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Aulendorf-Blönried - Theater in der Schule? Für viele nichts Neues. Gerade das Studienkolleg St. Johann ist bekannt dafür. Meist jedoch kommen die Schauspieler aus der Schülerschaft und die Kultur-und Mehrzweckhalle ist mit Eltern, Freunden und Verwandten gefüllt. An diesem ersten Dezember jedoch hieß es „Achtung?!“ als die Theatertruppe Q-Rage in Blönried die Bühne übernahm und die Polizei im Schlepptau hatte.

 Die Halle ist abgedunkelt und die Schüler und Schülerinnen der neunten und zehnten Klassen warten gebannt auf den Start. Scheinwerfer setzen ein schlichtes Bühnenbild in Szene: zwei Klapptische, zwei Stühle, eine Kiste und eine große Leinwand. Mehr nicht. Was die Jugendlichen dann erwartet, ist eine mitreißende Vorführung voller Emotionen, die sehr zum Nachdenken anregt - wofür es auch extra hierfür Pausen gibt. Denn was die Jugendlichen zu sehen bekommen, ist nicht nur Unterhaltung, sondern auch Unterricht.
Marlies Bestehorn und Daniel Neumann von der Gruppe Q-Rage zeigen ein Präventionstheater zum Thema „Extremismus“: Die beiden besten Freunde Tarek und Lina werden getrennt. Lina zieht mit ihren Eltern in ein Kaff in Bayern. Plötzlich finden sich beide in der Außenseiterrolle wieder. Tarek, dessen Vater aus der Türkei stammt, fühlt sich weder „deutsch“ noch „türkisch“. Er sucht Anschluss im Internet und in seinem Glauben, bis er die Welt nur noch nach „Halal“ und „Haram“ unterscheidet. Lina fühlt sich in ihrer neuen ländlichen Heimat ebenfalls völlig fehl am Platz. Jedenfalls bis sie Tom kennenlernt, der sie in seine Clique aufnimmt.
„Tom ist ein Neonazi“, heißt es nach dieser Szene aus den Schülerreihen. Als Daniel Neumann hierfür eine Begründung verlangt, verweisen die Schüler auf die „88“ auf Toms Jackenrücken. Womit Neonazis den verbotenen „Hitlergruß“ kaschieren. Zwischen einzelnen Szenen der einstündigen Aufführung regen Neumann und Bestehorn immer wieder zum Reflexionsgespräch an. Wie fühlten sich Tarek und Lina wohl in dieser Situation? Wie konnten Islamisten und Neonazis die beiden Jugendlichen für sich gewinnen? Wo genau liegen die Gefahren?

 

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Das Zwei-Personen-Stück gibt Anstoß für Jugendliche, darüber nachzudenken.

 

„Die wissen, wie Jugendliche denken“, meinen Maurice und Lisa nach der Aufführung. Die beiden Fünfzehnjährigen äußern sich begeistert über das Darsteller-Duo und das Projekt. „Es war sehr informativ. Die Bedeutung der Symbole habe ich nicht alle so genau gekannt, aber zu sehen, wie die vorgehen, war wichtig“, meint Lisa. Beide würden sich mehr Gelegenheiten dieser Art wünschen. Ein Wunsch, den sie mit der Polizei Ravensburg teilen. Extremismus sei ein brennendes Thema und die Polizei sei bemüht, jeglichen Formen durch Prävention entgegen zu wirken. Dabei ist das vom Kompetenzzentrum gegen Extremismus in Baden-Württemberg (konex) koordinierte Präventionstheater eine hervorragende Möglichkeit.
Und Prävention ist nicht nur für die Schüler wichtig. Eingebettet in die momentane Ausstellung „Weltethos“ an der Schule, wurde ein mehrgliedriges Programm aus Elternabend, Präventionstheater und Nachbereitung im Unterricht konzipiert, um fächerübergreifend Jugendliche, Eltern und Lehrer anzusprechen. „Weltethos“ ist eine Sammlung von Werten, die ein friedliches Zusammenleben zwischen allen Religionen und Kulturen ermöglichen sollen. Respekt und Toleranz für den Anderen gehören dazu. Das haben sich in diesen turbulenten Zeiten einige wieder in Erinnerung rufen dürfen: ob Lehrer, Eltern oder Schüler.
„Seid offen für das, was ihr sehen werdet“, begrüßte Schulleiter Klaus Schneiderhan die Schülerinnen und Schüler und bedankte sich bei Polizeipräsidenten Uwe Stürmer von der Ravensburger Polizei, den Schauspielern von Q-Rage und den Lehrkräften Dagmar Lippik und Thomas Unglert für die Organisation. Auch der Polizeipräsident richtete ein paar Worte an die Schüler und schilderte, wie er im Laufe seiner Karriere immer wieder Jugendlichen begegnete, die ihre innere Stimme, die Achtung und Respekt gebiete, verloren hätten.
So auch Tarek und Lina. Am Ende des Stückes besucht Lina ihre Oma und kehrt in die alte Heimat zurück. Sie seilt sich ab, schreibt Tarek und die beiden Treffen sich an ihrer Lieblingsstelle am See. Doch sie finden nicht mehr zur alten Freundschaft zurück. Statt Verständnis füreinander hagelt es Vorwürfe: „Dein Vater ist doch auch nur so ein Quotentürke…“ und „Das ist eh alles haram“. Werden sie wieder zueinander finden? Die Handlung endet im Streit, das Stück selbst jedoch mit einer Reflexion der Schauspieler: „Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Die Welt ist bunt!“, so das Schlusswort, gefolgt vom Applaus des Publikums.

www.studienkolleg-st-johann.de
www.q-rage.de

 

Text & Fotos: Sascha Müller

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