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Oberstadion - Im Rahmen der aktuellen Ausstellung von Marlis Glaser „KUNST VERBINDET. Gegen Antisemitismus – gegen das Vergessen“ im Krippenmuseum in Oberstadion referierte Prof. Dr. Hanspeter Heinz (82) zum „Antisemitismus in der christlichen Tradition – eine bleibende Herausforderung“. Der katholische Pastoraltheologe und stellvertretende Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Augsburg stellte fest, dass „die Kirchen in der Nazizeit durch Schweigen, Untätigkeit und Mitwirkung schwere Schuld auf sich geladen (haben). Der fast 2000-jährige unchristliche Antisemitismus hatte das Immunsystem der Kirche gegen den Judenhass der Nazis immunisiert. Das nimmt Christen und Kirchen in Pflicht für die Überwindung des auch heute virulenten Antisemitismus.

 Auszug aus seinem Vortrag: „Im 19. Jahrhundert wurde der Begriff ‚Rasse‘ gebräuchlich, um Gruppen von Tieren und Menschen mit gemeinsamen äußeren Merkmalen zu klassifizieren. Dabei wurden auch soziale Schichtung auf Rassenunterschiede und der angebliche Kulturverfall auf Rassenmischung zurückgeführt. Es entstand der Mythos vom reinrassigen Arier, der in einem historischen Endkampf der minderwertigen Mischlingsrasse der Juden gegenüberstünde. So wurde der vorher religiös oder ökonomisch begründete Antisemitismus zur Rassenfrage erklärt, wobei der vage Rassenbegriff auch Begriffe wie Volk, Nation, Deutsch- und Germanentum umschloss. Die nationalsozialistische Rassentheorie setzte diese Tradition fort. Ihre Rasse- und Vernichtungspolitik hat zwar aus den vorherigen Entwicklungen geschöpft, sie aber auf präzedenzlos gewaltsame Weise umgesetzt.
Die Schoa (Vernichtung), für die auch der Name Auschwitz steht, ist mit keinem anderen Völkermord in der Menschheitsgeschichte gleichzusetzen. Die Schoa ist einzigartig für Juden, Christen und die Menschheit. Für die Juden bedeutet sie die größte Katastrophe ihrer Geschichte; alle waren betroffen: Männer und Frauen, Alte und Junge, Säkulare und Religiöse. Für die Kirchen bedeutet sie die Desavouierung des Christentums durch ihre jahrhundertealte Judenfeindschaft, die den Nazis teilweise den Weg bereitet hat. Für die Würde des Menschen bedeutet sie den tiefsten Abgrund, die radikalste Negation. (…) Die höchste Würde des Menschen ist der biblische Ehrentitel ‚Bild Gottes‘ – tiefster Abgrund der Erniedrigung des Menschen ist die Rassenideologie. Dieses finstere Kapitel der Geschichte belastet die nachkommenden Generationen nicht mit Schuld, wohl aber mit einer Verantwortung für alle Zeiten. Das gilt besonders für die Menschen in Deutschland, denn die Verbrechen gingen von Deutschland aus. Und sie nimmt die Kirchen in Verantwortung, denn das Christentum hat das Immunsystem zur Abwehr der Naziideologie schwer geschädigt, die Täter und Kollaborateure waren größtenteils Getaufte. Die Proklamation der Allgemeinen Menschenrechte und der Genfer Flüchtlingskonvention hat für Europa eine Zeitenwende eingeläutet, die für alle Zukunft in Pflicht nimmt.“

 

Autor: Roland Reck

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