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Biberach - Die Zahlen sind gewaltig, die Frank Brunecker zur aktuellen Ausstellung im Biberacher Museum recherchiert hat. Doch Geschichte zu begreifen, heißt, die Zahlen mit Leben zu füllen. Das ist der Anspruch, dem der Museumsleiter sich verpflichtet sieht. Die Zahlen bedeuten Menschen und ihre Schicksale. Es geht um Geflüchtete und Vertriebene, die in Folge des Zweiten Weltkrieges nach Biberach kamen. „Ankommen 1945-1960“ lautet das Thema der Ausstellung, die bis 16. Oktober im Museum Biberach zu besuchen ist. Ein historisches Thema mit lokalem Fokus und höchster Aktualität. Und ganz persönlichem Bezug: Die Mutter war Flüchtling.

 Zunächst als „Lückenschluss“ gedacht in der Reihe der Ausstellungen, die sich in den letzten Jahren mit der Zeitgeschichte der Stadt befasst haben, habe das Thema schließlich eine ganz eigene Dynamik entfaltet, erklärt Frank Brunecker, der ebenfalls einen „Migrationshintergrund“ hat. Seine Mutter stammt aus Breslau und kam als Kleinkind mit ihrer Mutter nach Oldenburg, wo sie später dann heiratete und ihr Sohn Frank 1963 auf die Welt kam.
Zwischen den Ausstellungen zum „Nationalsozialismus in Biberach“ und den „68er“ gibt es die Lücke, die Brunecker schließen will. Was geschah nach „der Stunde Null“, die es nie gab, gemeint ist das Ende des Krieges 1945, und der Zeit danach, die in den 50er Jahren „Wirtschaftswunder“ hieß. Und diese Lücke ist ohne die Flüchtlinge nicht zu schließen. Für den Historiker ist völlig klar: „Ohne die beinahe 6000 Flüchtlinge und Vertriebenen in Biberach – unter denen viele hochqualifizierte und hochmotivierte Menschen waren – und ohne die weiteren tausenden Flüchtlinge und Vertriebenen im Einzugsgebiet der Stadt, wäre der fulminante Aufschwung in Biberach seit den 1950er Jahren nicht möglich gewesen. Der damit einhergehende Wohlstand hätte sich nicht ereignet.“ 1950 zählte Biberach rund 15.000 Einwohner. Zehn Jahre später waren es rund 21.000 Einwohnern, davon machten die Flüchtlinge in Biberach fast ein Drittel aus. Bis 1970 wuchs die Stadtbevölkerung auf über 25.000 (noch ohne Eingemeindungen). Einen Zuwachs, den „es nie zuvor in der Geschichte der Stadt gegeben hatte“, stellt Brunecker fest. Waren die Ankommenden wirtschaftlich ungemein wichtig, damit Unternehmen wie Liebherr, Thomae (heute Boehringer Ingelheim), Handtmann, KaVo, Vollmer und Gerster expandieren konnten, blieben die Flüchtlinge über viele Jahre gesellschaftlich marginalisiert und persönlich häufig stigmatisiert. Darauf richtet Brunecker sein Augenmerk und verwendet dafür plakativ und provokant das häufig gehörte Schimpfwort „Hure-Flüchtling“, was schwäbisch „Huraflichdleng“ heißt.

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Das Kreisdurchgangslager Gaisental um 1955 fotografiert. Es sind elf Wohnbaracken und weitere Lagerbaracken zu erkennen.

Woher der aus dem hohen Norden stammende Brunecker das weiß, lässt sich fragen. Nun, indem er mit denen sprach, die sich daran erinnern können, weil sie sich getroffen fühlten. Es sind heute die Alten, die zum Kriegsende und danach als Kinder mit ihren Familien oder dem, was davon übrig war, nach Biberach geschwemmt wurden, hier zur Schule gingen, aufwuchsen und blieben. Sich in Oberschwaben zu Hause fühlen und dennoch sich ihrer Heimat und Herkunft erinnern, weil es nicht immer so war. Zeitzeugen, weiß der Wissenschaftler, sind interessante, aber ganz subjektive Quellen, weil Erinnerungen immer persönlich sind, dennoch sind sie wichtig, um sich der Objektivität zu nähern, denn eine Zahl ist eine Zahl, sonst nichts. Deshalb ist Frank Brunecker froh, dass so viele bereit waren, ihre Geschichte und die ihrer Familie zu erzählen. Es waren über 50 Schicksale, von denen elf exemplarisch in der Ausstellung zu finden sind. Elf von 14 Millionen, die seit Herbst 1944 vor der vorrückenden Roten Armee nach Westen flohen oder später vertrieben wurden und überlebten, denn wie viele auf der Flucht starben, lässt sich nur schätzen: weitere zwei Millionen. Und wie viele Frauen in den Ruinen und auf der Flucht vergewaltigt wurden, lässt sich auch nur schätzen. Brunecker beziffert sie auf 1,9 Millionen und stellt angesichts dieser Gräuel fest: „Vertreibungen sind Unrecht, immer und überall.“

