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Ravensburg - In seiner bewegenden Rede zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren sagte Bundespräsident Steinmeier „die sich in ihrem nationalistischen Wahn gar noch auf deutsche Kultur und Zivilisation beriefen… schändeten alle Grundsätze der Humanität und des Rechts…So schwer es uns fallen mag: Daran müssen wir erinnern. Diese Erinnerung bleibt uns Deutschen eine Verpflichtung.“ Dies gilt auch für andere Verbrechen unter dem Nationalsozialismus wie die ungeheuerliche Gewalt, den Rassismus gegen die Sinti und Roma.

Die von Peter Fritsch mit hervorragendem Tiefgang kuratierte Ausstellung „Ausgrenzung und Verfolgung“ im Museum Humpis Quartier in der Marktstraße zeigt am Mikrokosmos der Sinti im außerhalb der Stadt gelegenen Quartier Ummenwinkel die Methoden, die Systematik des Anti-Ziganismus, geht dann aber in den gesellschaftlichen Überbau und erklärt die lange Vorgeschichte der Kriminalisierung und Stigmatisierung der Sinti und Roma in Deutschland.
Bereits 1472 verordnet der Kurfürst von der Pfalz, „keyn zigener durch seyn gna-den lande oder gebiete faren zu lassen“. Seit dem Mittelalter breitet sich in ganz Europa der Anti-Ziganismus aus. 1551 verfolgte Kaiser Karl V. sie als „Spione des Osmanischen Reiches.“ „Europa erfindet die Zigeuner“, ist der Titel des umfassendsten Sachbuchs zu Sinti und Roma von Klaus-Michael Bogdal, Suhrkamp Verlag 2014. Eine der Ausnahmen ist der Sprachforscher Johann Christian Rüdiger an der Universität Halle anfangs des 19. Jahrhunderts. Er erforscht ihre Sprache Romanes und sieht sie aufkläre-risch-humanistisch als „gleichwertige Menschen“. „Man fieng an, die Unschuldigen als Feinde zu behandeln, nöthigte sie, das zu werden, was sie nicht wollten und waren.“ 1911 organisierten die Länder Württemberg, Baden, Hessen, Sachsen, Bayern und Preußen in München eine „Konferenz zur Bekämpfung der Zigeunerplage.“ Fotos aus den 20er Jahren zeigen in der Ausstellung die systematische Ausgrenzung in Ravensburg: sie durften an der Schussen nur in ihren Wagen wohnen. Genaue Zahlen hat nie jemand aufgeschrieben, den Fotos nach zu urteilen waren es unter zehn Familien. Die Zahl wechselte, weil sie alle von „fahrendem Gewerbe“ lebten.

Sie lebten vom fahrenden Gewerbe
Sie handelten mit Pferden, verkauften „Kurzwaren“, also Unterwäsche, selbst Gestricktes für Frauen, Tischdecken, Salben, einfache Antiquitäten und religiöse Utensilien. Scherenschleifer waren unter ihnen, die Töpfe löteten und „Lumpa und Alteisa“ sammelten. „Alles war gestohlen“, hieß es im Volksmund. Dann wurden im Gemeinderat Verordnungen „gegen das Zigeunerunwesen“ und das Aufenthaltsverbot in der Stadt beschlossen, unter Oberbürgermeister Hans Mantz. (Nach diesem Herrn ist bis heute in Ravensburg eine Straße benannt!) Es folgte das Siedlungsverbot in den Außengebieten. Sie durften sich nicht mehr frei bewegen und ihrem Kleinhandel nachgehen, sondern wurden in das „Zigeunerlager“, die Schussensiedlung Ummenwinkel, eingezäunt, unter dem politisch „gesäuberten“ Gemeinderat unter dem Nazi-OB Rudolf Walzer. Es waren zwischen 100 und 200 Sinti, diese Zahl war nicht konstant, weil für viele Sinti, wie Magdalena Guttenberger es von den Alten überliefert bekam, die das Lager überlebten, nachts in die Wälder flüchteten. „Und die Sinti haben nie gerne Zahlen über sich genannt“. Der Handel mit gebrauchten Möbeln, mit Textilien oder gar mit Pferden brach zusammen, manche verdingten sich heimlich bei Handwerkern außerhalb der Stadt oder als Erntehelfer. Hunger machte sich breit.

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In Heidelberg entsteht das neue Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma.  Entworfen wurde es von den Architekten bez+kock. Die Planung von Neubau und Sanierung soll voraussichtlich 2022 beginnen. 

