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Baden-Württemberg - Auf der Alb wurde 2008 ein Biosphärengebiet eingerichtet, 2016 kam das Biosphärengebiet Südschwarzwald dazu. Wird in Oberschwaben-Allgäu das dritte im Bunde sein? BLIX hat sich umgeschaut und nach dem Für und Wider gefragt. Unsere Empfehlung: ideal für „Urlaub dahoim“!

Die Initiative für das  Biosphärengebiet Schwäbische Alb ging 1991 aus von Michael Succow und Markus Rösler vom NABU-Bundesverband. Der 2005 als Ministerpräsident ins Amt gekommene Günther Oettinger förderte das Projekt als „Leuchtturmprojekt“ des Landes und ermöglichte das erste Großschutzgebiet in Baden-Württemberg. Bad Urach, Münsingen und Römerstein im Landkreis Reutlingen grenzten direkt an den damaligen Truppenübungsplatz und waren die ersten Kommunen, die einem Biosphärengebiet beitreten wollten. Engagierte Naturschutz- und Umwelt-, Landwirtschafts-, Wirtschafts- und Tourismusverbände trugen dazu bei, dass noch wesentlich mehr Fläche dazukam. Diese Gruppierungen waren schon gemeinsam im landeseigenen Förderprogramm PLENUM (Projekt des Landes zum Erhalt und Entwicklung vom Natur und Umwelt) zusammengeschlossen. 

Am 1. Januar 2006 trat das Landesnaturschutzgesetz von Baden-Württemberg in Kraft, mit dem nicht mehr ein eigenes Gesetz zur Errichtung eines Biosphärenreservates/-gebietes, sondern „nur“ noch eine Verordnung erforderlich wurde, um ein entsprechendes Gebiet einzurichten. Geschützt wird der Lebensraum zahlreicher Tiere wie Rotmilan, Wanderfalke, Wespenbussard, Raufußkauz, Heidelerche, Steinschmätzer, Berglaubsänger, Bechsteinfledermaus, Alpenbock, Schwarzer Apollo, Schwalbenschwanz oder der Blauschwarzer Eisvogel sowie zahlreiche seltene  Pflanzen wie Orchideen oder Silberdistel. Hang- und Schluchtwälder am Albtrauf sind einzigartige markante Teile des Gebietes. Diese Wälder ermöglichten als weltweites Alleinstellungsmerkmal die Anerkennung durch die UNESCO.

 

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Die Schwäbische Alb ist Berg und Tal: Blick vom Hohengundelfingen ins Lautertal.

 

Nummer eins: Schwäbische Alb 

85.270 Hektar auf der Schwäbischen Alb wurden 2008 als Biosphärengebiet des Landes Baden-Württemberg eingerichtet und ein Jahr später auch  als Biosphärenreservat der UNESCO anerkannt. Das Land Baden-Württemberg hat sich bewusst für den Begriff „Biosphärengebiet“ statt „Reservat“ entschieden. Das Biosphärengebiet hat eine rund 40 Kilometer lange Nord-Süd-Ausdehnung. Wichtiger Bestandteil ist der zentral im Schutzgebiet liegende ehemalige Truppenübungsplatz Münsingen mit dem aufgegebenen Dorf Gruorn. Typisch sind auch die Streuobstwiesen im mittleren Albvorland und Wacholderheiden, Magerrasen, Wiesen, Weiden, Ackerflächen und Wälder auf der Alb. Bemerkenswert ist, dass in das Schutzgebiet auch Zonen mit intensiver industrieller Nutzung wie Metzingen und Reutlingen aufgenommen wurde.

Die Schwäbische Alb ist bekannt für typische Gerichte wie „Leisa (Linsen) mit Spätzle“ oder Maultaschen. Ihre Herstellung vom Acker bis zum fertigen Produkt können Besucher bei Betrieben im Biosphärengebiet direkt miterleben. Die 110 als Biosphärengebiets-Partner ausgezeichneten touristischen Dienstleister und Unternehmen sowie die 20 Erzeuger und Verarbeiter der Regionalmarke Albgemacht setzen auf Regionalität, Natur- und Umweltschutz, Tierwohl, Nachhaltigkeit und Servicequalität. 

