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Während Weiterbildung für Berufsgruppen wie Ärzte, Beschäftigte in Pflegeberufen oder Lehrer ohnehin verbindlich ist, bieten auch vermehrt Betriebe ihren Beschäftigten die Möglichkeit, sich weiter zu qualifizieren. Besondere Weiterbildungschancen gibt es während der Kurzarbeit.

Der Landtag von Baden-Württemberg hat bereits im März 2015 das Bildungszeitgesetz Baden-Württemberg beschlossen, das Beschäftigten im Land einen Anspruch gegenüber des Arbeitgebers auf Bildungszeit einräumt. Während der Bildungszeit sind sie vom Arbeitgeber unter Fortzahlung der Bezüge freizustellen. Darin wird geregelt, dass die Bildungszeit für Maßnahmen der beruflichen oder der politischen Weiterbildung sowie für die Qualifizierung zur Wahrnehmung ehrenamtlicher Tätigkeiten beansprucht werden kann. Weiterbildung dient also nicht nur der Erhaltung und Verbesserung von berufsbezogenen Kenntnissen und Fähigkeiten. Der Anspruch auf Bildungszeit beträgt bis zu fünf Arbeitstage innerhalb eines Kalenderjahres. Der Anspruch auf Bildungszeit wird erstmals nach zwölfmonatigem Bestehen des Beschäftigungsverhältnisses erworben. Keine Bildungsmaßnahmen im Sinne dieses Gesetzes sind Veranstaltungen, bei denen die Teilnahme von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Partei, Gewerkschaft, einem Berufsverband, einer Religionsgemeinschaft oder einer ähnlichen Vereinigung abhängig gemacht wird, die unmittelbar der Durchsetzung politischer Ziele, der Erholung, der Unterhaltung, der privaten Haushaltsführung oder der Körperpflege dienen. Ebenso wenig Maßnahmen, die der sportlichen, künstlerischen oder kunsthandwerklichen Betätigung, dem Einüben psychologischer Fertigkeiten ohne beruflichen Bezug oder dem Erwerb der allgemeinen Fahrerlaubnis dienen. Ebenso wenig Studienreisen mit überwiegend touristischem Charakter. Die Bildungsmaßnahmen dürfen nur in anerkannten Bildungseinrichtungen durchgeführt werden.
Da der strukturelle Wandel durch die Corona-Pandemie noch an Fahrt gewonnen hat, ist Weiterbildung wichtiger denn je. Um fit zu werden für die Arbeit von morgen gibt es vielfältige Unterstützung. So können bei beruflicher Weiterbildung während der Kurzarbeit unter bestimmten Voraussetzungen die Sozialversicherungsbeiträge erstattet werden. Eine Weiterbildung, die bereits vor Beginn der Kurzarbeit begonnen wurde, muss nicht unterbrochen werden, sie kann auch über den Bezug von Kurzarbeitergeld hinaus fortgesetzt werden. Unter bestimmten Voraussetzungen kann in diesem Fall ein Arbeitsentgeltzuschuss gewährt werden,. Arbeitgeber können sich bei Kurzarbeit die Hälfte der Sozialversicherungsbeiträge abzüglich des Beitrages zur Arbeitsförderung für Beschäftigte erstatten lassen, die während des Bezugs von Kurzarbeitergeld qualifiziert werden. Voraussetzung für die Erstattung ist die Teilnahme an einer beruflichen Weiterbildungsmaßnahme nach § 82 Drittes Buch Sozialgesetzbuch (SGB III), deren zeitlicher Umfang mindestens 50 Prozent der Arbeitsausfallzeit beträgt. Diese Regelung ist bis zum 31. Juli.2023 befristet.

Qualifizierung für alle

Wurden zuvor vor allem Arbeitslose oder Beschäftigte über 45 Jahren beruflich weitergebildet, garantiert das neue Qualifizierungschancengesetz von 2019 jedem, ob arbeitslos, arbeitssuchend oder in Anstellung Anspruch auf eine fachliche Beratung zur beruflichen Weiterbildung und senkt damit die Barrieren. Allerdings gibt es nach wie vor keinen Rechtsanspruch auf eine Weiterbildung. Bei kleineren Unternehmen übernimmt die Bundesagentur bis zu 100 Prozent der Kosten. Das Gesetz sieht eine deutlich erweiterte staatliche Förderung von Weiterbildungsmaßnahmen vor.
Auch während der Kurzarbeit kann die Weiterbildung durch volle oder teilweise Übernahme der Weiterbildungskosten gefördert werden. Voraussetzung ist, dass die Beschäftigten vom Strukturwandel betroffen sind, die Maßnahme in der Regel außerhalb des Betriebs durchgeführt wird und mehr als 120 Stunden dauert. Die Bundesagentur für Arbeit begrüßt dabei ausdrücklich Anstrengungen von Bildungsträgern, die ein Online-Angebot als Ersatz für die Unterbrechung der physischen Durchführung der Maßnahme anbieten. Die Qualifizierungsoffensive WEITER.BILDUNG! der Agentur für Arbeit weist darauf hin, dass die Durchführung der Qualifizierung flexibel sein darf auch hinsichtlich der Schulungszeiten (Vollzeit, Teilzeit, berufsbegleitend ...).

