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Biberach - Schaut man sich bei Wikipedia, im digitalen Weltwissen, um, wird eines sofort klar: Der „Ikarus vom Lautertal“ überflügelt seinen Namenspatron aus der griechischen Mythologie um Längen. Der schwäbische Himmelsstürmer im Lautertal ist nie geflogen und deshalb – im Unterschied zum alten Griechen – auch nie abgestürzt. Aber das sind Petitessen, mit denen sich die Zeitgenossen von Gustav Mesmer (1903–1994) bei ihrer Namensgebung offenbar nicht aufgehalten haben, schließlich wollte der komische Kauz tatsächlich fliegen wie ein Vogel. Auch Peter Schmid interpretiert den „schwäbischen Ikarus“ in seinem jüngsten Stück des „Theater ohne Namen“ in künstlerischer Freiheit. Dabei fand er mit Gunther Dahinten einen Ikarus-Interpreten der ganz besonderen Art. Es folgt ein Stück über Heimatliebe und schräge Vögel.

Ikarus, der Sohn Dädalus, verkörpert den Menschheitstraum vom Fliegen. Aber aus dem Traum wird ein Alptraum, denn in der Götterwelt der Griechen wird Übermut bestraft. Auf der Flucht von Kreta übers Meer mit selbst gebastelten Flügeln aus Vogelfedern packt Ikarus der Rausch: er fliegt trotz Warnung seines Vaters zu hoch. Der Jüngling kommt der Sonne zu nahe, das Wachs, das seine Federn hält, schmilzt, und Ikarus stürzt ins Meer. Aus der Traum.
Schuster bleib bei deinen Leisten, damit fand die Menschheit sich nie ab. Und wenn die Welt zu Grunde geht, dann fliegen wir eben zum Mars. Das Weltall wartet auf uns! Davon wollte Gustav Mesmer nichts wissen. Er, der Irre, lebte seinen Traum vom Fliegen, obwohl während seines Lebens das Fliegen dafür sorgte, dass Millionen Menschen in ausgebombten Städten starben. Während dessen lebte der 1903 in Altshausen geborene Mesmer seit Jahren in der „Heilanstalt“ in Schussenried, nachdem er unflätig einen evangelischen Gottesdienst gestört hatte, wurde er dort eingewiesen. Der Junge, aufgewachsen als sechstes von zwölf Kindern in armen Verhältnissen, wird krank, verlässt die Schule bereits nach fünf Jahren, verdingt sich als Kinderknecht bei Bauern, kommt schließlich zu den Benediktinern nach Beuron, wird aber auch nach sechs Jahren nicht in den Orden aufgenommen. Mesmer kehrt zurück nach Altshausen, fängt eine Schreinerlehre an und wird vom Meister gelobt, der „sein eigenes und stilles Wesen“ bemerkt. Aber sein Ausraster bei der Konfirmationsfeier am 17. März 1929 ändert sein Leben schlagartig. Elf Tage später wird er mit der Diagnose: „Schizophrenie, langsam fortschreitend, bei einem von Haus aus vielleicht schon schwachsinnigen Menschen”, in die „Heilanstalt Schussenried“ eingewiesen, wo er kreuzunglücklich trotz wiederholter Fuchtversuche die „Grauen Busse“ der Nazis überlebte, weder sterilisiert noch vergast wurde. Und vielleicht rettete ihn auch sein Traum vom Fliegen, den er erstmals 1932 in einer Zeichnung festhielt und fortan nicht mehr losließ. Es ging ihm dabei nicht um den Wetteifer moderner Technik, die sich mit den Bombern über Hiroshima und Nagasaki ein apokalyptisches Mahnmal setzte, sondern um die Kunst des Fliegens wie ein Vogel, individuell und mit eigener Muskelkraft. Nicht die Weltzerstörung war Gustav Mesmers Ziel, sondern die Freiheit, „von Dorf zu Dorf“ zu fliegen.

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Die Störchin (Silke Zeh) und Gustav Mesmer (Dahinten) erklären ihren Zuhörern (Julius Billwiller, Gerd Mägerle) die Kunst des Fliegens.

