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Biberach - Es ist wahrlich nicht die erste Ausstellung, in die Frank Brunecker ins Museum Biberach einlädt. Der Leiter des städtischen Museums hat seit 1997 eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Themen präsentiert. Das ehemalige Braith-Mali-Museum beschränkt sich schon lange nicht mehr auf Kunst & Kultur, sondern gräbt in der städtischen Geschichte genauso wie es große örtliche Unternehmen ins Museum holt. Museal ist nur der Ort, die Themen sind es nicht, mal Leichtes über das Schützentheater, mal Schweres über die nationalsozialistische Geschichte der Stadt, und immer wieder Naturkundliches: über den Wald, das Wasser und jetzt „Bienen & Co“. Zu der Frank Brunecker sagt: „Ich bleib’ ratlos zurück.“

Und das soll was heißen. Denn der Mann ist nicht nur klug, sondern auch rhetorisch versiert, was der 58-jährige Historiker für gewöhnlich bei seinen Ausstellungseröffnungen eindrucksvoll unter Beweis stellt – und worauf er bei den Bienen wegen einem Virus verzichten musste. Ohne Corona wären die Bienen, die durch ein Flugloch emsig aus- und einfliegen und live in einem Bienenkasten im Ausstellungsraum zu beobachten sind, schon längst wieder aus dem Museum ausgezogen. Denn eigentlich hätte die Ausstellung schon im Frühjahr letzten Jahres beginnen sollen. Eigentlich. Aber nun ist die Pforte geöffnet für die Vielen, die hoffentlich diese Ausstellung besuchen, um über ein Naturwunder und dessen Bedrohung zu erfahren.
Wer denkt bei Bienen nicht an die honigsüße Maja und ihren immermüden Freund Willi? Das ist der Honig mit dem die Besucher gelockt werden sollen, denn Bienen sind die Stars unter den Insekten, sie lösen positive Emotionen aus: Freude und Dankbarkeit für ihr emsiges Tun. Die kleinen haarigen Brummer versüßen unser Leben und sind Hoffnungsträger für ein Leben in Harmonie mit der Natur. Dabei sind sie „Haustiere“, stellt der Ausstellungsmacher nüchtern fest. Der Mann hat einst auch noch Philosophie und Politikwissenschaften studiert und sich nun offensichtlich berufsbedingt zum naturkundlichen Experten, einem Etomologen, weitergebildet.

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Frank Brunecker inmitten seiner Bienen-Ausstellung, die mit süßen Bienen ein bitteres Thema behandelt. Aber der Familienvater legt großen Wert darauf, dass Eltern mit Kindern und Schulklassen sich auch spielerisch bewegen können. Sein Anspruch: „Biene & Co.“ familiengerecht. Foto: Reck

