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Wolfegg - Eine Fotoausstellung der überraschenden Art an einem Ort, wo man anderes erwartet: kein altes Gerät, vom Wetter gegerbte Bauerngesichter, alte Viehställe und Hofidylle – sondern die heutige menschengemachte Landschaft, erwartet die Besucher im Bauernhausmuseum Wolfegg. „Menschengemacht: Landschaften unserer Zeit“ lautet das Thema der Fotografen Claudio Hils, Joachim Brohm und Andreas Weinand, deren Bilder ergänzt werden durch pointierte „Sprachbilder“ von Arnold Stadler.

 

Das sind dann sezierend-scharfe Blicke auf Biogasanlagen, Maisäcker, Steingärten in den Neubaugebieten, ein Kreisverkehr in Dorfmitte und ein Wendehammer in der neuen Siedlung, wo die Straßen alle Blumennamen haben. Die Kritik gilt der Ästhetik des rechten Winkels und Häusern die wie Solardachboxen aussehen. Das Foto des schon halb abgebrochenen Dorfgasthof Adler ist Symbol für das Verschwinden dörflicher Gemeinschaft und Geselligkeit. Das sind Bilder Oberschwabens ohne Postkartenidylle, kein Ponyhof-Szene mit Vieh auf der Weide und stattlichen Bauernhöfen. Auch kein „Schönes Altes Bauernland“ von Wolf-Dietmar Unterweger.
Claudio Hills Blick ist nüchtern, er gilt Umgehungsstraßen, Kreisverkehren, anonymen Neubausiedlungen und alten sterbenden Häusern an denen der Abrissbagger nagt. Das ist die aus der Neuen Sachlichkeit gewachsene Bildsprache der Düsseldorfer Schule. Fotos erwecken den Eindruck, hier werde mit modernen Mitteln gemalt, wie eine Angleichung an die Landschaften in Gemälden etwa von Jakob Bräckle. Aber statt mit Palette und Pinsel eben mit digitalen Pixeln des Kamerasensors und der Arbeit mit der Maus am Computer.
Die von Verstädterung geprägte Landschaft erfährt der heutige Mensch im wörtlichen Sinne. Vom Innenraum seines Autos geht es von der Wohnung zum Parkplatz, von Carport zu Carport. Ins Auge fallen dabei die kahlen auf Ausschmückung wartenden Kreisverkehre, die leblosen Umgehungsstraßen, Kreuzungen und Tankstellen mit ihren Preisanzeigen. Das Konzept von der autogerechten Stadt wird auf das Land übertragen. Zu sehen die Auswirkungen der späten Industrialisierung Oberschwabens, die nun die Landschaft prägt. Fotograf Joachim Brohm lässt Landstriche und Städte in seinem Bildern vorbeirauschen, durch die Windschutzscheibe und im Rückspiegel wird Landschaft zu Bruchteilen sichtbar. Der verglaste Innenraum des Fahrzeugs trennt uns vom Erleben der Landschaft mit allen Sinnen. Wozu auch der Geruch von Heu und Gülle gehört.

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Die Ausstellung zeigt die Veränderung der Landschaft durch den Menschen.

Der Fotokünstler Andreas Weinand stammt aus dem Ruhrgebiet. Ausgebildet an den Vorbildern von Bernd und Hilla Becher der Düsseldorfer Fotografenschule. Seine Menschen aus der Stadtlandschaft suchen ihr Glück im Kleinen, in der Gartenarbeit. Der Blick auf die Früchte, die Natur, die Jahreszeiten und die Hühner lässt den Betrachter am Glück dieser aus der Stadt fliehenden Menschen teilhaben. Aber: Das Foto vom geschlachteten und gerupften Huhn – was für ein Kontrast zum unpersönlichen Einkauf von chicken wings aus dem Tiefkühlregal eines Supermarkts. Frage: Ist die Vorstellung von Selbstversorgung auf dem eigenen Stück Land erstrebenswert oder nur eine romantische Utopie?
Die visuellen Eindrücke bekommen in den „Sprachbildern“ von Arnold Stadler eine Erweiterung. Der Georg-Büchner-Preisträger Stadler hat sie beigetragen. Die poetisch-tiefschürfenden Anmerkungen hängen vor einer Wand und treten in Dialog mit den Fotografien. So behauptet der Schriftsteller: „Die Umwelt gibt es nicht. Es gib nur die Welt. Mit allem und allen. Und auch wir sind inmitten von ihr. Oder sind wir nicht Welt, sondern Umwelt und Provinz?“ Oder: „Wir können sehen wie die Hoffnung durch den Spaß ersetzt wurde, die Sehnsucht vom „Fit-for fun“, das Verlangen von der Wellness, der Mensch vom Verbraucher, das Leben von „Schöner Wohnen“. Die Messe am Sonntagmorgen durch den Flohmarkt. Aber nicht bei allen.“
Wie soll es sein? Diese Frage nach der Zukunft von Land und Landschaft wird die Betrachter umtreiben. Am Ende des Rundgangs ist ein Wartehäuschen als Ein-Haltestelle aufgebaut. Der Ausblick geht auf eine Videowand. Mit Blick auf alte Flurkarten und heutigen Luftaufnahmen wird Amtzells Wachstum dargestellt. Der Urlauer Forst war mal militärisches Sperrgebiet – in der Luftaufnahme geschwärzt - und jetzt die Ferienanlage Center Park. Und am Beurener See standen in den 60er Jahren ein paar Zelte, heute dort ein großer Campingplatz. Wie soll es weitergehen? Eine Denkaufgabe für Besucher. Die dürfen sie auf eine Postkarte an die Zukunft schreiben und abgeben. Eine Ausstellung zum Mitdenken und Nachdenken. Das ist der moderne Ansatz von Museumsarbeit. Die Leiterin Tanja Kreutzer hat damit einen vielversprechenden Weg eingeschlagen.

 

Text und Fotos: Johannes Reichert

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