Die IHK Reutlingen, gefragt nach den Erfahrungen der Wirtschaft mit dem Biosphärengebiet, verweist an die beim Regierungspräsidium Tübingen angesiedelte Geschäftsstelle des Biosphärengebietes. Deren Leiter Achim Nagel zitiert eine 2019 durchgeführte repräsentative Umfrage unter Städten und Gemeinden, die Teil des Biosphärengebietes sind. Sie wurden befragt, wie sie sich bei einer erneuten Abstimmung 
 entscheiden würden. Lediglich zwei Prozent sprächen sich demnach gegen die Teilnahme aus. „Die Akzeptanz ist sehr hoch“, bestätigt Nagel. „Wir arbeiten auf Freiwilligkeitsbasis, was man ja schon auf der Gebietskarte sehen kann, in die einige ‚Fjorde‘ von Gemeinden hineinragen, die nicht Teil des Biosphärengebietes sein wollten. Erfreulich ist, dass es mittlerweile Anfragen oder Interessenbekundungen von vierzig weiteren Kommunen für das Einbringen weiterer Flächen in das Gebiet gibt. Wir sind eine Modellregion für nachhaltige Entwicklung, da wollen sehr viele mitmachen. Anfängliche Befürchtungen von Land- und Forstwirtschaft aufgrund der Naturschutzziele wurden immer auf sachlicher Ebene ausgetragen.“ Auf die Frage nach heutigen Kritikern ergänzt Nagel: „Manchen gehen die Entwicklungen zu langsam, etwa was die Mobilität im ländlichen Raum betrifft. Einige größere Unternehmen brauchen uns nicht, die haben eigenen Strategien auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit. Generell gilt: Wir müssen niemand zum Jagen tragen. Auch weil die Fördermittel sehr attraktiv sind.“ Auf das angedachte Biosphärengebiet Oberschwaben-Allgäu angesprochen, gibt er zu bedenken: „Jede Region muss ihren eigenen Weg finden. Dabei haben wir eine gemeinsame Geschichte. Das von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) Ende der 90er Jahre ins Leben gerufene PLENUM Modellprojekt umfasste damals unter anderen die Gebiete Allgäu-Oberschwaben und die Schwäbische Alb. Motto der PLENUM Naturschatzstrategie ist „Schützen durch Nützen“. Sie will ihre Ziele nicht per Verordnung von oben sondern auf freiwilliger Basis gemeinsam mit der Bevölkerung von unten partizipativ erreichen. Die Anknüpfungspunkte für ein Biosphärengebiet sind in Allgäu-Oberschwaben deswegen ideal.“

BLIX fragte den Ehinger Bürgermeister Alexander Baumann nach seinen Erfahrungen als OB einer Stadt, die Teil des Biosphärengebiets Schwäbische Alb ist und ob es Landwirte oder Gewerbetreibende gibt, die deswegen Nachteile beklagen. Seine schriftliche Antwort: „Ich bin überzeug davon, dass die Wertschätzung der Landschaft im Biosphärengebiet in der Außenbetrachtung zugenommen hat und insbesondere auch die Menschen, die im Biosphärengebiet Schwäbische Alb leben, einen neuen Blick auf das bekommen haben, was da vor ihrer Haustüre liegt. Wanderer, Urlauber, Besucher – es besteht Interesse am Biosphärengebiet Schwäbische Alb, und so ist auch ein ganz neues Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den zugehörigen Albteilorten entstanden. So wurde beispielsweise gemeinsam ein Besinnungsweg geschaffen, der über die Gemarkungen hinweg einlädt, das Mehr des Lebens zu entdecken. Aktive Landwirtschaft ist Teil unserer Kulturlandschaft, deshalb haben wir von Anfang an Wert darauf gelegt, dass die Landwirtschaft im Biosphärengebiet ihren Platz hat und existieren kann. Der Landwirtschaft sollen durch das Biosphärengebiet Schwäbische Alb keine Einschränkungen zuteilwerden. Wenn man heute sieht, wie viele Chancen sich für die Landwirtschaft aus dem Biosphärengebiet Schwäbische Alb heraus entwickelt haben, Direktvermarktungen, ab Hof Verkauf, der Anbau und die Vermarktung vom Superfood Albquinoa im Albteilort Dächingen, dann bestärkt dies unsere positive Einstellung zum Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Ehingen ist mit seinen sechs Albteilorten von Anfang an aus Überzeugung Teil des Biosphärengebietes und wir sind bestrebt, einen weiteren Albteilort mit aufzunehmen.“

 

Karte Biosphaerengebiet BLIX RED4

So könnte das zukünftige Biosphärengebiet Allgäu-Oberschwaben aussehen, zumindest ist es der „Suchraum“ (grüne Fläche = 185.000 ha), den das Regierungspräsidium zur Diskussion stellt. Die Skizze ist stark vereinfacht und hat keine Verbindlichkeit. Sie ist erstellt von BLIX.

