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Ulm/Achberg - Einem der wichtigsten Vordenker der grünen Idee widmet das Museum Ulm eine spannende und hoch aktuelle Ausstellung. Überraschend sind die vielfachen Bezüge des vor hundert Jahren am Niederrhein geborenen Künstlers nach Baden-Württemberg.

Fünfundsiebzig Jahre nach den ersten freien Kommunalwahlen in Deutschland und zwei Tage nachdem die Grünen die Landtagswahl in Baden-Württemberg mit 32,6 Prozent der Stimmen klar gewonnen haben, wird in Ulm eine Ausstellung eröffnet, die einem der wichtigsten deutschen Nachkriegskünstler gewidmet ist: Joseph Beuys. Er war 1980 auf dem Gründungsparteitag der Partei „Die Grünen“ in Karlsruhe dabei, kandidierte für das Europaparlament und für den Bundestag. Die Grünen scheiterten damals an der Fünf-Prozent-Hürde. Trotz zunehmend divergierender Vorstellungen blieb Beuys bis zu seinem Tod Mitglied der Partei.
Beuys lebte und arbeitete in Düsseldorf, hatte aber viele Verbindungen in den Südwesten der Republik. Nicht nur bezog er den Filz, der bei vielen seiner Objekte eine wichtige Rolle spielte, aus Giengen an der Brenz; auch seine berühmte Honigpumpe, die auf der documenta in Kassel 1977 für Furore sorgte, kam von der Pumpenfabrik Wangen KG. Die wichtigste Verbindung mit unserer Region schufen jedoch seine regelmäßigen Besuche im Allgäu. Dort war mit seiner ideellen und finanziellen Hilfe 1971 das heute noch aktive Internationale Kulturzentrum Achberg (INKA) gegründet worden. Seit damals setzt sich der gemeinnützige Verein INKA für eine freie Entfaltung der Kultur und einen demokratischen Rechtsstaat auf Grundlage von Wahlen und Abstimmungen ein, für ein am Bedarf orientiertes Wirtschaftsleben sowie für ein allen dienendes Geldwesen. Themen, die auch Beuys umtrieben. Rainer Rappmann, der sich als Nachzögling der 68er Bewegung sieht und die Idee der Sozialen Dreigliederung, wie sie vom Anthroposophen Rudolf Steiner vertreten wurde, weiterentwickelte, traf Beuys erstmals 1973. Beuys hielt damals beim INKA Jahreskongress auf einer Wiese mit rund hundert Teilnehmern das Seminar „Kunst im Wirtschaftsbereich“. Der 22jährige Pädagogik-Student Rappmann lieh sich spontan eine Kamera und machte Aufnahmen. Dies war der Beginn des auf den Begriff der „Sozialen Skulptur“ ausgerichteten Archivs Rainer Rappmanns.

 

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Von links: Aloys Wilmsen, früher Leiter des Pumpenwerks Wangen, Stefanie Dathe und Rainer Rappman bei der Ausstellungseröffnung.

 

Rappmann, der bei der Ausstellungseröffnung durch den seinem Archiv gewidmeten Raum führte, ist überzeugt, dass Beuys seiner Zeit weit voraus war. Vor allem in seiner Gabe, Menschen Mut zu machen, sich auf ihre Kreativität und Schöpferkraft zu besinnen. „Beuys war immer auf Augenhöhe mit uns“, erinnert er sich.
„Ich habe für mich ein neues Bild von Beuys erschlossen“, erklärte Stefanie Dathe, Direktorin des Museums Ulm, nachdem sie sich bei der Vorbereitung der ungewöhnlichen Ausstellung intensiv mit dem Film- und Audiomaterial beschäftigt und für die Ausstellung zusammengeschnitten hatte. „Das Archiv hat einen großen Wert für uns, wir setzen uns dafür ein, dass es weiter ausgewertet wird“.
Rappmann zog 1975 nach Achberg und lebt bis heute dort mit seiner Frau Annette. Auf die Frage, ob heute auch junge Menschen mit den in Achberg vor allem in den 1970er und 80er Jahren diskutierten Themen etwas anfangen können, meint Rappmann: „Ja, der Schutz von Natur und Umwelt war uns schon immer ein Anliegen. Zu unseren Seminaren kommen durchaus auch Jugendliche. Wir hatten zuletzt 2019 ein großes Fest zur Denkschule der Anthroposophie. Bei der Dreigliederungsidee ist der Geldbegriff sehr wichtig. Beuys sagte, nicht Geld sei das Kapital sondern die Kunst. Geld sei nur ein Mittel, um Kunst umzusetzen. Meine Frau plant für Juli eine Jugend-Zusammenkunft zum Thema Dreigliederung. Wir arbeiten auch mit bei Fridays for Future in Wangen.“