Aber: „Die Deutschen waren so sehr Täter, dass Opfersein nicht statthaft war“, resümiert der Historiker. Daraus folgte bleiernes Schweigen. Die Leiden der Flucht, das Trauma des Verlusts von Haus und Heimat, die eigene Schuld wurden beschwiegen – auch in der eigenen Familie und erst recht gegenüber den Fremden, zu denen man kam, ohne gewollt zu sein und auf Ablehnung stieß. „Auf Flucht und Vertreibung folgte Ausgrenzung“, konstatiert Brunecker. „Ungemein bewegend ist, wie viel Traurigkeit in den Familien bis heute ist und – kaum angesprochen – zu Tage tritt. Die Flüchtlingskinder nahmen die unbewältigte Trauer ihrer Eltern in sich auf und wurden sie nie mehr los. Nur wenige der als Erwachsene oder Jugendliche Ankommenden fanden in Biberach oder Oberschwaben eine neue Heimat, die meisten sprechen von einem neuen Zuhause, nicht von Heimat. Auch wenn wir scharfe Ressentiments und echte Diskriminierungen nur vereinzelt nachweisen können, und obwohl oft mitmenschliche Hilfe aufgeboten wurde, fühlten sich viele Flüchtlinge und Vertriebene nicht voll zugehörig und immer wieder schlecht behandelt.“

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Museumsleiter Frank Brunecker freut sich über die Resonanz auf das schwierige Thema: Flucht und Vertreibung sowie Ankommen in Biberach.

Das eigentliche Biberacher Flüchtlingslager wurde 1947 als Kreisdurchgangslager im ehemaligen Reichsarbeitsdienstlager außerhalb der Stadt im Gaisental eingerichtet. Als Durchgangslager sollte es die ankommenden Flüchtlingstransporte aufnehmen und so schnell wie möglich auf das Kreisgebiet und darüber hinaus verteilen. Bis zu 400 Personen konnten hier untergebracht werden, es waren meist deutlich mehr. Zwischen 1947 und 1961 sind durch dieses Lager über 100.000 Menschen gegangen. Die Folge war drückende Wohnungsnot, der man aber im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs mehr und mehr Herr wurde. Bis 1962 entstanden in Biberach rund 3000 Wohnungen – in nicht einmal 15 Jahren. 1960 wurde die Wohnraumbewirtschaftung aufgehoben.
Integration gelungen, ließe sich an dieser Stelle behaupten, wie es die Nachkriegslegende von der großen solidarischen Notgemeinschaft auch tut. Frank Brunecker kommt zu einem anderen Schluss: „In einem bürokratisch-pragmatischen Sinn wurden 14 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene – zehn Millionen in Westdeutschland und vier Millionen in Ostdeutschland – aufgenommen, unterstützt und zum Teil entschädigt. Das war eine große Leistung der Gesamtgesellschaft, für die große materielle Anstrengungen unternommen wurden. Im Westen wurden die Neubürger zum Glück in dem schier unerschöpflichen Arbeitskräftebedarf des Wirtschaftswunderlandes aufgesogen und aufgefangen. Aber integriert – in einem gesellschaftlichen, sozialpsychologischen oder kulturellen Sinn – wurden sie nicht. Die Mehrheitsgesellschaft der Einheimischen erwartete Anpassung.“ Und die Angekommenen „mussten sich anpassen in einem fremden Vaterland, das ihnen zur kalten Heimat werden sollte“. Mit dem Blick des Historikers steht für Frank Brunecker aber außer Frage, dass Biberach sehr von den dorthin geflüchteten Neubürgern profitiert hat. Dies zu würdigen, dazu dient diese „verspätete“ Ausstellung in eindrucksvoller Weise.
Auf der Fahrt zur Arbeit, Radionachricht SWR 1, 23. Mai 2022: Laut UN-Flüchtlingshilfswerk sind erstmals mehr als 100 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht.

 

Autor: Roland Reck

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