen Universität München von 2019
  2. eine Metastudie entomologischer Institute über den Rückgang der Schmetterlinge in Baden-Württemberg ebenfalls von 2019
  3. eine Langzeitbeobachtung der Forschungsstation am Randecker Maar auf der Schwäbischen Alb von 2020 und
  4. die jahrzehntelangen Brutvogelkartierungen der Vogelwarte Radolfzell am Bodensee.

Das Argument geht wie folgt: Weil in den Großlandschaften um Oberschwaben herum – in Bayern, auf der Schwäbischen Alb und am Bodensee – die Insekten, Gliederfüßer und insektenfressenden Vögel besonders in den letzten zehn Jahren massiv zurückgegangen sind, im Durchschnitt um zwei Drittel, kann es keinen Zweifel daran geben, dass der Artenschwund auch in Oberschwaben stattfindet, in einer Landschaft, die deutlich weniger vielfältig ist als die Schwäbische Alb oder der Bodensee. Offenbar sterben die Insekten auch in Oberschwaben.
Außerdem stellen die genannten Studien fest, dass sich das Insektensterben vor allem in der Agrarlandschaft abspielt, dass also die Intensivlandwirtschaft dafür die Hauptursache ist, die auch in Oberschwaben in den vergangenen Jahrzehnten enorme Effizienzsteigerungen erfahren hat. Wie vielerorts wurden auch im Landkreis Biberach die Felder zusammengelegt und die Feldraine, die Hecken und Gehölze beseitigt. Mit der Stallhaltung hat die Düngung zugenommen, die Mahd wurde intensiviert und die Nutzung von Pflanzenschutzmitteln ist nahezu flächendeckend.
Zählte man 1979 im Landkreis Biberach noch 3500 hauptberufliche Bauern, so sind es heute nur noch 800. In vielen Dörfern gibt es überhaupt keine Bauern mehr. Doch das „Bauernsterben“ hat nicht zu brachliegenden Flächen geführt, sondern zur Vergrößerung der verbliebenen Betriebe. Wachse oder weiche. Inzwischen sind auch in Oberschwaben Feldergrößen von 20 Hektar keine Seltenheit. Auf solchen Monokulturen finden Insekten keine Nahrung und bodenbrütende Vögel keine Deckung. Da ist es gleichgültig, ob hier Mais oder Weizen steht. Man kann es überall sehen: die ehedem typische süddeutsche Agrarlandschaft, die sich aus kleinen Äckern, Weiden, Wäldchen und Weihern zusammensetzte, gibt es nicht mehr, nur noch optimierte Wirtschaftsflächen von Horizont zu Horizont, ideal für den Einsatz großen landwirtschaftlichen Geräts.
Es nimmt kaum Wunder, dass die Wissenschaftler den Rückgang der Insekten in solchen übernutzten Agrargebieten feststellen. Dennoch hört es die Landwirtschaft nicht gern, Hauptursache des Insektensterbens zu sein. Postwendend verwahrt sich der Präsident des Bauernverbands in Biberach-Sigmaringen, Gerhard Glaser, gegen „einseitige Schuldzuweisungen“. Also hat das Museum Biberach die regionale Landwirtschaft in die Ausstellung einbezogen.

 

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Frank Brunecker demonstriert die Kinderfreundlichkeit in der Insektenausstellung.

 

Sieben Hofporträts – auch zwei Biobetriebe – künden dort von ihren wirtschaftlichen Zwängen, von langfristigen Investitionen, sinkenden Milchpreisen und dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. Da wird klar, dass die Landwirtschaft Opfer des Strukturwandels ist. Die Zusammenschau aus Artensterben und Agrarpolitik führt das Dilemma vor Augen. Gern rufen wir nach dem alles ordnenden Gesetzgeber und verlieren aus dem Blick, dass wir genau die Landwirtschaft haben, die wir – mehrheitlich – wollen. Neun von zehn Bundesbürgern kaufen ihre Lebensmittel beim Discounter. Der Marktanteil von Bioprodukten stagniert bei zehn Prozent. Daran ändert das Biodiversitätsstärkungsgesetz der Stuttgarter Landesregierung vom Sommer 2020 wenig. Auch der groß angekündigte Green Deal der Europäischen Union geht nur quälend langsam voran.
Während die Insekten sterben. Was daran bedrohlich ist? Die Insekten sind die mit Abstand vielfältigste Tiergruppe. Wenn sie vergehen, dann sterben nicht nur eine paar Plagegeister, sondern es wird brüchig an der Basis der Nahrungspyramide. Und drei Viertel unserer Lebensmittel hängen direkt von der Insektenbestäubung ab.
Die Ausstellung lässt ihre Besucherinnen und Besucher in diesem Dilemma nachdenklich stecken und kommt doch freundlich, farbenfroh und familienorientiert daher – wie auf einer bunten Blumenwiese voller summender Bienen. Die Ausstellung bietet interaktive Lernspiele, Experimentierstationen und Videofilme – sogar mit Virtual Reality.
Auch ohne erhobenen Zeigefinger wird überdeutlich, dass die beunruhigende weltweite Biodiversitätskrise das Resultat fortgesetzter Naturausbeutung ist, so wie der Klimawandel das Resultat eines mehr als 200 Jahre lodernden Industriefeuers ist, so wie auch die Corona-Pandemie das Resultat menschlichen Fehlverhaltens ist. Wir nennen unsere Zeit das Anthropozän und mehren damit unsere Hybris. „Bienen & Co.“ tief im eigentlich glücklichen Oberschwaben erzählt mit leichter Hand von den Großkrisen der globalisierten Gegenwart und rüttelt auf – hoffentlich.
„Bienen & Co.“ noch zu sehen bis 14. November: Museum Biberach, Dienstag-Sonntag 10-18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr, samstags freier Eintritt.
www.museum-biberach.de

 

Autor: Frank Brunecker

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