BLIX Banner1

Bad Waldsee/Gaisbeuren - Was macht eigentlich ein Seiler? Diese Frage bekommt Sebastian Freßle häufig gestellt, vor allem in letzter Zeit, denn der 26-Jährige wurde jüngst im bundesweiten Wettbewerb „Profis leisten was“ für sein Können mit dem 1. Platz ausgezeichnet und darf sich nun Deutscher Meister nennen. Und das in einem Handwerk, das heute nahezu in Vergessenheit geraten ist.

Jeder von uns hat schon mal ein Seil benutzt, und sei es nur beim Seilspringen im Garten an längst vergangenen Kindheitstagen gewesen. Doch kaum jemand hat sich wohl je weitreichendere Gedanken über das in vielen Bereichen praktische und wichtige Hilfsmittel gemacht. Ganz anders Sebastian Freßle. Der 26-Jährige kam durch den elterlichen Betrieb schon früh mit Seilen aller Art in Berührung. Bereits sein Ur-Ur-Großvater Johann Marschall gründete im Jahr 1896 die Firma Seil-Marschall in Ravensburg. Heute gibt es dort ein Ladengeschäft sowie eine Produktionsstätte in Gaisbeuren. Damals wurden hauptsächlich Seile für die Landwirtschaft und das Baugewerbe hergestellt. Um 1920 kamen Drahtseile zum Sortiment hinzu. Heute führt das Unternehmen nahezu alles im Zusammenhang mit Seil-, Hebe- und Zurrtechnik.
Für Sebastian Freßle war allerdings nicht von Anfang an klar, dass er mal ins Familiengeschäft einsteigen würde. „Mir ging es wahrscheinlich wie den meisten Schülern nach ihrem Abschluss. Ich hatte zwar eine grobe Richtung mit Interessen, aber keinen festen Plan“, erzählt Freßle. Deshalb verschlug es ihn 2014 nach dem Abitur am Studienkolleg St. Johann erst mal zur Bundeswehr, wo er sich nach dem freiwilligen Wehrdienst für vier Jahre als Soldat auf Zeit bei den Gebirgsjägern in Mittenwald verpflichtete. „Dort standen täglich Übungen zu Knoten und Bunden auf dem Plan, woran ich immer großes Interesse hatte“, erklärt der Handwerker. Somit war die Entscheidung für eine Ausbildung im elterlichen Betrieb gefallen.

 

IMG 7060 be

Sebastian Freßle in seinem Element. Hier ist höchste Sorgfalt gefragt.

 

In der Abschlussklasse des 26-Jährigen versammelten sich gerade einmal 14 Auszubildende aus ganz Deutschland in der Textilschule Münchberg, die deutschlandweit einzige Berufsschule, die im dreijährigen Blockunterricht Seiler ausbildet. Der Beruf des Seilers ist also ein Beruf mit Seltenheitswert, was auch Sebastian mit einem Schmunzeln bestätigt: „Wenn ich gefragt werde, wissen die meisten Leute nichts mit meinem Beruf anzufangen. Man muss immer erst erklären, was man eigentlich macht.“ Stimmt.
Also was genau macht ein Seiler eigentlich? „Der Beruf deckt ein weites Spektrum an Einsatzbereichen der Endprodukte ab. Vom einfachen Schnürsenkel bis hin zum zentimeterdicken Kranseil ist alles dabei“, erläutert der frischgebackene Deutsche Meister. Die Hauptarbeit liegt in der Konfektionierung der Seile, das heißt in der Herstellung von Endverbindungen und der Seilproduktion an sich. Die Konfektionierung reicht vom klassischen Spleiß bis hin zu Seilvergüssen an Drahtseilen. Besonders reizt Sebastian Freßle die Genauigkeit, die bei den Produkten verlangt wird, sowie die Verantwortung, die man dabei trägt. „Egal ob bei Seilen im Kletterbereich oder bei Seilen zum Heben von Lasten, man darf sich keinen Fehler erlauben und muss zu 100 Prozent bei der Sache sein, denn am Ende hängen immer Menschenleben davon ab“, gibt der Hobby-Bergsteiger zu bedenken.
Auch die Tradition dieses heute nur noch wenig bekannten Handwerks ist etwas, das den jungen Seiler fasziniert. „In der Schule wurde uns mit einem Augenzwinkern beigebracht, dass es sich beim Seilerhandwerk um das zweitälteste Handwerk der Welt handelt“, erzählt Freßle mit einem Lächeln. Bereits für das Mesolithikum (Mittelsteinzeit) sind Seile und Fischernetze aus Weidenbast nachgewiesen. Das wohl älteste gefundene Seil wird um 1500 v. Chr. datiert und natürlich wurden auch schon Seile verwendet, um die Pyramiden in Ägypten zu bauen. Und auch seit es die Schifffahrt gibt, gibt es Seile dafür. Im Laufe der Zeit wurden dabei die Ansprüche an die Seile immer höher und die Einsatzgebiete immer weiter, wodurch sich auch die Arbeit der Seiler weiterentwickelt hat. Wo früher fast nur Naturfasern wie Hanf, Kokos oder Sisal verwendet wurden, kommen heute hochmoderne und hochtechnische Werkstoffe wie zum Beispiel HMPE (Hochmodulares Polyethylen) zum Einsatz.
Beim bundesweiten Wettbewerb „Profis leisten was“, der seit 1951 jährlich zunächst auf Kammerebene, auf Landesebene und zuletzt auf Bundesebene stattfindet, konnte sich Sebastian Freßle jetzt mit seinem besonderen Handwerk gegen mehrere Tausend Gesellinnen und Gesellen aus ganz Deutschland durchsetzen. Bei der Bewertung seines Gesellenstücks spielten sowohl technisches und handwerkliches Können als auch Ästhetik und Design eine entscheidende Rolle. Als Deutscher Meister wird er nun in den Familienbetrieb einsteigen, der mittlerweile in der 4. Generation von Sebastians Vater Christoph und seinem Onkel Thomas geführt wird. Mit Sebastian, seinem Bruder sowie seinem Cousin steht bereits die 5. Generation in den Startlöchern, um das alte Handwerk in eine erfolgreiche Zukunft zu führen.

 

Autor: Alexander Koschny

Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben!

­