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Schon mehrfach habe ich in BLIX für die Grippeschutzimpfung geworben, habe alle Argumente dafür vorgetragen und erklärt. Und wahrscheinlich nicht viel erreicht. Wer schon überzeugt war, brauchte meine Argumente nicht, wer skeptisch war, den konnte ich mit den Pro-Argumenten nicht erreichen. Deshalb will ich es dieses Jahr mal anders versuchen, indem ich auf die Contra-Argumente eingehe.

Diese Argumente gegen die Grippeimpfung höre ich oft.

„Grippeimpfung brauch‘ ich nicht; ich krieg nie Grippe“

Influenza ist eine hochansteckende Krankheit. Sie wird fast ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen, per Schmierinfektion und über die Luft. Sie tritt in unseren Breiten saisonal auf, weil in der kälteren Jahreszeit Menschen mehr in engen, geschlossenen Räumen beisammen sind. Während der Grippesaison hat fast jeder von uns Kontakt mit Grippeviren. Aber tatsächlich, nicht alle werden krank, sondern machen eine „stille Feihung“ durch. Das bedeutet, dass sie zwar infiziert sind, ihr Immunsystem diese Infektion aber unbemerkt nebenbei abwehrt Toll. ABER: Wer infiziert ist, ist auch infektiös. Und wer dabei nicht krank ist und deshalb arbeiten, einkaufen und feiern geht, der steckt viel mehr seiner Mitmenschen an, als der, der krank zuhause im Bett liegt. Diese Personen sind die klassischen „Superspreader“ und eben diese sollten sich impfen lassen.

„Ich hatte noch nie so eine schlimme Grippe wie nachdem ich mich impfen ließ“

Wie erwähnt, tritt die Grippe in der kalten Jahreszeit vermehrt auf, weil dann die Übertragungsmöglichkeiten besser sind. Dasselbe gilt auch für andere Viruserkrankungen; allen voran die banalen Erkältungen. Die beiden lassen sich anhand ihrer Symptome oft kaum unterscheiden - eine Grippe kann mild, eine Erkältung schwer verlaufen und sie treten gleichzeitig stark vermehrt auf. Deshalb kann es gut sein, dass ich Sie heute gegen Grippe impfe und Sie morgen eine heftige Erkältung entwickeln. Dann stellt man da ganz instinktiv einen kausalen Zusammenhang her. Weil aber alle Grippe-Impfstoffe (abgesehen von einer speziell für Kleinkinder) sogenannte Tot-Impfstoffe sind – was bedeutet, dass keine lebenden, vermehrungsfähigen Krankheitserreger im Impfstoff enthalten sind - KANN MAN KEINE GRIPPE DAVON KRIEGEN. Übliche Impfnebenwirkungen wie Schmerzen an der Injektionsstelle, Abgeschlagenheit oder gar Fieber 1-2 Tage danach sind hingegen möglich.

„Impfungen überlasten mein Immunsystem“

Wenn das wahr wäre, wäre es wirklich ganz schlecht um uns bestellt. Denn unser Immunsystem macht jeden Tag mehrfach und meistens erfolgreich das Äquivalent einer Impfung durch: Jedes körperfremde Eiweiß, jedes Virus oder Bakterium, das uns im Laufe eines Tages „anfällt“ wird von unserem Immunsystem genauso wie ein Impfstoff behandelt. Der Eindringling wird geortet, begutachtet, an die Datenbank des Immunsystems gemeldet und dann mit vorhandenen Waffen (Antikörpern) vernichtet oder neue, spezifische Antikörper werden gebildet, das Rezept für diese Antikörper wandert ins Archiv. Wie gesagt, das passiert täglich in unserem Körper, meist ohne dass wir etwas davon bemerken. Impfstoffe enthalten mehr von den Stoffen, die diese Immunreaktionen auslösen, vor allem damit der Archiveintrag auch zuverlässig stattfindet. Denn der ist das Entscheidende: Kommt nämlich irgendwann statt des Tot-Impfstoffs mal der Lebend-Krankheitserreger, muss das Immunsystem nur kurz in seiner Bibliothek nachsehen, dann hat es schon den richtigen Antikörper parat und die Schlacht ist gewonnen.
Eine Impfung überlastet Ihr Immunsystem nicht, sondern ist quasi alltägliches Einerlei für diese unsere höchst effiziente Infektions-Schutzpolizei. Im Gegenteil: Ein Totimpfstoff löst zwar die gleichen Immunreaktionen aus wie eine echte Infektion, kann aber nicht die Krankheit auslösen!

