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Bad Saulgau - Die neue Ausstellung in der Galerie Fähre im Alten Kloster Bad Saulgau ist eine bereichernde Verunsicherung. Schon der Titel, den der Kurator Andreas Ruess dieser kontrastiven Ausstellung gegeben hat, „Spielarten des Realismus“, reizt zu Sprachspielen.

 

Vier Künstler, zwei Künstlerinnen, in Deutschland geboren oder inzwischen in Deutschland lebend, suchen nach Inspirationen für ihre Kunst. Das sind, bei allen sechs, auf sehr unterschiedliche Art, zuallererst gesellschaftliche Dispute: die drohende Zerstö-rung unseres Planeten, die Tibor Pogonyi als eine Apokalypse für die Menschheit begreift. Sie hat für ihn ganz offensichtliche biblische Dimensionen, der uralte Widerspruch zwischen der Bestimmung des Menschen und der Natur. Dies darzustellen sucht Tibor Pogonyi in Elementen des bildnerischen, malerischen Realismus. Er bildet nicht ab, was wir kennen, was wir abheften und verdrängen. Er verfremdet „realistische“ Menschen, auf Existientielles reduziert, nackt, die Köpfe hinter Tüchern verborgen – aus Schuld, aus Scham, aus Angst? – in einen endzeitlichen Surre-alismus. Seinen Bilder sind mehr als „Spielarten“, sie sind weit beängstigender als die fotorealistischen Abbilder von Naturkatastrophen.

 

Pogonyi

Pogonyi Warten auf die Apokalypse, Öl auf Leinwand, 140x180cm

 

Bei Nicolas Schützinger wird ein winziger Realismus zur Ikonographie verdrängter Realitäten - die Andeu-tung einer Waschmaschine, ein voller Wäscheständer, Attribute quasi einer in sich gekehrten Frau, die auch in ihrer Nacktheit von der Wäsche nicht loskommt. Und in einem anderen Bild nicht von der Beziehung zu ihrem Kind. Schützingers Realismus geht über in eine neue Realität, ein unprätentiöser Feminismus, der entlarvt, dass der Foto-Realismus mit Konsum kompa-tiblen Frauen eine Schein-Realität ist. Er bricht mit der glatten Unverbindlichkeit medialer Realitäten, seine queeren, schwulen „Boys“ haben eine Traurigkeit. So wie Birgit Feils Frauen- und Männer-Skulpturen eine befreiende Alltäglichkeit haben, Wärme, Kraft, eine subkutane Sinnlichkeit und Würde. Spielt Birgit Feil mit Realismus in ihren Plastiken? Vielleicht, bis die Frauen mit ihrer Nahbarkeit, die sie in einen Kunst- raum „kondensiert“, bis ihre Figuren, die man im süddeutschen Sprachraum als „an g’schandene Mensch“ bezeichnet, mit der künstlichen Realität der Politik, der Mode, nichts mehr zu tun haben.
Die 1981 in Südkorea geborene Jiyun Cheon, Absolventin der Women’s University in Seoul, heute in München lebt, setzt mit künstlerischen Mitteln das Frauenbild um, das noch immer in allen asiatischen Kulturen dominiert: sexuelle Brutalität in Kinos im muslimischen Indonesien, als Dekor indischer Prunk-Hochzeiten. Jiyun Cheon dekoriert ihre Frauen wie Puppen, aber sie entrückt sie auch jeder Servilität, verleiht ihnen eine unnahbare Körperlichkeit, die nur ihnen gehört. Eine befreiende, irritierende Autonomie.
Aktuelle, genussvolle Provokationen einer kranken, dekadenten Gesellschaft, die sich zu Tode rüstet, zu Tode frisst, schafft Volker Blumkowski. Auf ihn trifft der Titel der Ausstellung am besten zu. Er spielt gran- dios mit allen denkbaren Facetten realistischer Bild-welten, mit Symbolen und Parabeln, wo der Westwall in die Massentierhaltung übergeht, wo sich die militäri-schen Bunker mit den mentalen Bunkern vermischen und man nicht mehr weiß, ob die Realitäten draußen schlimmer sind als die Realismen dieser faszinie-renden Ausstellung drinnen. Wenn man die surrealen und ebenso abstrusen wie bösen Kombinationen erst am Ende anschaut, die Eckart Hahn sich ausdenkt, mit geradezu britischem schwarzem Humor, dann ist die Antwort auf den Irrsinn: draußen, auf den die sechs Künstler und Künstlerinnen reagieren.

www.kunstverein-badsaulgau.de

Die Ausstellung läuft bis 28. August, Di bis So 14 bis 17 Uhr.

Autor: Wolfram Frommlet

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