Also, es geht um die Honigbiene als Lockvogel, und es geht um deren riesige Verwandtschaft, das sind zuallererst die Vielzahl an Wildbienen, die zu der für die menschliche Ernährung so wichtigen Bestäubung viel mehr beitragen als Maja, und es geht um die gigantische Familie der Insekten, auch Kerbtiere genannt, die als artenreichste Klasse unter den Tieren, deren Basis bildet. Und diese Basis ist massiv bedroht. Es wird Artensterben genannt und ist menschengemacht.
Das ist wahrlich nicht neu. Seit Jahrzehnten beobachten Experten den dramatischen Rückgang der Kleinlebewesen und warnen vor den Konsequenzen. So auch die 2017 bekannt gewordene „Krefelder Studie“, die zu dem erschreckenden Ergebnis kam, dass in den letzten 30 Jahren 76 Prozent der Insektenmasse verschwunden sind, „was auf einen Rückgang der Häufigkeit vieler Arten schließen lässt“, erklärt Brunecker. Aufgeschreckt recherchierte der Museumsmann vor der eigenen Haustür – „Krefeld ist weit weg“, meint der gebürtige Oldenburger – und bekam aus Expertenmunde ähnlich erschreckende Befunde für Oberschwaben zu hören. Brunecker: „Die Insekten sterben auch bei uns.“ Der Entschluss zur Ausstellung war überfällig.
„Dann kam Corona“, berichtet Brunecker. „Die anfängliche mediale Aufmerksamkeit für das Insektenthema ist ins Bodenlose abgesunken. Insekten haben keine Lobby.“ Aber Maja und ihre Sippschaft haben nicht nur Imker, die sich fürsorglich um sie kümmern, sondern vor allen Dingen ein positives Image. So gelang es in Bayern einer Bürgerinitiative, 2019 einen Volksentscheid durchzusetzen, der Söder grün mutieren ließ, woraufhin der bayerische Landtag ein Gesetz zum Ausbau der ökologischen Landwirtschaft beschloss. Ähnliches folgte in Baden-Württemberg. Der Initiative „Pro Biene“, die im Mai 2019 ein Volksbegehren auf den Weg bringen wollte, kam die grün-schwarze Landesregierung eilig zuvor und weit entgegen, indem der Landtag im Juli 2020 das so genannte „Biodiversitätsstärkungsgesetz“ beschloss, das den Ausbau der Biolandwirtschaft bis 2030 von knapp zehn Prozent aktuell auf 30 bis 40 Prozent steigern und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln um 40 bis 50 Prozent reduzieren soll.
Die Ausstellung hält nicht hinterm Berg, wo die hauptsächlichen Gründe des Insektenschwunds zu finden sind. „Unsere Bauern hören es nicht gern“, weiß Brunecker, „aber unsere Landwirtschaft ist die Hauptursache für das Insektensterben“. Darüber herrsche unter Fachleuten „große Einmütigkeit“. Ursächlich sei „die Effizienssteigerung der Produktionsmethoden in den letzten Jahrzehnten“, konstatiert Brunecker. Es gehe nicht darum „die Landwirtschaft an den Pranger zu stellen und allein verantwortlich zu machen“. Es gehe vielmehr um eine „gesamtgesellschaftliche Verantwortung“. Denn, so Brunecker, „wir haben die Landwirtschaft, die wir mehrheitlich wollen und die einer jahrzehntelangen Landwirtschaftspolitik in Deutschland und in der Europäischen Union entspricht“.

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Die Ausstellung informiert über die Arbeit der Imker.

Der integrative Ansatz der Ausstellung findet sich auch in der erstaunlichen Tatsache, dass der Museumschef trotz seiner kritischer Analyse den Bauernverband dafür gewinnen konnte, an Hand von sieben ausgewählten Höfen die Lebenswirklichkeit moderner Bauersleut zu dokumentieren. Die Spannbreite reicht vom konventionellen Kleinbauern über den Öko-Schweinemäster bis hin zum hoch technisierten Bioenergielandwirt. Was früher selbstverständlich war, der Bauer als Nachbar, muss heute den Menschen im Museum nahe gebracht werden.
„Was können wir tun?“ So lautet das letzte Kapitel in dem umfassenden mit vielen schönen Fotos illustrierten und unbedingt lesenswerten Begleitbuch zur Ausstellung. Diese Frage quält Frank Brunecker. Man spürt die Sorge, seine große Sorge um die Zukunft seiner vier Kinder, die beiden Jungs sind noch im Grundschulalter. Was wird aus dieser Welt, wenn zutrifft, dass unser Umgang mit dem Klimawandel darüber bestimmt, wie wir zukünftig (nicht mehr) leben, aber das Artensterben viel fundamentaler darüber entscheidet, ob wir (über)leben? Niemand hat Bock auf die Katastrophengesänge. Die Schuldzuweisungen sind wohlfeil. Misstrauisch beäugen wir uns und haben Angst um unseren Wohlstand. Und Frank Brunecker fällt dazu (nur) ein: „Wir müssen lernen zu verzichten.“ Das ist die eine Seite der Medaille, über die andere klärt uns der französische Philosoph Voltaire (1694 – 1778) auf, der in seiner Weltuntergangssatire „Candide“ (1759) im letzten Satz empfahl: „… il faut cultiver notre jardin.“ Wir müssen unseren Garten bestellen, lautet der philosophische Ratschlag und erinnert an Luthers Apfelbaum als Zeichen der Hoffnung. Aber nicht nur, die Ausstellung gibt den BesucherInnen ganz konkrete Ratschläge für einen insektenfreundlichen Garten oder sei es auch nur die insektenfreundliche Bepflanzung von Terrasse und Balkon mit auf den Heimweg. Denn, so erklärt Frank Brunecker, „in Deutschland gibt es etwa 15 Millionen Gartenbesitzer und ebenso viele Menschen mit Balkon oder Terrasse. Hier ruht Potenzial für Refugien des Möglichen.“ Jeder Quadratmeter zählt – wir sollten nicht darauf verzichten und dem Philosophen folgen!

 

Autor: Roland Reck

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