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Lange Zeit galt das katholische Oberschwaben an sich als Widerstandsnest gegen den im Deutschen Reich vorherrschenden Nationalsozialismus. Entsprechende Legenden wurden in der öffentlichen Wahrnehmung gepflegt und von Generation zu Generation weitererzählt. Erst die neuere Täterforschung ab den 1990er Jahren begann kritischer hinzuschauen und mit den dauerhaften Nachkriegslegenden aufzuräumen. Immer mehr zeigte sich, dass das „Dritte Reich“ ohne die Aktivitäten der unzähligen örtlichen und regionalen Nazis nicht „funktioniert“ hätte.

 

Dieser kritisch-historischen Sichtweise besonders verpflichtet ist Ludwig Zimmermann aus Wolpertswende-Mochenwangen, Realschullehrer im Unruhestand. Nach zwei Bänden, die Familie, Kindheit, Jugend und beruflichen Werdegang des aus Baustetten bei Laupheim stammenden Autors umfassen, folgt nun der dritte Band der Lebenserinnerungen des 83-Jährigen. Darin konzentriert sich dieser auf die in der Nachkriegszeit von ihm erlebten, manchmal auch erlittenen, mehr oder eher weniger erfolgreichen Aufarbeitung der NS-Zeit.
Dabei greift er weit aus: Anhand zahlreicher lokaler Beispiele schildert Zimmermann zu Beginn, wie die Nationalsozialisten im schwäbischen Oberland Fuß fassten und schließlich die politische und gesellschaftliche Macht erlangten. Es sind „ganz normale Deutsche“, die als „kleine Hitler“ aktiv waren, vom Bauern über den Handwerker und Geschäftsmann bis zum Akademiker, die der Autor ins Visier nimmt. Das Spektrum reicht vom angepassten Befehlsempfänger bis zum eigenständig Handelnden, der seine Handlungsspielräume im Sinne der NS-Ideologie weit auslegte.

 

Zimmerman BIld

Fleißarbeit: Lokalhistoriker Ludwig Zimmermann hat Jahrzehnte zum Thema „Nationalsozialismus in Oberschwaben“ geforscht.

 

Dabei hebt Zimmermann vor allem – der Quellenlage entsprechend – die Bedeutung der einzelnen Kreisleiter und Ortsgruppenleiter hervor. Besonders ausführlich widmet er sich dem für Saulgau und Riedlingen zuständigen Kreisleiter Dr. Erich Waizenegger, der bisher von der historischen Forschung vernachlässigt wurde. Der Autor identifiziert den Saulgauer Arzt als den „rücksichtslosesten“ Nazi-Aktivisten im Oberland. Charakteristisch für dessen Machtausübung ist zum Beispiel der ausführlich dargestellte Konflikt mit dem „widerborstigen“ Bürgermeister Anton Koch von Ertingen. Das Urteil Zimmermanns über Dr. Waizeneggers Herrschaft bekommt eine weitere Facette, wenn man erfährt, wie der Mediziner bei der NS-Rassenhygienepolitik mitwirkte oder bei seiner Abordnung in das polnische Generalgouvernement als Leiter des Gesundheitswesens im Distrikt Radom sich aktiv am „Volkstumskampf“ gegen Polen und bei der Judenverfolgung beteiligte.

 

Seite 322

Am 12. und 19. April 1945 fielen Bomben auf Biberach, es starben über 60 Menschen, Seite 322.

 