 

Nummer zwei: Südschwarzwald

18 Biosphärengebiete (außerhalb von BW Biosphärenreservate genannt) gibt es bundesweit. Nicht ganz unumstritten war auch die Einrichtung des Biosphärengebiets Schwarzwald 2016. Rund 38.000 Menschen leben und arbeiten auf 63.000 Hektar in 28 Gemeinden in drei Landkreisen und einem Teil der Stadt Freiburg. Das Biosphärengebiet liegt zwischen 310 und 1420 Metern. In keiner anderen Mittelgebirgslandschaft Deutschlands werden größere Höhenunterschiede auf engstem Raum erreicht. Probleme gab es zuletzt durch sehr hohen Besucherandrang an einigen Hotspots. Doch greifen mittlerweile die Maßnahmen zur Besucherlenkung beispielsweise am Belchen. Die Ranger stellten 2021 deutlich weniger Verstöße als im Vorjahr fest. Sie führen dies auf die Aufklärungsarbeit in den Medien, auf persönliche Ansprache und ihre Präsenz vor Ort zurück. „Wir haben die Besucherinnen und Besucher persönlich angesprochen und sie zeigten sich meistens sehr einsichtig“, berichtet  Ranger Florian Schmidt. In seiner Hitliste der Vergehen waren nicht angeleinte Hunde im Naturschutzgebiet, das Verlassen der Wege, Mountainbikefahren auf nicht freigegebenen Strecken, Wintersportler abseits der Piste, illegale Drohnenflüge, und offene Feuerstellen am häufigsten.

 

Dr. Siegfried Roth

Siegfried Roth ist neuer Leiter des Naturschutzzentrums Wurzacher Ried und ist Experte beim Thema „Biosphärengebiet“. Der promovierte  Agrarwissenschaftler leitete den UNESCO Global Geopark Schwäbische Alb.

 

Nummer drei: Oberschwaben-Allgäu 

Erwartungsgemäß sorgt auch die von der grün-schwarzen Landesregierung geplante Ausweisung eines dritten UNESCO-Biosphärengebietes in Oberschwaben-Allgäu, das dem Moorschutz und der nachhaltigen Entwicklung dienen soll, für Diskussionen. Eine Allianz von Landeigentümern und -bewirtschaftern übt scharfe Kritik, die sie via Pressemitteilung nach Stuttgart gerichtet hat. Nach Angaben der Allianz sei völlig unklar, was das Biosphärenreservat, das bis zu 150.000 Hektar umfassen könnte, überhaupt bringen soll. In Oberschwaben habe man schon mehrere tausend Hektar an Naturschutz- und Landschaftsschutzgebieten, erklärt Franz Schöneberger, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Allgäu-Oberschwaben. Er betont, dass man nicht gegen Naturschutz sei, aber „keine Papiertiger aus Stuttgart oder Brüssel“ brauche, die nur Nachteile bringen und der Natur nicht helfen würden. Es gebe in einem Biosphärenreservat starke Einschränkungen und strenge Auflagen für Reiter, Jäger, aber auch für Windkrafträder, Land- und Forstwirtschaft, heißt es in der Stellungnahme der „Allianz“, die mit „Fluch der guten Tat“ überschrieben ist.

