Biberach - Das Leben ist permanente Veränderung. Lässt sich daraus Permakultur ableiten, Herr Doktor? Jörn Erlecke ist Zahnarzt und vieles mehr. Zum Beispiel leidenschaftlicher Gärtner und Experte für Permakultur, was nachhaltiges, weil vielfältiges Wirtschaften bedeutet. Das lässt sich von der Natur lernen, behauptet der Naturfreak. Ein Gartenbesuch.

Jörn Erlecke ist gerne Zahnarzt. Er betreibt in der Waldseer Straße in Biberach zusammen mit seiner Frau Iris eine Praxis für biologische Zahnmedizin und Kieferorthopädie. Der gebürtige  Wolfegger war zunächst Werkzeugmacher, ehe er das Abitur nachholte und Medizin studierte. Norwegen hatte er als Au-pair-Junge kennengelernt und verbrachte mit seiner Frau auch einige Berufsjahre dort.  „Mein zweiter Traumberuf ist Bauer“, verrät er bei einem Gespräch im Garten hinter seinem Haus.

Es gehe ihm „um Gesundheit, Lebensqualität und Wohlbefinden“, und dabei spiele die Natur eine Hauptrolle, lässt der 45-Jährige seine Besucherin wissen. „Nur die Natur kann uns helfen, gesund zu sein. Wenn wir uns viel in der Natur aufhalten und uns vernünftig ernähren, also keine toten Füllstoffe zu uns nehmen, haben wir gute Chancen ohne Medikamente alt zu werden. Vor allem Zucker ist ein Übel“, fasst der Mediziner zusammen, „seinetwegen haben wir Zahnärzte viel Arbeit“. Als Steine, die uns neben falscher Ernährung im Lauf des Lebens in den Rucksack gepackt werden, sieht er unter anderem auch Bewegungsmangel, Rauchen, zu viel Kontakt mit Plastik, Umweltgiften, Stress und elektromagnetischen Wellen (Mobilfunk).

„Kein Mensch braucht an Weihnachten Erdbeeren, die um die halbe Erde zu uns reisen, wir sollten viel mehr zu regionalen und saisonalen Produkten greifen.“ Er deutet auf seine im Etagenbau kultivierten Kartoffeln und sinniert: „Wenn jede Familie nur in einer Holzkiste für zwei Mahlzeiten Kartoffeln anbaut, ist schon viel gewonnen. Man sollte generell möglichst direkt beim Bauern kaufen oder sich etwa in der Solidarischen Landwirtschaft engagieren, wenn man selbst keine Fläche hat. Für mich sind Bauern Opfer der Subventionspolitik.“

„Wollen Sie einen Smoothie aus dem Garten?“, bietet der Gastgeber mit Blick auf Giersch, Brennnesseln und allerhand Wildkräuter an, die zwischen Akelei, Flockenblume, Frauenmantel und Rosen neben dem Hasenstall gedeihen. „Die Hasen betreuen unsere drei Kinder, die sind viel draußen. Wir haben keinen Fernseher“, erklärt der Veganer. Auch er liebte es schon als Kind, draußen zu sein. Auf langen Spaziergängen brachte ihm sein Vater bei, wie die Vögel heißen und wie man sie am Gesang erkennen kann. „Es ist einfach eine tolle Erfahrung, mit dreckigen Händen in der Erde zu wühlen.“ Das ist für ihn nicht nur Ausgleich zum Beruf. Schon früh hinterfragte er, was er an der Uni gelernt hatte und spezialisierte sich auf biologische Zahnmedizin. Er arbeitet mit Naturheilkundlern zusammen und praktiziert beispielsweise selbst zum Entgiften und Reinigen der Zähne jeden Morgen das so genannte Öl ziehen. Dabei nimmt man etwas Öl in den Mund, bewegt es kräftig hin und her und spuckt es anschließend wieder aus. So werden, wie es in der ayurvedischen Lehre und seit Jahrtausenden praktiziert, Bakterien gebunden und der Mundraum gesund gehalten.

