BLIX Banner1

Altdorfer Wald - Land unter! Das ist das Geschehen, als das Große Sommerinterview mit Roland Roth („Wie wird’s Wetter, Herr Roth?“) ansteht. Die Nachrichtenlage ist verheerend. Unwetterkatastrophen in Nordrhein-Westfalen, Rheinlandpfalz und Oberbayern, ebenso in deren Nachbarländern. Kriegsähnliche Bilder von zerstörten Dörfern und Städten. Eingestürzte Häuser und Brücken, weggerissene Straßen, hunderte Tote und Vermisste. Milliardenschäden. Eine Katastrophe, die die jüngsten Überschwemmungen in Oberschwaben noch als „Glücksfall“ erscheinen lässt. Aber auch im Ländle hieß es mancherorts „Land unter!“. In Ellwangen ertrank ein Mensch in seiner Wohnung. Die Erinnerungen an die verheerenden Sturzfluten 2016 werden wach. Die weitere Aussicht: ein „Schaukelsommer“ (Roth) in Zeiten der Klimakrise.

Das ist die Großwetterlage als wir uns dem Ort des diesjährigen Fotoshootings, dem Baumcamp im Altdorfer Wald, nähern, dem Widerstandsnest gegen den Kiesabbau und für den Erhalt des Waldes. Roland Roth kommt wie gewohnt auf dem Fahrrad, inzwischen mit Strom, angeritten. Das Wetter ist zwie, wie zweifelhaft. Die letzten Tage brachten viel Regen, immer und immer wieder, zwischendurch schaute die Sonne raus, bevor es wieder anfing zu regnen. Der Wald ist tropfnass, was die Förster freut und den Waldbesetzern zu schaffen macht. Es sind nur wenige, die dem Dauerregen standgehalten haben, aber die sind guter Laune. Statt rumzuwerkeln, hocken ein paar auf der mehr oder weniger regendichten Küchenplattform, trinken Kaffee, labern und klimpern rum. „A Bärle“ hat es sich im Baumhaus in der Nachbarschaft gemütlich gemacht. Und weiter oben verkündet ein Transparent: „Viva la vulva!“ It’s a rainy day, hallelujah!
Samuel Bosch, Initiator des Baumcamps, ist wie immer – seit einem halben Jahr – präsent. Es war schon ungemütlicher mit Kälte und Schnee, meint der Ravensburger. Aber erst vor wenigen Tagen war er richtig krank, eine Erkältung, nichts Schlimmes mit 19 Jahren, krank halt, jetzt ist der Hüter des Waldes wieder munter und empfängt uns. Für den Wettermann aus Bad Schussenried ist es der erste Besuch im anarchistischen Hotspot Oberschwabens, der bereits bei Google Maps zu finden ist. Pensionierter Volksschullehrer trifft aktiven Schulunterbrecher. Jungrevoluzzer trifft Altrevoluzzer!

eBLIX 0346

Anreise per Fahrrad und die Botschaft vor Augen. Richtig, hier geht‘s zum Baumcamp.

Begeistert erzählt der 67-jährige Ex-Motzer von längst vergangenen Zeiten, als er und andere Jugendliche im Kampf um ein „Juze“ Schussenried aufgemischt haben. Ihr Kampfblatt war der „Motzer“, eine autonome Jugendpostille, die das tiefschwarze Oberschwaben radikal provozierte. Role, wie Roth landauf landab genannt wird, war zusammen mit seinem Kumpel Oswald Metzger und deren Gefolgschaft Bürgerschrecks. Es grüßten die 68er und es folgten die Grünen.
Das ist lange her. Und ebenso lange ist bekannt, dass grundsätzlich was falsch läuft. 1972 erschien der „Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“ und über „Die Grenzen des Wachstums“. Der internationale Club von Wissenschaftlern warnte eindringlich und forderte, „ganz neue Vorgehensweisen (…), um die Menschheit auf Ziele auszurichten, die anstelle weiteren Wachstums auf Gleichgewichtszustände führen“. Bereits ein Jahr zuvor (1971) warnten die Wissenschaftler der Deutschen Physikalischen Gesellschaft vor dem menschengemachten Klimawandel. Und acht Jahre später (1979) fand die 1. Weltklimakonferenz statt, woraus der Weltklimarat (IPCC) als wissenschaftliches Gremium entstand, der bis heute mit immer umfänglicheren und detaillierteren Studien vor der Klimakrise warnt. Was ist schief gelaufen und was läuft immer noch schief?
Wir wissen (fast) alles und tun (fast) nichts – zumindest viel zu wenig. Mit dieser Erkenntnis und ihrer bedrohten Zukunft vor Augen klettern die jungen AktivistInnen auf die Bäume, um ein kleines Stück Wald (11 Hektar) vor der Abholzung zu schützen. Samuel Bosch erkennt den Fehler im System, das auf den ruinösen Verbrauch von natürlichen Ressourcen aufbaut und diesen belohnt. Kies ist dafür das Symbol für den Profit, der damit gemacht wird. Bosch: „Das System ist falsch!“ Es muss geändert werden, aber wie? Die Zeit läuft davon. Samuel Bosch sieht das Dilemma: ihr Lebensexperiment im Altdorfer Wald ist eine Graswurzel, wie soll damit die Welt verändert und der Klimakollaps verhindert werden? „Wir kämpfen gegen Windmühlen“, sagt der sanfte Streiter, „ich versuche, alle mitzunehmen“. Denn „nichts tun, ist keine Option“, sagt der Waldschützer. Zustimmung vom Wetterexperten Roland Roth: „Macht weiter so!“

 

Autor: Roland Reck

Fotos: Peter Zeh

Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben!

­