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In Zeiten von Steinwüsten, Gabionen und Mährobotern wirken die Fotos von ungekünstelten Gärten mit Zwiebellauch, Rettich, Löwenmäulchen und Malve, geschützt von einem Flechtzaun aus Weidenruten, wie Relikte längst vergangener Zeiten. Ein bemerkenswertes Buch will den Dreiklang aus Gemüse, Blumen und Kräutern am Leben erhalten.

Eigentlich gibt es kaum etwas Zeitgemäßeres als diese vermeintlich altbackenen, aus der Mode gekommenen Bauerngärten. Mit Schönheit, Nachhaltigkeit und Vielfalt bereichern sie das Ortsbild, schützen den Boden, locken Insekten an und liefern gesundes Essen.
Der promovierte Chemiker Wolf-Dietmar Unterweger (Jg. 44) lebt in Wain bei Laupheim und schreibt seit vierzig Jahren über die Welt der Bauern. Mit eindrucksvollen Fotos (wie etwa im dreibändigen Werk Die Bauern) dokumentiert er den Wandel der Landwirtschaft. Sein Sohn Philipp (Jg. 86), promovierter Biologie, Germanist und Kunstgeschichtler, beschäftigt sich mit der biologischen Vielfalt in Schutzgebieten, in Kulturlandschaften und Ökosystemen. Auch er ist überzeugt von guten und nachhaltigen Lebensmitteln und wertigen Qualitätsprodukten und sieht die Zukunft in einer biodiversen Welt. Zusammen brachten die beiden unter anderem. bereits Das große Buch vom Kleinvieh und Das Hühnerbuch heraus. Letzteres animierte die Rezensentin zur Anschaffung eigener Hühner, was auch dank der praxisgerechten Tipps aus dem Buch erfolgreich war und viel Freude bringt. Nun also das großformatige Buch über Bauerngärten, mit den analogen Bildern, die der Naturliebhaber zwischen 1983 und 2020 aufgenommen hat. Im eigenen Anwesen, in Gärten in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Italien, Frankreich, Slowenien und in England.
Auf 200 Seiten ist viel zu erfahren über die Geschichte des Bauerngartens vom Frühmittelalter bis zu dessen Verdrängung durch pflegeleichte Vorgärten ab Mitte des letzten Jahrhunderts. Praktische Tipps helfen bei der Anlage eines eigenen Bauerngartens. „Ist die Entscheidung zugunsten des Staketenzauns gefallen, dann nehmen Sie 1,60 Meter lange Pfähle aus Lärche, Eiche oder Fichte. (…) Lassen Sie Gräser, Kräuter, Blumen und Büsche als Begleitflora am Gartenzaun stehen!“. Aussaat-, Pflanz- und Erntekalender von Apfel bis Zuckerwurzel fehlen ebenso wenig wie Zitate von Gärtnerinnen und Gärtnern: „Meine Enkel sagen immer: ‚Oma, bei dir schmecken die Gelben Rüben am besten, die sind richtig süß‘. Wenn sie kommen, gehen sie gleich in meinen Garten und ziehen sich eine Möhre aus dem Boden, waschen sie am Wasserhahn schnell ab und gleich wird reingebissen.“

 

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Naturnah und natürlich schön: Der Bauerngarten ist Sommers üppig.

 

Dass so ein Bauerngarten Arbeit macht verschweigen die Autoren nicht. Ein übersichtlicher Arbeitsplan für die Jahreszeiten wird ergänzt mit Gärtnertricks und Tipps zum Gärtnern mit Kindern. Statt Produkten der Chemischen Industrie kommen traditionell Brühen, Jauchen und Tees zur Bekämpfung von Kohlweißling, Flöhen und Schildläusen zum Einsatz. Zudem: „Selbst angesetzte Kräuter- und Pflanzenjauche ist der preisgünstigste Dünger in einem natürlichen Bauerngarten“.
Mal informativ mal stimmungsvoll sind die Bildunterschriften. Etwa: „Beim Betrachten der Bilder – und Ihres Gartens – sollten Sie immer überlegen, wo das Rotkehlchen, die Amsel, die Mönchsgrasmücke und der Sperling ein Nest bauen können.“ Oder: „Die Bäuerin weiß, dass manche Pflanzen in Gegenwart bestimmter Nachbargewächse besser, aber auch schlechter gedeihen. Dadurch wird die Ausbreitung von Tieren verhindert, die erst in Massen zu Schädlingen werden.“ „Die Ästhetik des Winters und des Verfalls üben seit jeher eine fesselnde Wirkung auf uns aus“, ist unter einem monochromen Winterbild zu lesen. Überhaupt empfindet man es als wohltuend, dass die Farben der Bilder nicht so übersteuert wirken wie etwa in Gartenkatalogen. Im Vorwort weisen die Autoren darauf hin, dass ein Bauernhof keine zwingende Voraussetzung ist für einen Bauerngarten. Mit ihren Praxisanleitungen, Pflanzlisten, Gärtnertricks und ideenbereichernden Bildern könnten sie manchen Gartenbesitzer ermutigen, mit einem Bauerngarten selbst einen Beitrag zum Klimaschutz und der Förderung der Artenvielfalt zu leisten. Bauerngärten machen satt und glücklich. „Der Boden ist das Kapital des Gartens. Fast jeder Aufwand lohnt sich, um ihn sukzessive zu verbessern. Gründüngung, Mulchung. Hügelbete, Kompostgaben. Aber auch das Durcharbeiten durch Hühner und Schweine belebt den Boden.“ Außerhalb der Vegetationszeit, versteht sich. So ein Garten würde ja eigentlich ganz gut zu meinen Hühnern passen …

 

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Wolf-Dietmar und Philipp Unterweger, BAUERNGÄRTEN, Glücksorte – biodivers und ertragreich, 200 Seiten, durchgehend farbig bebildert, 23 x 32 cm, Hardcover, 39,90 EUR.

 

Autorin: Andrea Reck

Fotos: Wolf-Dietmar Unterweger

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