„Impfungen machen mein Immunsystem träge, weil es nicht mehr trainiert“

Die Antwort auf diesen Einwand ist eigentlich schon in der Ausführung oben enthalten. Eine Impfung ist tatsächlich hervorragendes Training für das Immunsystem, denn es muss all seine Register ziehen, um auf den Impfstoff zu antworten, ohne dass die Gefahr besteht, die betreffende Krankheit zu kriegen. So wie ein Boxer mit seinem Box-Sack sehr gut trainiert ohne dass dieser zurückschlägt.Wirklich witzig ist, dass manche Impfskeptiker mir beide Argumente gegen die Grippe- oder andere Impfungen (Immunsystem überlastet oder zu stark entlastet) in einem Atemzug nennen, obwohl sich die beiden widersprechen.

„Aber die Nebenwirkungen…“

Alle uns verfügbaren Grippeimpfstoffe sind schon seit vielen Jahren im Einsatz. Im Verlauf des breiten, langjährigen Einsatzes kommen bei allen Medikamenten manchmal ernste Nebenwirkungen zum Vorschein, die bei den Zulassungsstudien mit nur ein paar Zehntausend Probanden nicht aufgetreten sind, weil sie extrem selten sind. Bei keinem der gebräuchlichen Grippeimpfstoffe war dies der Fall – mit Ausnahme des sowieso nicht mehr verimpften Schweinegrippeimpfstoffs Pandemrix®. Übliche, passagere Nebenwirkungen wie Schmerzen an der Injektionsstelle oder Unwohlsein 1-2 Tage nach der Impfung sind möglich und im Vergleich zur verhinderten Krankheit belanglos.

„Die Grippeimpfung taugt nix, weil sie nicht gegen die aktuellen Viren gerichtet ist“

Dies ist das schwerwiegendste und am schwersten zu entkräftende Gegenargument. Weil es einen sachlich ernst zu nehmenden Hintergrund hat. Tatsächlich, unsere Grippeimpfstoffe sind im Vergleich etwa zu Tetanus- oder Tollwut-Impfstoffen schlecht. Tetanus- und Tollwut-Impfungen bieten einen nahezu 100%igen Schutz, die Grippeimpfung einen ca. 70%igen. Dazu kommt das Problem, dass es viele verschiedene Grippeviren gibt, man aber nicht beliebig viele, schon gar nicht alle in den Impfstoff packen kann. Man muss also aus der Vielzahl der weltweit zirkulierenden Grippeviren eine Auswahl treffen, denn die zirkulierenden Grippeviren sind im Wandel. Die Weltgesundheitsorganisation WHO beobachtet jedes Jahr Auftreten und Ausbreitung der verschiedenen Grippeviren und erstellt auf der Grundlage dieser Daten eine Prognose. Diese Prognose ist die Grundlage für die Impfstoffhersteller und sie ist tatsächlich manchmal nicht zutreffend. Dann zirkuliert ein Grippevirus, das durch die saisonale Impfung nicht abgedeckt ist. Die Forschung nach einem Grippeimpfstoff mit besserer Schutzrate und wirksam gegen alle zirkulierenden Virus-Varianten, den man dann auch nicht jährlich verabreiche müsste, läuft auf Hochtouren. Aber bis zum Erfolg dieser Bemühungen werden noch einige Jahre ins Land gehen. Was also jetzt tun, mit den Impfstoffen, die wir haben? Die Grippeschutzimpfung sollte jährlich angewandt werden. Nicht weil ihre Wirkung nur ein Jahr anhält, sondern um den beiden oben ausgeführten Problemen entgegenzuwirken: Die jährliche Anwendung verbessert die Schutzrate zumindest gegen die Grippeviren, die in Impfstoffen vergangener Jahre schon mal enthalten waren. Es ist auch gut möglich, dass grade das Virus, das in dieser Grippesaison zirkuliert, aber nicht durch den aktuellen Impfstoff abgedeckt ist, in der Impfung des vergangenen Jahres drin war. Zudem kann man von einer gewissen „Kreuzimmunität“ ausgehen. Das heißt, dass auch gegen Erreger, die im Impfstoff nicht exakt aber doch in einigen ihrer Eigenschaften abgebildet sind, ein gewisser Schutz besteht. Wenn Sie sich jedes Jahr impfen lassen, baut Ihr Immunsystem quasi eine Bibliothek über viele Grippeviren auf - je umfangreicher desto wahrscheinlich ist genau das Virus, mit dem Sie sich infizieren dabei und das Immunsystem kann sofort mit der Produktion der passenden Antikörper beginnen.

Also: An alle Impfskeptiker die Bitte, nochmal nachzudenken! Ganz besonders in diesem Jahr – sowohl das Gesundheitssystem wie auch jeder Einzelne würde schwer leiden unter der Doppelinfektion mit Corona und Grippe.

 

Autor: Johannes Reck

Foto: Production Perig

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