Erfreulicherweise überlebten die Fotos des Buchdruckers Zitrell diese Zeit. Sie zeigen „das fahrende Volk“, ein wenig Exotismus, aber auch sehr schöne Portraits, Mütter mit ihren Kindern, Nähe und Zuneigung, aber kein Rassismus. Kurator Peter Fritsch stellt die Bezüge zum politischen Umfeld her: die „Arisierung“ der jüdischen Kaufhäuser, die Flucht dieser Familien nach Brasilien, Uruquay und Palästina; die Propaganda mit dem „Weltjudentum“ (das heute in Verschwörungstheorien wieder auftaucht); die Verfolgung und Verhaftung von KPD- und SPD-Gemeinderäten, die Massenaufmärsche und die Nazifahnen an jedem Haus in dieser „idyllischen“ Stadt. Wo, fragt man sich als 1945 geborener Besucher, wo waren die Eltern, die Großeltern, die Nachbarn? Das Grauen packt einen, wenn man die Dokumente der Mediziner liest, die an der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ die Köpfe der „Entarteten“ vermaßen, Sterilisationen durchführten, um die Ausweitung angeblich erwiesener „Erbkrankheiten“ und die Vermehrung „geborener Verbrecher“ zu verhindern. Eine kluge Idee der Ausstellungsmacher: auf den Treppen ins Obergeschoss des Museums sind einige Sätze der Rassenmediziner aufgeklebt. Die Symbolik bleibt offen: zertritt man diese Bestialitäten, auf dass sie nie wieder auferstehen, oder merkt man, wie rasch man Menschen niedertritt? Am 15. März 1943 wurden 34 Sinti aus dem Ummenwinkel nach Auschwitz-Birkenau transportiert. 29 wurden ermordet. An sie erinnert ein Mahnmal an der St. Jodok-Kirche in der Ravensburger Unterstadt.
Die ersten Jahrzehnte nach 1945 waren in Ravensburg eine Schande gegenüber den Überlebenden. Der Metallzaun war entfernt worden, die Stadt hatte Baracken auf Pfosten errichtet, darunter Matsch. Das kam billiger als das Gelände zu schottern oder zu teeren. Julius Guttenberger war im KZ Dachau misshandelt worden und zu Fuß in den Ummenwinkel zurückgelaufen, ein paar waren zu Fuß über Monate von Auschwitz zurückgelaufen. Für die medizinischen Versuche, für die Zwangsarbeit im Straßenbau, die Qualen in den KZs gab es anfangs keine Entschädi-gungen. Die erste, 3000 Mark, bekam die Familie Guttenberger nach 22 Jahren. Im staatlichen Bescheid hieß dies “Soforthilfe“. Die Frauen gingen hausieren mit Kurzwaren, mit Knöpfen und Hosengummis, in den Dörfern weit über den Kreis Ravensburg hinaus, sie wurden in Naturalien bezahlt, die Männer wurden zur Rüben- und Kartoffelernte erwartet. Ganz langsam begann Julius sen. Guttenberger wieder mit dem Pferdehandel.

Kein Wasser, kein Strom, kein Klo
Bis in die 7oer Jahre gab es kein Klo. Sie baten sich an der Schussen einen „Stand“ oder gingen in den Wald. Bis 1984 gab es kein fließendes Wasser und keinen Strom. Die Situation änderte sich in den 80er Jahren mit dem Engagement von SPD-GemeinderätInnen. Die heute dringend sanierungsbedürftigen Holzhäuser wurden gebaut, die erste „Spielstube“ entstand, in der Sinti-Kinder ohne Diffamierungen gefördert wurden.
Heute leben im Ummenwinkel acht Familien, es gibt für die Jugendlichen den „Sinti-Power-Club“, alte kulturelle Wurzeln blühen wieder auf - es entstand ein Klezmer-Trio, wie früher werden alte Möbel restauriert, die Jungen sind in vielen Berufen tätig, die Alten und die Jungen pflegen ihr kulturelles Erbe - und das heißt auch ihre Sprache Romanes, und alle leben, inzwischen mit vielen Nicht-Sintis, die Erinnerung. Dazu gehört auch, woran in der Sinti-Ausstellung im Humpis-Museum erinnert wird: die unerträgliche juristische „Unbescholtenheit“ der meisten Täter, auch in Ravensburg, ein Erbe der Adenauer-Zeit.

Nie wieder?
Eine umfassende Untersuchung zum Ausmaß der heutigen Diskriminierung von Sinti und Roma durch eine Unabhängige Kommission im Auftrag des Bundestages ergab, dass Antiziganismus „ein massives gesamtgesellschaftliches Problem in Deutschland darstellt“.
Die Ausstellung läuft bis 31. Januar 2022

Zwei Bücher zur Ausstellung:
Ester Sattig, Das Zigeunerlager Ummenwinkel Ravensburg“, 448 S., 24 Euro, Metropol Verlag. Magdalena Guttenberger und Manuela Werner, Die Kinder von Auschwitz singen so laut. Books on demand, 28 Euro.

 

Autor: Wolfram Frommlet

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