Zimmermann stellt mehrere Oberschwaben vor, die eine zum Teil bedeutende Rolle in der deutschen Zivilverwaltung im besetzten Polen spielten. Ein eher kleines Licht war NS-Kreisbauernführer Heinrich Wagner aus Pflummern bei Riedlingen, der aber „mit harter Hand, stets eine Knute bei sich führend“, den Polen im Kreis Busko bei der Eintreibung der Ernte „Beine macht“, wie er in seinen Briefen in die Heimat stolz berichtete, aus denen Zimmermann ausführlich zitiert.
Ebenso akribisch hat er sich mit der Katholischen Kirche in der Region befasst und Geistliche ausfindig gemacht, die sich dem Druck der Nazis widersetzten. Die Spannweite reicht vom legendären Ravensburger Jugendkaplan Kästle über viele Einzelfälle verfolgter und teilweise inhaftierter Priester bis zur ausführlichen Schilderung der Verfolgung des Rottenburger „Bekenner“-Bischofs Joannes Baptista Sproll, geboren in Schweinhausen bei Biberach. Gerade hier zeigt der Autor, dass es im Oberland auch standhaft Gebliebene gab, die sich dem Nationalsozialismus verweigerten.
Einen weiteren Schwerpunkt setzt Zimmermann, motiviert durch den eigenen familiären Hintergrund, mit der ausführlichen Darstellung der Euthanasie in der Region. Sein Ziel, „den Toten einen Namen zu geben“, hat er mit einer umfassenden Liste der Ermordeten erreicht. Zahlreiche Opfer des KZ-Systems, Verbrechen an Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und an weiblichen Opfern der Verfolgung („Haarschur an Polendirnen“) nennt er, ebenso die zahllosen Gewaltakte zu Kriegsende durch deutsche Soldaten an ihren Landsleuten.

 

Seite 34

Die SA demonstriert im Wahlkampf 1933, Seite 34.

 

Besonders kritisch befasst sich Zimmermann mit der in seinen Augen weitgehend gescheiterten Entnazifizierung nach 1945. Dass frühere belastete Nazi-Aktivisten sich nun als Gegner des Nationalsozialismus darstellen, vereinzelt sogar in ihren Gemeinden zu Ehrenbürgern ernannt werden, erregt den Autor besonders. Bei seinen Nachforschungen traf Zimmermann immer wieder auf örtliche Widerstände, über die er ausführlich berichtet. Klartext spricht er auch, wenn er seine Erfahrungen schildert, die er jahrzehntelang als gewählter Kommunalpolitiker sowie als aktives CDU-Parteimitglied bei dem Bemühen um eine ehrliche Aufarbeitung der NS-Zeit gemacht hat. Dass er sich dabei nicht nur Freunde gemacht hat, wird überdeutlich.
Die von Zimmermann vorgestellten zahlreichen Einzelereignisse, Orte und Personen ergeben in der Gesamtschau ein eindrucksvolles Bild unserer Region „zwischen Begeisterung, Anpassung und Widerstand“. Bei seiner regionalgeschichtlichen Arbeit stützte er sich einerseits auf zahlreiche Zeitzeugenberichte und Interviews, die er so vor dem Vergessen gesichert hat. Andererseits recherchierte er gründlich in Gemeinde- und Stadtarchiven sowie in den einschlägigen Staatsarchiven des Südwestens, bis hin zum Bundesarchiv in Berlin.
Man merkt dem Buch deutlich an, dass Zimmermann mit viel „Herzblut“ und Leidenschaft ans Werk ging. Dass er in seiner teilweise harschen Kritik an einzelnen Zeitgenossen mitunter übers Ziel hinausschießt, ist wohl Zimmermanns jahrzehntelangem heimatgeschichtlichen Engagement zuzurechnen, das wiederum nicht von allen gleichermaßen geschätzt wurde.
Das gewichtige Buch von 439 Seiten mit einer Überfülle von Einzelinformationen ist reich bebildert und fördert so die Lektüre durch Anschaulichkeit.

Ludwig Zimmermann: Das katholische Oberschwaben im Nationalsozialismus. Zwischen Begeisterung, Anpassung und Widerstand.
Verlag Eppe, Aulendorf 2021. Preis: 30 Euro.
ISBN 978-3-89089-157-6

 ZImmermann Umschlag

 

Autor: Wolf-Ulrich Strittmatter

Über den Autor:
Wolf-Ulrich Strittmatter, * 1946, Oberstudienrat i.R., Studium der Geschichte und Germanistik in Freiburg. Seit drei Jahrzehnten Mitarbeit bei zeitgeschichtlichen Publikationen mit lokal- und regionalgeschichtlichen Beiträgen, schwerpunktmäßig zur NS-Geschichte (Ravensburg, Waldburg, Vogt, Taldorf, Bodnegg). Zahlreiche Täterbiographien in der Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ zu Baden-Württemberg und Bayern.

 

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