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Alti/Irland - Die Frage nach der persönlichen Zukunft stellt sich, wenn man sich der Klimakatastrophen und Kriege, die durch die Erderhitzung in den kommenden Jahren weiter zunehmen werden, bewusst wird. Man steht vor der Frage, ob es nicht viel sinnvoller wäre, sein Leben dem Kampf gegen die politische Befeuerung der Klimakrise zu widmen und sich erst dann um die persönliche Zukunft zu sorgen. Und wenn man einen Beruf erlernen möchte, ist da immer noch die Frage: welchen? Wählt man den mit dem besten Einkommenschancen oder dem höchsten gesellschaftlichen Ansehen? Oder den Beruf, bei dem man mit Leidenschaft an der Arbeit ist? Welche Berufe haben angesichts der Klimakrise überhaupt Zukunft?

 

Auch wir stellen uns diese Fragen regelmäßig. Dabei eine Entscheidung zu treffen, ist unglaublich schwer, denn keine der Optionen scheint sicher. Entweder sichert man sich finanziell ab mit einen Job, kann sich dadurch jedoch nicht Vollzeit für Klimagerechtigkeit engagieren und überlässt sein Schicksal der viel zu träge agierenden Politik. Die andere Option ist, jetzt alles in den Kampf gegen die Klimakrise zu stecken, dadurch aber auf finanzielle Absicherung und berufliche Perspektiven bis auf Weiteres verzichten zu müssen. Dafür kann man sich aktiv dafür einsetzen, langfristig eine Zukunft mit Perspektiven zu schaffen. Da auch wir diese Entscheidung noch nicht endgültig gefällt haben, wollten wir uns ein Jahr zur Orientierung nehmen. Teil dessen war auch ein Aufenthalt in Irland, bei dem wir auf einer Bio-Farm arbeiteten.
Die Anreise war etwas komplizierter als nur in den Flieger ein- und wieder auszusteigen, da wir zeigen wollten, dass für die meisten Europäer*innen eine Reise auch ohne Flugzeug gut machbar ist. So startete unsere Reise mit dem Zug über Paris nach Morlaix in der Bretagne. Von dort aus mussten wir, dank fehlender öffentlicher Infrastruktur, zum Fährhafen trampen. Wir übernachteten an der Küste und nahmen die Fähre am nächsten Morgen. Nach zwölf Stunden Überfahrt mussten wir im Zielhafen Cork feststellen, dass der Busbahnhof 12 Kilometer vom Hafen weg und somit jeder Bus in schier unerreichbarer Ferne war. Kurzerhand versuchten wir erneut unser Glück mit dem Trampen und wurden bis nach Macroom mitgenommen. Dort holte uns Derek, der Mensch auf dessen Farm wir die nächsten fünf Wochen verbrachten, ab.
Das Konzept unseres Aufenthaltes war, dass wir gegen Kost und Logie beim Aufbau des Biohofes mithelfen. Auf dem Hof lebten wir in einem Mobilhome, das wie ein sehr großer Wohnwagen aufgebaut war. An einem typischen Tag machten wir nach dem Aufstehen als erstes Feuer und frühstückten. Danach fütterten wir die Esel, die meist schon am Tor auf uns warteten, manchmal aber auch erst gesucht werden mussten. Wenn die Esel zufrieden am Fressen waren, hatte uns meist Bella, der einäugige Hund von Derek, schon entdeckt und begleitete uns zu seinem Haus. Dort besprachen wir dann mit Derek die Vorhaben für den Tag.
Zu Beginn waren wir hauptsächlich damit beschäftigt, Dereks Boot aus dem Meer zu holen und zu verladen. Dies war herausfordernder als gedacht, da man auf die Gezeiten angewiesen, das Wasser sehr kalt und das Boot ziemlich groß ist. Nachdem das abgeschlossen war, widmeten wir uns dem Gewächshaus, um dort die alten Tomatenpflanzen herauszuholen, die Beete umzugraben, mit Meeresschlamm aus Korallen die Erde basischer zu machen und letztendlich mit Blumenkohl neu zu bepflanzen. Zwischendurch mussten auch immer wieder kleinere Arbeiten erledigt werden, wie der Bau eines Komposters aus Paletten oder das Mähen von hohem Gras.

