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Achberg - „Martha Stettler - Eine Schweizer Impressionistin in Paris“ ist bis 18. Juli im Schloss Achberg zu sehen. Das erstmals in Deutschland präsentierte OEvre gibt Einblick in die Kunst- und Frauengeschichte zur vorletzten Jahrhundertwende. Kuratiert wurde die Werkschau von Corinne Linda Sotzek (Zürich), die über die Künstlerin promovierte.

Im September 1870 als zweite Tochter des Archtitekten Eugen Stettler, der selbst ein vorzüglicher Aquarellist war, und Ehefrau Clara von Fischer in Bern geboren, hatte Adelheid Fanny Martha Stettler fünf Schwestern und einen Bruder. Martha besuchte ab 1886 die Berner Kunstschule, wo sie die baltische Malerin Alice Dannenberg (1861-1949) kennen- und lieben lernte. Aus anfänglicher Bekannt- und Freundschaft entwickelten die unverheirateten Frauen eine lebenslange Wohn- und Schaffensgemeinschaft, wurden zu unzertrennlichen Lebenspartnerinnen.
Nach kurzer Zwischenstation an der Genfer École des Baux-Arts erfolgte 1893 beider Übersiedlung nach Paris, wo sie sich in einem Atelierhaus niederließen, dessen Garten als paradiesischer Rückzugsort diente. Dort erhielt Stettler in Luc Olivier Mersons Privatakademie Unterricht in der Malerei auch männlich muskulöser Akte, wie die über Stettler promovierte Sotzek gleich anfänglich am Objekt demonstrierte. Für die damalige Zeit höchst emanzipiert, gefiel sich die Künstlerin in einer ausgeprägt freien und selbstbestimmten Lebensführung. Als Mitbegründerin der Académie de la Grande Chaumiére, die sie mit Dannenberg von 1909 bis 43 leitete, erntete Stettler namhafte Auszeichnungen, wie zum Beispiel die Medaille 1. Klasse der Weltausstellung 1910 in Brüssel. Als erste Frau vertrat sie die Schweiz 1920 auf der XII. Biennale von Venedig.

 

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Martha Stettler, Intimité (um 1912)

 

Im Ausstellungsfokus stehen zwischen 1900 und den 1920er Jahren meist in Paris entstandene Werke. Sie lassen sich in zwei Werkgruppen gliedern: die Landschaftsbilder der Schweizer Bergwelt und die Figurenbilder, die meist in öffentlichen Pariser Parkanlagen und privaten Gärten angesiedelt sind. Ihre Bildsujets fand sie in ihrer unmittelbaren Umgebung, sei es im Berner Oberland oder im benachbarten Jardin du Luxembourg. Ihre zeitgenössische, jedoch nicht avantgardistische Malweise von hoher künstlerischer Qualität entspricht dem bürgerlichen Kunstgeschmack ihrer Zeit.
Wie das um 1908 entstandene Ölgemälde auf Leinwand „Les petites mamans“ zeigt, sind es Baumstämme, die die Komposition rhythmisieren und die verschiedenen Bildebenen verbinden. Wie klar zu erkennen ist, legt die ganz der impressionistischen Pleinair-Malerei verpflichtete Künstlerin ihr Hauptaugenmerk auf die malerische Ausgestaltung der unterschiedlichen Lichtverhältnisse. Sonnenflecken überziehen die beschatteten Kiesflächen. So spürt man die sommerliche Wärme. Ähnlich einem fotografischen Schnappschuss erfasst Stettler den Moment, in dem ihre Figuren agieren. Dabei sind die Gesichter nicht individuell gestaltet. Die Physiognomie bleibt angedeutet. Mit leuchtendem Rot gestaltet die Malerin immer wieder besondere Blickfänge.

 

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Martha Stettler, Tanz auf der Alp (zwischen 1905 und 1911)

 

Während Martha Stettlers Parkbilder, zum Beispiel die aus dem Versailler Schlosspark, eine öffentliche Szenerie darstellen, zeigen die Interieurs in sich abgeschlossene Räume mit Stillleben-Charakter. Das um 1912 entstandene Bild „Intimité“ gestaltet innerbildliche Beziehungen zwischen den Figuren. Die am Tisch sitzenden beiden Mädchen richten ihre Aufmerksamkeit auf das am Boden sitzende Hündchen. An straffer Leine gehalten, blickt der Hund zur Halterin empor, woraus sich ein geschlossenes Beziehungsdreieck ergibt. Derartige für die Malerin typische Verbindungen kommen auch in Parkbildern wie „Les petites mamans“ vor. Mittels Körperhaltung, Blickrichtung oder Gesten werden Beziehungsnetze geschaffen. Sie erwecken den Eindruck, als würde im Bild eine Erzählung entstehen.
Als legendär gilt Martha Stettlers Liebe zu Katzen. Überall im Haus geduldet, hielten die Damen bis zu acht Katzen, die oft zu unfreiwilligen Modellen wurden und Eingang in unzählige Skizzen und Gemälde fanden. Wie in dem Bild von 1916 „Zwei Katzen auf einem Korbstuhl mit gelbem Kissen“ liegen die Tiere, einfache Haus-, aber auch Rassekatzen, im Garten in Korbstühlen oder sind drinnen auf edel helle Kissen gebettet. Besucher kamen nicht umhin, sich mit den samtpfotigen Vierbeinern zu arrangieren. Eine befreundete Malerin: „Es ist sehr gemütlich in dem reizenden Häuslein, aber die Katzen stinken und ich muss ein nasses Biskuit essen, das der Popperli abgeschleckt hatte.“
Ab 1900 unternimmt die Künstlerin immer wieder Ausflüge in die heimatliche Bergwelt der Berner Alpen, vorzugsweise nach Lauenen bei Gstaad im Berner Oberland, wo sie ihre Alpenmalerei entwickelt. Der 1911 vollendete „Tanz auf der Alp“ aus Martha Stettlers Nachlass ist ein eindrucksvoll großformatiges Gemälde, das eine singuläre Sonderstellung einnimmt, denn alle anderen Berglandschaften sind menschenleer dargestellt. Bei der Figurendarstellung orientiert sie sich kompositionell an den in Paris entstandenen Werken. Die Wahl der Vogelperspektive erlaubt ihr Überblicksdarstellung. Gleichwertig zu der bei Trunk, Musik und Tanz gesellig feiernden Menschenmenge behandelt sie die in großen Flächen zusammengefasste Topografie. Das traditionsreiche, Stubete genannte Bergfest wird bis heute am 1. Augustsonntag ausgelassen gefeiert.
Nach ihrem Tod im Dezember 1945 richtete die Kunsthalle Bern eine monographische Ausstellung ein. Danach gerät ihr Gesamtwerk schnell in Vergessenheit. Die Achberger Ausstellung leistet einen wertvollen Beitrag, es zu neuem Leben zu erwecken. Zugleich gibt sie Einblick in ein Kapitel Frauengeschichte zur Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

 

Autor: Horst Hacker

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