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Während über Jahrtausende Saatgut ein öffentliches Gut war, bieten Großkonzerne mittlerweile immer mehr Sorten an, die sich nicht mehr vermehren lassen. Umso wichtiger: Neben Firmen, die weiterhin vermehrungsfähiges Saatgut herstellen, gibt es auch Institutionen, die sich um ökologische Saatgutforschung kümmern.

 

Berichte über massenhafte Selbstmorde von Bauern in Indien, wo 85 Prozent Klein- und Kleinstbauern sind, die von Saatgutmonopolisten in den Ruin getrieben wurden, lassen immer wieder zusammenzucken. So wird etwa der Baumwollanbau des Subkontinents von Mahyco Monsanto Biotech kontrolliert, einer Tochter des deutschen Bayer-Konzerns. Monsanto hatte bereits 2002 gentechnisch verändertes Baumwollsaatgut in Indien auf den Markt gebracht, kontrolliert mittlerweile 90 Prozent des indischen Baumwollmarktes und diktiert dort damit die Preise. Auf Nachfrage erklärt Holger Elfes, Sprecher von Crop Sciences Division der Bayer AG: „Zu den Vorteilen gentechnisch verändertem Saatguts gehören unter anderem höhere und stabilere Erträge, die gezielte Züchtung von positiven Ernährungseigenschaften der Nutzpflanze, die mögliche Reduzierung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln, die bessere Resistenz gegenüber Trockenheit oder Wetterextremen und die mögliche Reduzierung des CO2-Ausstoßes durch die Landwirtschaft. Beim Thema Weizen gibt es nach meiner Kenntnis bisher lediglich eine kommerziell genutzte gentechnisch veränderte Organismus (gvo)-Sorte, die eine bessere Dürre-Toleranz aufweist.“ Und auf Nachfrage, weshalb gentechnisch verändertes Pflanzen nicht wieder ausgesät werden können: „Dabei geht es um den Schutz geistigen Eigentums, der sowohl für eine traditionell als auch für eine gentechnisch gezüchtete Sorte gilt. Dies ermöglicht erst die sehr kostenintensive Entwicklung modernen Saatguts. In Deutschland und Europa gibt es dafür vor allem den Sortenschutz, in anderen Weltregionen zum Teil auch den Patentschutz. Kein Landwirt weltweit ist allerdings verpflichtet, geschütztes Saatgut anzubauen. Die Auswahl an nicht oder nicht mehr geschützten Sorten ist sehr groß. Zudem nutzen manche Landwirte auch die Möglichkeit, von eben diesen Sorten selbst Saatgut zurückzuhalten und es wieder auszusäen.“

 

Udo Hennenkämper Mitte mit Hut führt durch Getreidefelder be Foto Keyserlingk Institut

Udo Hennenkämper (Mitte mit Hut) führt durch Getreidefelder. Foto: Keyserlingk Institut

 

Bio-Bauern haben naturgemäß viel höhere Ansprüche an die Samen, die sie auf ihren Feldern ausbringen. Ihnen liegt daher die ökologische Saatgutforschung am Herzen. „Wir haben zu Weihnachten eine größere Spende an das Keyserlingk-Institut gemacht“, erklärt der Ummendorfer Bio-Bauer Max Steigmiller, „weil uns die ökologische Saatgutforschung schwer am Herzen liegt“. Das Keyserlingk-Institut in Salem, 1988 von Dr. Bertold Heyden und Elisabeth Beringer in Zusammenarbeit mit biologisch-dynamischen Landwirten gegründet, erforscht Nahrungs- und Saatgutqualität und die Erhaltung und die Weiterentwicklung der biologischen Vielfalt von Kulturpflanzen.
BLIX fragte am Institut nach, warum es für den ökologischen Landbau notwendig ist, eine eigene Züchtung aufzubauen? Berthold Heyden: „Wer sich heute die Getreidefelder anschaut, sieht dass die Halme immer kürzer werden. Dadurch werden die Pflanzen standfester, und man kann mit Pestiziden und noch mehr Mineraldünger noch mehr Ertrag erzielen. Bei den anderen Anbaubedingungen im ökologischen Landbau haben solche Sorten auch einen guten Ertrag, aber beim Weizen ist die Backqualität nicht ausreichend. Wir müssen Weizensorten züchten, die auf unseren Böden und bei der im biologischen Landbau üblichen organischen Düngung eine so gute Backqualität liefern, dass der Bäcker ohne weitere Hilfsmittel daraus ein schmackhaftes Brot backen kann. Auch wir brauchen standfeste Weizensorten, aber wir bevorzugen möglichst hochwüchsige Sorten, wo das Korn in Licht, Luft und Wärme reifen kann. Das goldene Stroh macht diese Qualitäten sichtbar. Und wir sind der Überzeugung, dass diese ursprüngliche Kraft der Getreidepflanze, die Ähren hoch hinauf zu schieben, auch eine Bedeutung hat für die Nahrungsqualität, die dadurch gebildet wird. Wir lieben auch die Grannenweizen, weil in den kieselhaltigen Grannen die Beziehung der Pflanze zum Licht nochmal besonders hervortritt. Die Frage sei gestattet: Ist nicht die Schönheit der Pflanze auch ein Garant für eine gesunde Ernährung?“
Sein Kollege Udo Hennenkämper vom Keyserlingk-Instititut ergänzt: „Die heutigen Zuchtziele und Züchtungsmethoden in der konventionellen Landwirtschaft entsprechen immer weniger den Idealen und äußeren Anforderungen des ökologischen Landbaus. So wurde etwa in der Weizenzüchtung nach dem 2. Weltkrieg damit begonnen, den Weizen auf den Bedarf einer industrialisierten Landwirtschaft hin zu züchten. Hohe Gaben an chemischen Düngern und der Einsatz von Pestiziden ermöglichten enorme Ertragssteigerungen. Kurzstrohige Sorten mit hoher Standfestigkeit waren fortan gefragt. Dies wurde u.a. erreicht, indem man den Weizen radioaktiv bestrahlte um Mutationen auszulösen. Auch musste das Eiweißmuster im Korn so verändert werden, dass das hohe Angebot an Stickstoff im Dünger das Klebereiweiß nicht zu weich werden ließ. Anstatt auf gesunde, krankheitsresistente Pflanzen hin zu züchten wurde auf das Angebot an Pestiziden gesetzt. Im Ökolandbau auf alte Landsorten von vor hundert Jahren zu setzten, die noch nicht oder nur wenig züchterisch bearbeitet wurden, sehen wir ebenfalls kritisch. Pflanzenkrankheiten haben sich weiterentwickelt, die alten Sorten sind hier oft sehr anfällig. Auch konnte durch Steigerung der Bodenfruchtbarkeit im modernen Ökolandbau das Ertragsniveau in etwa verdoppelt werden im Vergleich zu den Ertragserwartungen von vor hundert Jahren. Unser Hauptanliegen ist die Entwicklung standortangepasster Winterweizensorten für die Region Bodensee, Schwäbische Alb und Standorte mit ähnlichen Bedingungen. Durch Auslese einzelner Ähren im reifen Feld entstehen neue Zuchtlinien, die über mehrere Jahre geprüft und in der Regel nachselektiert werden müssen. Mittlerweile sind daraus Sorten entstanden, die (nicht nur) in der Bodenseeregion angebaut werden.“