 

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Arbeitseinsatz in Irland: vier Wochen arbeiteten Charlie Kiehne (links) und Samuel Bosch auf einem Biohof auf der Insel, dabei konnten sie ihre handwerklichen Fähigkeiten gut gebrauchen. 

 

Unser größtes Projekt war die Renovierung einer Scheune, bei der wir mehrere Pfosten austauschten und neue Wände bauten. Ein Dauerprojekt über die fünf Wochen war Dereks Kamin. Es musste das Rohr begradigt und isoliert und oben ein passender Aufsatz angebracht werden. Da immer wieder Teile fehlen oder kaputt gingen und der nächste Laden ungefähr eine Autostunde entfernt war, konnten wir dieses Projekt leider nicht beenden. Abends kochten wir dann und planten anstehende Klimagerechtigkeitsaktionen für Dublin und Ravensburg.
Nach etwas mehr als vier Wochen endete unser Aufenthalt bei Derek. Der Plan war, ins etwa 400 Kilometer entfernte Dublin zu trampen. Das funktionierte jedoch nur bis Cork, und wir entschieden uns dort den Überlandbus für die verbliebene Strecke zu nehmen. In Dublin angekommen bezogen wir unser Hostel und verbrachten die kommenden Tage mit der Vorbereitung für unsere Aktion vor einem Apple Store und der Besichtigung der Stadt. Bei unserer Recherche über Irland war uns nämlich aufgefallen, dass Irland von Apple keine Steuern verlangt und sie sogar gemeinsam vor dem Europäischen Gerichtshof dafür geklagt haben, dass das so bleiben darf. Unserer Meinung nach ist das absolut nicht in Ordnung, da dadurch wichtige Gelder für soziale und klimafreundliche Projekte fehlen. Um das kundzutun hängten wir vor einem Apple Store in der Innenstadt ein Banner zwischen einen Baum und einer Laterne. Es trug die Aufschrift: „APPLE every day keeps the TAX away“. Wir hatten unsere Aktion so angelegt, dass wir nicht erwischt werden, da wir Kontakt mit der irischen Polizei vermeiden wollten. Leider hatten wir keinerlei Erfahrung mit der Pressearbeit in Irland, darum bekam unsere Aktion nicht die gewünschte Aufmerksamkeit. Mit unserer Aktion wollten wir dem Land, in dem wir eine tolle Zeit verbracht hatten, auch etwas zurückgeben.
Zurück ging es dann wieder mit der Fähre, dieses mal 19 Stunden von Dublin nach Cherbourg und dann mit dem TGV über Paris nach Stuttgart. Zurück in Deutschland kehrten wir in einen verschneiten Alti zurück, und da wir auch in Irland bereits die nötige Organisationsarbeit leisteten, fand noch in der gleichen Woche eine Aktion in der Ravensburger Innenstadt statt bei der knapp 10 Menschen mit Banner je einen Baum besetzten.
Wir haben diese Reise gemacht, um die Welt besser kennenzulernen und neue Fähigkeiten zu erlernen. Bisher fand unser Aktivismus ausschließlich in Deutschland und in Form von lauten Aktionen statt, um auf die Missstände in der Bekämpfung der Klimakrise aufmerksam zu machen. Jetzt haben wir eine ganz andere Art von Aktivismus betrieben, indem wir beim Aufbau eines klimafreundlichen und ökologischen Projektes halfen. Dabei konnten wir die Lebensrealitäten vieler Menschen kennenlernen.
Eine abschließende Antwort auf die Frage nach unseren Zukunftsplänen konnten wir in Irland nicht finden, aber das hatten wir auch nicht erwartet. Dafür sind es einfach zu viele Faktoren und Ungewissheiten, die einen Einfluss auf diese Entscheidungen haben. Sicher sind wir uns zumindest, dass wir etwas Praktisches machen wollen. Am besten wäre natürlich ein Beruf, der aktiv und unmittelbar gegen die Klimakrise hilft. Aber gibt es den überhaupt?
Solange die Politik weiterhin nicht handelt, werden wir auf jeden Fall weiter auf Bäume und Gebäude klettern, denn was bringt uns ein guter Job in einer Welt, die bestimmt ist von Klimakatastrophen?

 

Text & Fotos: Samuel Bosch u. Charlie Kiehne

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