Der naturkundlich geschulte Mediziner lässt sich von der Natur inspirieren und kritisiert unseren Umgang mit ihr. „Wie gehen wir beispielsweise mit Wasser um? Ein heißer Ackerboden kann schlecht Wasser aufsaugen. Wir müssen viel mehr Hecken und Bäume pflanzen, die uns helfen das Wasser auf dem Feld zu halten. Die Auswirkungen der Wetterextreme verschärfen sich dadurch, dass wir zu wenig Bäume haben“, erklärt er und zeichnet auf ein Blatt Papier, wie er demnächst ein jüngst erworbenes Grundstück am Waldrand mit einer Hecke umgeben will. Durch die Feldhecken im Nord-Süd-Verlauf im Abstand von maximal 200 Metern soll der Ertrag um mindestens zwanzig Prozent gesteigert werden. „Da muss die ganze Familie zum Pflanzen ran“, lacht er. „Wir brauchen mehr Bäume fürs Klima.“

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Nebenher baut der Naturfreund Nisthilfen und verschenkt sie.

 

Permakultur ist ein seit Jahrzehnten erprobter Weg, große aber auch kleine Flächen im Einklang mit der Natur zu bewirtschaften, Gärten zu gestalten, in denen man viel ernten kann. „Permakultur heißt für mich aber nicht, zehn Stunden täglich im Garten zu arbeiten“, betont der Naturfreund. Gerne sitzt die Familie abends um die Feuerschale im Garten. Holzkohle, die in der nachts abgedeckten Feuerstelle entsteht, wird eingearbeitet in die Beete. Die Holzkohle speichert Nährstoffe und Wasser für die Pflanzen. Nackte Erde gibt es nicht. Ebenso wenig wie umpflügen oder umgraben. Mit einem speziellen Gerät nach russischem Vorbild lockert Erlecke den Boden und legt anschließend Biomasse wie etwa Heu darauf.

Durch entsprechende Kombinationen von Pflanzen reduzieren sich Schädlinge, Mischkulturen vergrößern den Ertrag. Nachhaltigkeit zählt auch bei der Lagerung. „Ich bräuchte keinen Kühlschrank mehr“, freut sich der Gärtner, als er den in den Abhang gemauerten Naturkeller zeigt, in dem Holzkisten schon auf die Apfelernte warten. Auch einfach angelegte Erdmieten, kleine Gruben im Garten, können helfen, Gemüse gut über den Winter zu bringen.

Ein Hochbeet sollte man tunlichst innen nicht mit Noppenfolie abdichten wegen der darin enthaltenen Weichmacher, die ins Erdreich übergehen, mahnt Erlecke. Lieber das Holz von innen ankohlen und mit Pflanzenöl einpinseln, empfiehlt der Praktiker.

 

Corona verändert unser Leben

„Wir brauchen nicht viel. Ein Dach über dem Kopf, Kleidung, Essen aber auch geistige sowie psychische Nahrung.“ Davon ist der Arzt überzeugt. Auch davon, dass Corona unser Leben verändert. Weniger Urlaub und andere Möglichkeiten, Geld auszugeben, könnten eine Rückbesinnung auf das wirklich Wichtige anregen. „Vielleicht nutzt ja manch einer das gesparte Geld, um Bäume zu pflanzen“, hofft er.

Nachhaltiger Lebensmittelanbau hilft nicht nur der Umwelt, gesunde Ernährung nicht nur dem Körper. Erlecke empfiehlt, nachzuspüren wie sich die eigenen Empfindungen ändern, wenn man sich gesund ernährt. Der Besitzer eines Jagdscheines geht derzeit nicht auf die Jagd, hält aber nichts von Dogmatismus. Zwar fühlt er sich am wohlsten mit veganer Ernährung, isst aber schon mal ein Ei oder ein Stück Wild.

Die Natur macht keine Fehler. Dessen ist er sich sicher und möchte der Natur zu ihrem Recht verhelfen: Möglichst viele Menschen zu gesunder Lebensweise anregen und zum Anbau eigener Lebensmittel in Permakultur ermutigen.

Als ich nach dem Gespräch den bunten Gemüse-Blumen-Hasen-Kinderspiel-Garten verlasse, drückt Herr Doktor mir noch vier Nistkästen in die Hand. Unterschiedliche Modelle für Höhlenbrüter, Baumläufer und andere. Er hat Dutzende davon während des Corona Lockdowns geschreinert, denn auch den Vögeln muss geholfen werden. 

 

Text und Fotos: Andrea Reck

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