Siegfried Roth, promovierter Agrarwissenschaftler, Landschaftsökologe und Bildungsmanager, ist Leiter des Naturschutzzentrums Wurzacher Ried. Zuvor war er Geschäftsführer des „UNESCO Global Geopark Schwäbische Alb“. Er ist Befürworter des geplanten Biosphärengebiets Oberschwaben Allgäu. „Es bietet große Chancen“, erläutert er im Gespräch mit BLIX. „Erstmals wird so ein Projekt nicht von oben verordnet, sondern kommt aus der Region selbst und wächst von unten. Verschiedene Bevölkerungsgruppen können sich einbringen. Einige Landnutzer haben Angst vor weiteren Restriktionen, doch das ist nicht begründet. Wir brauchen bei der Einrichtung der Kernzone, die nur drei Prozent des gesamten Gebietes beträgt, auf land- und forstwirtschaftliche Flächen gar nicht zurückgreifen. Dasselbe gilt für die Pflegezone. Große Chancen ergeben sich  für landwirtschaftliche Betriebe, die sich in verschiedenen Nischen einbringen können wie Beweidung, Agro-Tourismus, eventuell Flachsanbau, Käseproduktion und dergleichen. Das Biosphärengebiet würde für nachhaltige neue Wertschöpfungsketten sorgen und die bestehenden Programme des Landes bzw. des Landkreises wie die Biodiversitätsstrategie, den Biotopverbund oder die Biomusterregion in idealer Weise ergänzen und pushen.“ 

 

Der Buergermeister von Fleischwagen Timo Egger ist Koordinator der Kommunen

Timo Egger (33) ist als Bürgermeister von Fleischwangen in der Region geerdet und hat die Aufgabe des Koordinators der Belange der rund 40 Kommunen im möglichen Biosphärengebiet Allgäu-Oberschwaben übernommen.

 

Der Koordinator

Interessant sind bei dem Thema die Kommunen, stimmt doch jeder Stadt- oder Gemeinderat darüber ab, ob die eigene Kommune Teil des Biosphärengebietes wird oder nicht. Zu den Bedenkenträgern gehören vielerorts Bauern und Grundeigentümer. Alle Interessen der Kommunen im Findungsprozess zu bündeln obliegt beim Projekt in Oberschwaben einem Koordinator. Es ist Timo Egger, der Bürgermeister von Fleischwangen, einer 680-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Ravensburg. Auf die Frage, ob er große Widerstände seitens der Kommunen erwartet, antwortet der 33-Jährige: „Ich würde hier nicht von Widerständen sprechen, sondern von einer gewissen Behutsamkeit. Uns allen fehlen noch zu viele Information, insbesondere wo später Kern- oder Pflegezonen ausgewiesen werden und was in diesen Zonen noch erlaubt sein wird. Daher lässt sich aktuell kein Meinungsbild abzeichnen. Alle Kolleginnen und Kollegen schauen interessiert auf den Prozess und zeigen sich momentan ergebnissoffen bei der Entscheidung. Von besonderer Bedeutung ist für uns alle, dass wir alle Beteiligten und betroffenen Personen am Prozess einbeziehen wollen. Nur mit der Beteiligung aller können wir eine ganzheitliche Entscheidung am Ende des Prozesses treffen. Der Prozess soll aus der Region gelenkt und gesteuert werden und dies gelingt uns nur mit der Beteiligung aller gesellschaftlichen Bereiche.“ Und wo sieht er die Vorteile für seine eigene Gemeinde! Egger: „Auch dies lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend sagen. Da wir am Beginn eines Prüfprozesses sind, schauen wir gespannt auf die weitere Entwicklung. Eines ist mir persönlich klar, wir alle als Gesellschaft können nicht so weiter machen wie bisher und müssen an unserer Lebensweise und unserem Handeln etwas ändern. Ein Biosphärengebiet bietet uns hier einige interessante Ansätze, welche aber im Detail betrachtet und im Ganzen untereinander abgewogen werden müssen. Daher bin ich ganz persönlich gespannt, was wir in den nächsten Jahren gemeinsam erarbeiten werden und wo die Reise endgültig hingehen wird.“ 

Bestimmte Kriterien müssen erfüllt werden, damit die UNESCO ein Areal als Biosphärenreservat anerkennt. So muss in einer drei Prozent der Fläche umfassenden Kernzone die Natur sich selbst überlassen werden. In einer umgebenden Pflegezone (mind. 11%  der Fläche) gelten die Vorgaben einer späteren Verordnung zum Erhalt der Natur aber auch Kultur. Und den größten Teil der Gebietskulisse bildet dann die sogenannte Entwicklungszone (mind. 55% der Fläche). Sie umfasst den Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum der Bevölkerung und stellt den wirtschaftenden Menschen in den Vordergrund. In diesen Bereichen soll vor allem durch umwelt- und ressourcenschonende Arbeitsweisen die Wertschöpfung der Region gesteigert werden. 

Informationen unter:  
www.biosphaerengebiet-alb.de
www.biosphaerengebiet-schwarzwald.de

 Autorin: Andrea Reck

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