 

Interview: Kurvenreich

Susanne Philipp liebt lebenslanges LernenFür Susanne Philipp, 52, ist lebenslanges Lernen Lebenselixier. Im Interview mit BLIX erinnert sie sich an Stationen ihres Berufslebens.

Frau Philipp, was haben Sie gelernt?

Einzelhandelskauffrau im Lebensmittelbereich.

Wie kam es dazu?

Mein Werdegang verlief immer in Kurven. Von der Realschule bin ich aufs Aufbaugymnasium Ochsenhausen gewechselt. Ich wollte Tierärztin werden und habe neben Englisch und Französisch freiwillig Latein gelernt. Das war wahrscheinlich dann doch zu viel, zumal Musik Hauptfach war und ich alles bin – außer musikalisch. In der 10. Klasse bin ich mit Realschulabschluss abgegangen und habe nach dem Besuch des Kaufmännischen Berufskollegs die Lehre bei Edeka gemacht. Als Klassenbeste wurde mir vom Chef eine Fortbildung in Stuttgart angeboten, die habe ich der Liebe wegen ausgeschlagen. Ich wechselte zu KaVo in die Entwicklung, wo ich mich hocharbeitete zur Versuchsfachkraft.

Wie reagierten ihre Eltern auf die Richtungsänderungen?

Meine Eltern waren immer total cool. Sie hatten immer Verständnis für ihre Kinder. Wir durften uns ausleben. Sie fanden es auch gut, dass ich neben der Arbeit dreieinhalb Jahre jeden Abend in die Kolping-Abendschule ging. Anfangs waren wir 15 Schüler, das Abi legten wir zu siebt ab. Mit meinem 1,9-Abschluss wollte ich Paläontologin werden. Archäologie und Geschichte haben mich auch sehr interessiert. Das war fast schon ein Problem: Ich interessierte mich einfach für so viele Bereiche. Aber dann lernte ich meinen Mann kennen und ich wollte nicht weg von Biberach. Ich arbeitete weiter bei KaVo und war teilfreigestellte Betriebsrätin. Dann interessierte ich mich fürs Programmieren und Gestalten von Webseiten. Ich mag das Strukturierte des Programmierens und bin aber auch gerne kreativ. So arbeitete ich acht Jahre in einer Mittelbiberacher Agentur. Zunächst als Praktikantin, dann als Web-Entwicklerin und Datenschutzbeauftragte. Nebenher studierte ich Medieninformatik. Schließlich ging ich zurück zu KaVo als Assistentin des Betriebsrats und der Schwerbehindertenvertretung. Im Betriebsrat gestalte ich die Website mit und berate zum Thema Datenschutz.

Wann kam die nächste Weiterbildung?

Ich unterstütze die Personalentwicklung beim Thema Schulungen. Wegen Corona wurde vieles heruntergefahren, erst langsam fahren die internen und externen Schulungen wieder hoch. Da ich selbst privat stärker in den Bereich IT-Sicherheit einsteigen will, insbesondere Verschlüsselungstechniken, absolviere ich seit ein paar Semestern ein Bachelor-Studium in IT-Sicherheit an der TU Lübeck. Zu Präsenzveranstaltungen und Klausuren war ich mehrfach in Lübeck. Die Stadt gefällt mir sehr gut. Im Praxis-Semester konzipierte und programmierte ich eine App für das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zum Thema Achtsamkeit.

Was sind die nächsten Pläne?

Nach der Bachelor-Arbeit kommt der Master in IT Sicherheit oder Medieninformatik. Das muss ich noch überlegen. Ich muss immer was lernen, so wie andere Leute gerne Bücher lesen. Ich will immer in irgendeiner Form dazulernen. Oft stoße ich auf Unverständnis, dass ich mich weiterbilde, obwohl sich das nicht unbedingt finanziell auszahlt. Ich lerne des Wissens wegen, nicht unbedingt wegen des Geldbeutels. Viele Jugendliche suchen sich das Studium aus, um einen gut bezahlten Job zu bekommen. Aber ich treffe immer wieder Menschen, die ähnlich ticken. Beim Studium begegnen mir sogar Rentner, die nur aus reiner Freude am Lernen dabei sind.

Und außer arbeiten und lernen, was machen Sie?

Fotografieren macht mir Spaß, vor allem auf Reisen. Zur Entspannung finde ich Yoga ideal.

 

Infos: www.bildungsurlaub.de
www.bmas.de/DE/Service/Gesetze/arbeit-von-morgen-gesetz
www.arbeitsagentur.de/m/weiterbildung-qualifizierungsoffensive/

 

Autorin: Andrea Reck

Foto: Yakobschuk Olena

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