 

INFO: 

Saatgut als Machtmittel zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen. Höchste Zeit, sich zu wehren, meint beispielsweise der Naturschutzbund NABU. Er veranstaltet seit 2017 in Bad Schussenried das Saatgutfestival, dessen fünfte Auflage im März dieses Jahres leider coronabedingt ausfallen musste. Er ruft private Gärtner auf: „Kaufen Sie vermehrungsfähiges Saatgut, bauen es an und heben einen Teil Ihrer Ernte für die Aussaat im nächsten Jahr auf. Und vielleicht teilen Sie dann nicht nur dieses selbst angebaute Saatgut mit Ihren Freunden und Ihrer Familie sondern auch Ihr Gartenwissen und tragen damit ebenfalls zum Erhalt unserer alten Kulturpflanzen bei. Unsere heimischen Pflanzen sind auch bestens an unsere Böden angepasst und kommen in der Regel daher mit weniger Chemie aus.“

Frage an Egle vom Biberacher NABU:

Blix: Sie haben vor 5 Jahren das das Saatgutfestival in Bad Schussenried ins Leben gerufen, das dieses Jahr coronabedingt nicht stattfinden kann. Was waren die Beweggründe?

Egle: Der globale Saatgutmarkt konzentriert sich inzwischen auf fünf Großfirmen. Viele alte Sorten, es sind einige tausend, sind damit verloren gegangen und im Gartenfachhandel sind inzwischen nur noch wenige Sorten, einige Dutzend, vertreten - oftmals auch Hybridsorten, die sich nicht vermehren lassen.

Wie war die Resonanz in den letzten Jahren? Wer interessiert sich für dieses Angebot?

Wir finden, dass die Resonanz enorm war. Bei allen Festivals kamen jeweils 1000 bis 1200 Besucher, die meisten davon sind Hobbygärtner, die sich für Arten- und Naturschutz interessieren und auch am guten Geschmack alter Sorten interessiert sind.

Was bedeutet überhaupt samenfestes und vermehrungsfähiges Saatgut?

Samenfestes Saatgut bedeutet, dass ich von einer Pflanze Samen erhalte, die im nächsten Jahr die gleichen Früchte hervorbringt wie im Blütejahr. Im Gegensatz zu Hybridsorten, bei denen zum Beipsiel zwei verschiedene Tomatensorten künstlich miteinander gekreuzt werden. Erntet man dann von den Samen Saatgut, erhält man im Folgejahr andere Tomaten als im Blütejahr.

 

Was machen eigentlich ‚Die Wilden Gärtner‘?

‚Die Wilden Gärtner‘ treffen sich regelmäßig zum Stammtisch - entweder zum Erfahrungsaustausch oder es ist ein Referent zu einem bestimmten Thema eingeladen, etwa über Fledermäuse. Außerdem veranstalten wir das Saatgutfestival, nehmen bei anderen Saatgutmärkten bzw. Pflanzenbörsen teil. Des Öfteren haben wir auch schon Exkursionen gemacht zu den Themen Kräuter, Kompost und anderen.

 

Autorin: Andrea Reck

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