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Bad Wurzach - Genussvoll ist es, in den Wurzacher Götterhimmel einzutauchen. Im Deckengemälde des barocken Schloss-Treppenhauses sieht man Zeus inmitten seines Hofstaates. Eine Schlüsselszene ist die Aufnahme von Herakles in den Olymp. Auf goldenem Wagen, gezogen von zwei mächtigen Schimmeln, zieht der Held ins Allerheiligste der griechischen Sagenwelt ein. Die hier dargestellte Apotheose des Heroen nennt Otto Frisch, Bad Wurzachs hochverdienter früherer Stadtarchivar, in seinem Standardwerk „Bad Wurzach – Geschichte und Entwicklung einer oberschwäbischen Bäderstadt“ (Hinterzarten 1975) eine „Verherrlichung menschlichen Sich-Mühens“. Als Schöpfer des Ende der 1720er-Jahre entstandenen Großfreskos vermutet Frisch den renommierten Rokoko-Maler Jacopo (Giacomo) Amigoni.

 

Bad Wurzach ist mit Recht stolz auf dieses prachtvolle Gemälde in prachtvollem Ambiente. Kein Wunder, dass der namhafte Literaturpreis der Stadt, gestiftet von dem Unternehmer Friedrich Schiedel zu Zeiten von Bürgermeister Helmuth Morczinietz, im „schönsten Barocktreppenhaus Oberschwabens“ (Eigenwerbung der Stadt Bad Wurzach) verliehen wurde. Herausragende Literaten und wortmächtige Historiker, ja sogar ein emeritierter Bundeskanzler (Helmut Schmidt) fanden über die Auszeichnung den Weg in die kleine Residenz am Ried. Über viele Jahre wurde Pegasus, das Dichterross des jeweiligen Laureaten, am Schloss angebunden. Seit einiger Zeit findet die Verleihung des in der Regel alle zwei Jahre verliehenen Preises im gar nicht barocken Kurhaus statt – der Grund ist organisatorischer Natur: Im Treppenhaus gibt es zu wenig Sitzplätze und der anschließende Gang ins jenseits der Ach gelegene Kurhaus zur festgemäßen Atzung ist arg weit.
Heuer also wieder im Kurhaus (10. Oktober, 10.30 Uhr). Ausgezeichnet mit dem mit 10.000 Euro dotierten Preis wird der österreichische Schriftsteller Arno Geiger für seinen Roman „Unter der Drachenwand“.
Zum Inhalt des Buches: Wir schreiben das Jahr 1944. Veit Kolbe, ein Soldat der Wehrmacht, verwundet in Russland, verbringt seinen Genesungsurlaub am Mondsee, unter der Drachenwand, und trifft hier auf zwei junge Frauen. Was Margot und Margarete mit ihm teilen, ist seine Hoffnung, dass irgendwann dem fernen und doch gegenwärtigen Sterben wieder das Leben folgt. Arno Geiger erzählt von Veits Alpträumen, von der seltsamen Normalität in diesem Dorf in Österreich – und von der Liebe. „Ein herausragender Roman über den einzelnen Menschen und die Macht der Geschichte, über das Persönlichste und den Krieg, über die Toten und die Überlebenden“, heißt es im Pressetext der Stadt Bad Wurzach.
Die Jury des Friedrich-Schiedel-Literaturpreises begründet die Aufnahme Arno Geigers in den Wurzacher Olymp unter anderem mit den Worten: „Das Buch zeichnet sich aus durch eine besondere literarische Leistung, da die Erzählperspektive der damaligen Zeit entspricht und nichts von späteren Erkenntnissen aus heutiger Zeit vorweggenommen wird.“
Der Friedrich-Schiedel-Literaturpreis würdigt laut Satzung Werke, die „Inhalte der Geschichte des deutschsprachigen Raumes seit etwa 1715 einem breiten Leserkreis menschlich bewegend und in würdiger, literarisch wertvoller Form nahebringen“. Der Preis verbindet somit Geschichtswissenschaft und Literatur und ist mit dieser Zielsetzung einmalig in Deutschland. Arno Geigers „Drachenwand“ entspricht der Intention des Preisstifters Friedrich Schiedel (1913 - 2001), eines erfolgreichen Unternehmers und generösen Mäzens, gebürtig aus Baierz bei Hauerz, heute Stadt Bad Wurzach.

 

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Der Schriftsteller Arno Geiger bekommt am 10. Oktober im Kurhaus in Bad Wurzach den Friedrich-Schiedel-Literaturpreis verliehen.

 

Neben dem jetzt mit dem Friedrich-Schiedel-Literaturpreis ausgezeichneten Buch (herausgekommen 2018) sind folgende Werke des 1968 in Vorarlberg geborenen Schriftstellers zu nennen (Auswahl): „Es geht uns gut“ (2005), „Alles über Sally“ (2010) und „Der alte König in seinem Exil“ (2011), eine subtile Demenz-Darstellung, die weithin Beachtung fand. Für sein literarisches Wirken wurde der Autor mehrfach ausgezeichnet – so mit dem Alemannischen Literaturpreis 2017, dem Friedrich-Hölderlin-Preis 2011 und dem Deutschen Buchpreis 2005.

Die Laudatio am 10. Oktober hält der Historiker Wolfgang Niess (Kurhaus, 10.30 Uhr).
Selbstverständlich liest Arno Geiger in Bad Wurzach auch aus „Unter der Drachenwand“: um 14.30 Uhr im Kapitelsaal des ehemaligen Klosters Maria Rosengarten. 

 

Autor: Gerhard Reischmann

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