Und darum geht es auch Peter Schmid in seinem Stück über Gustav Mesmer, der zweigeteilt auftritt. Der junge Mesmer wird von Stefan Döring gespielt, der alte von Gunther Dahinten. Eine gute Kombi, denn Dahinten ist mit bald 80 Jahren im Alter, in dem Mesmer selbst zur Hochform auflief. Mesmer, nach 34 Jahren Psychiatrie war er 1964 endlich in die Freiheit entlassen worden und fand in Buttenhausen, einem winzigen Fleck auf der Schwäbischen Alb, Unterkunft mit Werkstatt, wo er unermüdlich und glückselig zeichnete, werkelte und schaffte. Körbe flochte, das hatte er in der Anstalt gelernt, Musikinstrumente kreierte und allerlei Fluggerät baute, mit dem er experimentierte. So donnerte er mit einem ausrangierten Damenfahrrad, dem er selbst gebastelte Flügel und Propeller anmontiert hatte, steile Wege runter immer in der Hoffnung, mit seinem „Flugfahrrad“ eines Tages abzuheben. Aber trotz vieler Varianten und Versuche und außer „ein paar Hopser“ blieb der Tüftler immer der Schwerkraft verhaftet. Was seiner Lebensfreude keinen Abbruch tat. Gustav Mesmer blühte im Lautertal auf, er machte, was ihm in den Sinn kam, folgte seiner Kreativität und fand endlich Wertschätzung – als Flugfahrradbauer und Künstler. Von nun an war Gustav Mesmer der „Ikarus vom Lautertal“.

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Der noch junge Mesmer (Stefan Döring) fühlt sich in der „Heilanstalt Schussenried“ eingesperrt. Rechts: Gunther Dahinten.

Gunther Dahinten füllt diese Rolle aus. Tief verwurzelt im Schwäbischen gibt er Gustav Mesmer mit Slang und Mimik dominanten Ausdruck. Erstaunlich: dem ehemaligen Biberacher Lokalchef der Schwäbischen Zeitung war das Unikum Mesmer unbekannt, bis Peter Schmid ihm die Rolle antrug. Dabei ist Dahinten selbst Unikum, eine Rolle, die er kann und auf der Bühne genießt. Aber auch in seinem Leben gibt es ein Davor und ein Danach.
Es war der 11. März 2002, als der hoch angesehene Lokalchef der Schwäbischen Zeitung in Biberach von einem angereisten Triumvirat aus Leutkirch fristlos vor die Türe gesetzt wurde, gemeinsam mit dem Autor dieser Zeilen. Die Gründe: Es stand zu viel Kritisches über den Landrat Schneider in der Zeitung und Dahinten überdies den gewollten Strukturveränderungen des Verlags im Weg. Nach über 30 Jahren war Schluss mit lustig, Dahinten musste gehen. Nach fast 20 Jahren ist der Schock verdaut, klar, doch wir tun uns immer noch schwer, uns darüber zu unterhalten. Seine Konsequenz: er ignoriert seitdem die Zeitung, indem er sie nicht mehr liest. Dafür pflegt er die Gewohnheit und hat die Neue Züricher Zeitung schon lange im Abo. Internet und Handy sind nicht sein Ding, einen Computer braucht er auch nicht. Was lokal wichtig ist, erfährt er von Bekannten, erklärt er dem staunenden Zuhörer. Er macht die Nacht zum Tag, geht ins Bett, wenn andere aufstehen und ist folglich nicht vor Spätnachmittag ansprechbar. Danach ist er „unterwegs“, wie seine Frau erklärt, wer dann ein zerknautschtes Gesicht durch die Biberacher Gassen wandeln sieht: das ist er. Nächtens malt das Multitalent, aber seine Bilder kriegt man nur selten zu sehen, hergeben will er sie nämlich nicht. Er singt und spielt Theater, macht Kabarett und rezitiert Wieland. Der Katzenliebhaber ist in seiner Heimatstadt auf vielen Bühnen zu Hause und jetzt auch im Dorftheater in Füramoos, im Rösslesaal, wo schon seit langem das „Theater ohne Namen“ seine Stücke aufführt. Dieses Jahr, nach zwei Jahren Zwangspause also „Ikarus vom Lautertal“.

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Das Ensemble in der Schlussszene. 

Peter Schmid ist Vater des Happenings. Der promovierte Psychologe, Therapeut und grüne Stadtrat hat das Straßentheater auf die Bühne geholt. Soll heißen, der Stückeschreiber und Regisseur lässt Raum für Improvisation, kommt mit wenig, aber effektvollen Requisiten aus, nimmt das staunende Publikum in den Szenepausen fröhlich an die Hand, erklärt Hintergründe, erzählt Kurioses und fordert zum Mitmachen auf. Und wenn dann die Combo mit Peter Zoufal und Albert Bücheler die Melodie vorgibt und Ikarus, Gunther Dahinten, mit seinem Bariton Reinhard Mey intoniert: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, dann verflüchtigt sich die dicke Luft von „Gegala mit Pommes“ und der proppenvolle Saal hebt ab „ohne Ängste und Sorgen“. So starb wohl auch Gustav Mesmer, der sagenhafte Ikarus vom Lautertal, im hohen Alter von 91 Jahren an Weihnachten 1994 im Heim der Diakonie in Buttenhausen. Er sei „Nebenwege“ gegangen, wie er einmal erklärte, er flog niemals und kam dennoch ans Ziel. 

 

Text und Fotos: Roland Reck

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