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Kisslegg/Leutkirch - Er war nicht der Typ für die gängigen Vernissagen, mit Küsschen, Häppchen und den Small-Talk-Galanterien über das parfümierte Nichts. Er verkaufte seine Seele nicht und nicht seine Kunst, er machte keine Kompromisse um des kommerziellen Erfolges willen. Raimund Wäschle war einer der authentischsten, ehrlichsten und tiefgründigsten Künstler des süddeutschen Raumes. In Kißlegg und Leutkirch erinnern drei Ausstellungen an den 2019 gestorbenen Maler.

 

Raimund Wäschle studierte von 1977 bis 83 an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, bekam 1987 den Oberschwäbischen Kunstpreis, 2004 den Bayerischen Kunstpreis der Akademie der Schönen Künste. Dennoch waren seine schwer zugänglichen Arbeiten kein Galerien-Favorit. „Ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, Leute zu unterhalten. Meine Botschaft ist eine andere“, sagte er einmal. Wäschle lebte in Ravensburg, er starb 2019 mit nur 63 Jahren. In Memoriam nun drei, auch für Kenner seines Werkes, überwältigende Ausstellungen mit vorwiegend unbekannten Arbeiten in Kißlegg und Leutkirch.
Eine Entdeckung alleine sind das Kabinett und der architektonisch faszinierende Schauraum in Kißlegg: ein aufgestocktes altes Stallgebäude, das der Kunstliebhaber und Flasch-nermeister Wolfgang Huber mit 2.500 Titanzink-Rauten ver- kleidete. Ein grandioses Ambiente für Wäschles vorwiegend großformatige Schwarz-Weiß und Farbradierungen, Photoätzungen, Gouachen, Pastelle auf Japanpapier oder Acryl auf Leinwand. Er hatte eine meisterliche Beherrschung aller Techniken, vor allem auf Papier.

 

Waeschle Heilung der Blutfluessigen 2

„Heilung der Blutflüssigen“ von Raimund Wäschle.

 

Wäschles Arbeiten erschließen sich selten mit wenigen Blicken. Scheinbar bekannte Themen und Symbole springen einen an und sind doch nur Zitate und Abstraktionen - der Gekreuzigte, der Erzengel in aufgewühlter Landschaft, die Heilung der Blutflüssigen, das Tischgebet. Ein gekrümmter Mensch verknotet seine Hände vor dem Tisch, darüber ein monumentaler Kopf. Bedrohlich, dominierend, unnahbar. Der für Raimund Wäschle immer so übermächtig gewesene Vater? Da ist eine großformatige schwarze Fläche, mit hauchdünnen Linien durchsetzt, mit dem Titel Kreuzigung. Religiöses hat selten bei ihm Erlösendes und Licht. Passend dazu der den drei Ausstellungen gemeinsame Titel „Auf der Gegenseite des Himmels.“ Die rudimentären Arme der Gekreuzigten strecken sich nach oben, doch sie bleiben irdisch, Teil von filigranen, verletzlichen und verletzten Körpern. Wäschles Köpfe, immer wieder seine Köpfe, mit Löchern, die keinen Körper haben, aber mit feinsten Linien verbunden sind. Gedankenströme, die suchen, die irren, die nicht enden wollen. Da sind berstende Farben, Momente der Hoffnung und des Ausbruchs aus den Schmerzen, dem Leid, das Wäschle wie eine Befreiung aus seinen vielen Depressionen auf die Leinwände ergießt. Und da ist dieses Triptychon, dreimal 180 Zentimeter breit, voller gebrochener Knochen. Wie ein Konzentrat all der Frakturen, der Zivilisa-tionsbrüche, mit denen sich Wäschle so tief beschäftigte. (Schon in den 80er Jahren schuf er eine Holocaust-Serie.) Von den drei Ausstellungen ist die in Kißlegg die erregend-ste, voller Rätsel, die zu eigenen Beunruhigungen und existentiellen Fragen führen.
Da sind die kleinen, fragilen und sensiblen Zeichnungen in der Kornhaus-Galerie, in denen ein Mensch sich mit einem Baum vereint, aus hauchdünnen Netzen sich nach außen tastet, aus der Vereinsamung findet. Berührende Verbeu- gungen vor diesem großen Künstler.

 

Wo und wann?

Schauraum & Kabinett Huber
Schloss-str. 58/1, Kißlegg
Do, Sa, So 14.00 - 17.00 Uhr

Gotisches Haus & Galerie
im Kornhaus Leutkirch (Altstadt)
tägl. außer Dienstag 14.00 - 17.00 Uhr
Mo, Do 10 - 12 Uhr. Bis 16. Oktober

 

Autor: Wolfram Frommlet

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