 

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Filzanzug von Joseph Beuys. 

 

Was in der Schau in Ulm nicht thematisiert wird, ist, dass Beuys die Demokratie für einen schlimmen Irrweg hielt, er ähnlich wie heute die AfD gegen die „Parteiendiktatur“ polemisierte und die Umweltbewegung mitunter als “Spinat-Ökologismus“ belächelte. Er redete auch schon mal von der “Auferstehungskraft“ des deutschen Volkes und wurde von seinen Anhängern als Heilsbringer verehrt, der eine Welt ohne kapitalistische Zwänge wollte, der mit seiner Kunst jedoch gut verdiente. Dokumentiert werden in der Ausstellung (und im Katalog) etwa die Wandtafeln seiner Installation „Demokratische Zentralbank“ und die Podiumsdiskussion von 1984 in der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche in Ulm zum Thema Was ist Geld?, in der der Künstler mit Ökonomieprofessoren und einem Banker auftrat.
Als Jugendlicher war der spätere Soldat der Luftwaffe überzeugter Nationalsozialist. Dass sein Flugzeug 1944 nicht auf der Krim abgeschossen und er auch nicht von nomadisierenden Tartaren gepflegt, mit Fett eingerieben und mit Filz gewärmt wurde, wie er gerne erzählte, ist nachgewiesen. Nach dem Absturz seiner Junkers JU-87 wurde er im Feldlazarett behandelt. Der Jahrhundertkünstler mit Hut und Anglerweste erschuf sich eben nicht nur in seiner Kunst, sondern auch in den Geschichten über sich. Aber das ist nicht Thema der Ulmer Ausstellung. Auch nicht, dass er den Mord an sechs Millionen Juden mehrfach relativierte. Im Museum Ulm geht es um seine Bezugspunkte nach Baden-Württemberg - und die sind hoch interessant und vielschichtig.
Neben spannendem Foto- und Videomaterial, Hörstationen sowie Texten und Plakaten werden in den Ausstellungsräumen im Erdgeschoss auch ikonische Exponate gezeigt wie der mit Filz, Fett und Stablampe bepackte Schlitten von 1969, der Filzanzug von 1970, die Rose für direkte Demokratie von 1973 oder die Capri-Batterie von 1985.
Wie Kuratorin Sabine Heilig erläutert, ging es den Ausstellungsmachern auch darum, „die Stimmung damals in Achberg erlebbar zu machen“. Dazu trägt nicht zuletzt die nachgebaute niedrige Sitzgruppe der dortigen Teestube bei.
Der überaus sehens- und lesenswerte 320seitige Katalog zur Ausstellung „Ein Woodstock der Ideen – Joseph Beuys, Achberg und der deutsche Süden“, erschienen im FIU-Verlag von Rainer Rappmann, kostet 28 Euro. Die Ausstellung, für die Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Schirmherrschaft übernommen hat, endet in Ulm am 4. Juli und ist vom 24. Juli bis 31. Oktber in der Kunsthalle Vogelmann Heilbronn zu sehen. Informationen auch zum (geplanten) vielfältigen Begleitprogramm unter www.museumulm.de.

 

Text und Fotos: Andrea Reck

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