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Gutenzell-Hürbel - 75 Kühe leben auf dem Wendelhof, einer landwirtschaftlichen Kooperation der Betriebe von Norbert und Stefan Huchler. Am Rande des Weilers Niedernzell gibt es nicht nur einen Milchviehstall mit einer kleinen 100 KW-Biogasanlage, sondern auch viel zu lernen. Der zertifizierte Bauernhofpädagoge teilt sein Wissen mit Schülern, Studenten und Lehrern.

 Nicht nur Kühe leben in Niedernzell artgerecht. Seit 2012 arbeiten die Huchlers im Ackerbau sehr eng mit dem Naturland Schweinebetrieb von Martin Mohr zusammen. Norbert Huchler (53) ist auf dem 1886 gebauten Wendelhof aufgewachsen. Seine Urgroßeltern hatten 17 Kinder, er lebt mit seiner Frau und vier Kindern, die zwischen 13 und 18 Jahr alt sind, und seinen Eltern unter einem Dach, das mit einer Photovoltaik-Anlage bestückt ist. Während sein Bruder Wolfgang in Gutenzell-Hürbel Hochbeete und Tiny Houses baut, betreibt er mit seinem Großcousin Stefan Landwirtschaft. Seit 2017 ist der Wendelhof ein zertifizierter Bauernhofpädagogik Hof und bietet Erlebnisführungen für Lehrkräfte, Erwachsene, Senioren sowie für Firmen an. Als Mitglied von Lernort Bauernhof ist er auch Partner für Schulklassen, die einen Bauernhof kennen lernen wollen.
Huchler lädt auch zu Stallgesprächen ein. Interessierte begleiten ihn beim Melken von 17 bis 18.30 Uhr und dürfen in lockerer Atmosphäre fragen, was sie schon immer über biologischen Landbau wissen wollten. Was machen Biobauern anders? Wieso stehen hier mitten im Feld Bäume? Was heißt ganzheitliches Weidemanagment?
Daneben gibt es Erlebnisführungen für verschiedene Zielgruppen. Huchler hat vor allem Lehrkräfte im Blick, die als Multiplikatoren Schülerinnen und Schülern ihr Wissen anschaulich vermitteln. Oder am besten gleich mit ihnen wiederkommen. Die sehr unterhaltsamen Führungen dauern meist zwei Mal eineinhalb Stunden, dazwischen gibt es etwas zu Essen. Bei größeren Gruppen wird der Backofen für Denneten angeworfen.

Norbert Huchlers Wendlhof in Nierdernzell ist ein gastlicher Ort für Menschen Schwalben und Insektenjpg

Norbert Huchlers Wendlhof in Niedernzell ist ein gastlicher ort für Menschen, Schwalben und Insekten.

Barfuß und in kurzer Hose stapft Huchler über taunasses Gras und Klee vom Haus weg hinauf zu einem Feld, auf dem derzeit Weizen wächst. Was im Weltagrarbericht von 2008 recht theoretisch daherkommt, vermittelt der redegewandte Landwirt höchst anschaulich. Damals fassten 500 Wissenschaftler aus aller Welt im Auftrag der Weltbank und der UNO den Stand des Wissens über die globale Landwirtschaft, ihre Geschichte und Zukunft zusammen. Sie stellten fest, dass die Zahl der Hungernden auf der Welt noch nie so hoch war, obwohl auch die landwirtschaftliche Produktion pro Erdenbürger höher war als je zuvor. Sie forderten, den Klimagas-Ausstoß der Lebensmittelproduktion auf ein Fünftel zu reduzieren, die Überdüngung der Ozeane, den Verlust von Artenvielfalt, Bodenfruchtbarkeit und traditionellem, lokalem Wissen zu stoppen. „Hier lasse ich meist schätzen, wie groß dieses Feld ist“, erklärt er, als wir vor einem großen Weizenfeld ankommen. Erwartungsgemäß liege auch ich mit meiner Zahl weit daneben. Es sind sieben Hektar, etwa die Fläche von zehn Sportplätzen. So viel, wie jedem Weltbürger zustehen.
Die Dorfgemeinschaft Wennedach, Rotarier aus Biberach sowie das Kollegium der Gemeinschaftsschule Reinstetten und viele andere erfuhren bei Führungen etwas über neue Entwicklungen aber auch über aktuelle Probleme der Bauern. Studenten der Hochschule Biberach waren 2019 bereits zum vierten Mal mit Austauschstudenten aus den USA zu Gast. Senioren aus Schönebürg, Kreistagskandidaten der ödp, Milchkunden und viele andere waren schon hier. Seit Beginn der Corona-Pandemie führte Huchler nur noch kleine Gruppen.
Er diskutiert mit Veganern und Vegetariern darüber, dass manche Flächen sich einfach nicht eignen für den Ackerbau, hingegen ideal sind als Weidefläche für Kühe. Er erklärt die Notwendigkeit der Fruchtfolge und erklärt, wie wichtig der Humusaufbau ist, der mit Dünger wie Mist, Gülle oder Kompost gefördert werden kann, mit Zwischenfrüchten oder mit Untersaaten. Stickstoff führt er alle sechs bis sieben Jahre mit Leguminosen, Hülsenfrüchtlern, zu. „Wiederkäuer sind da zum Gras fressen“, erklärt Huchler „aber wir haben die Kuh zur Sau gemacht, indem sie mit Feldfrüchten gefüttert wird“.
„Sauen“ gibt es hier übrigens auch. Die Spuren von Wildschweinen am und im Weizenfeld sind nicht zu übersehen. Huchler fürchtet, aus dem Wald könnten eines Tages auch Wölfe auftauchen, die seinen Tieren zur Gefahr werden. Er ist kein Romantiker, sondern Pragmatiker. Natürlich lässt er seinen Rindern die Hörner. Wobei er auch beobachtet, dass unter seinen Kühen manche von Artgenossen gemobbt werden. „Die Kuh ist das Spiegelbild der Gesellschaft“, stellt er lakonisch fest, „die Natur ist knallhart“. „Wir brauchen hohe Erträge, wir werden ja immer mehr Menschen.“ Dabei blieb leider in den letzten Jahrzehnten bei der Spezialisierung der Landwirtschaft mit immer höheren Erträgen die Natur auf der Strecke. Er plädiert für multifunktionale Landwirtschaft, pflanzt Akazie, Kirsche, Walnuss, Linde und Eichen in seine Felder. Lässt dafür einen Blühstreifen stehen und kann mit geringen Einbußen mit dem Traktor die Felder bearbeiten.
Im Tal unter den drei Hangterrassen mit Obstbäumen an den Kanten, die er angelegt hat, um ebene Flächen zu erhalten und der Erosion keinen Vorschub zu leisten, weiden seine Kühe, die er seit fast zwanzig Jahren nach Bioland Richtlinien hält. Statt muttergebundener Aufzucht hat er sich für Ammen entscheiden, die sich jeweils um zwei Kälbchen kümmern. Sie werden früh auf die Weide gelassen. Der Starkregen der letzten Wochen hat zum Glück keine großen Schäden angerichtet, dazu trug auch das Grünland bei, das viel mehr Wasser aufnehmen kann als etwa ein Maisacker. Für seine kleine Biogasanlage pflanzt Huchler an anderer Stelle allerdings auch Mais an. Beim Blick über Niedernzell erinnert er sich, dass früher sechs Vollerwerbslandwirte hier wirtschafteten, heute sind es nur noch sein Cousin und er. Wobei seine Kinder durchaus schon Interesse bekundet haben, den Hof weiter zu betreiben. www.wendelhof.de

 

Text und Fotos: Andrea Reck

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