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Muslimischen Frauen begegnen auch bei uns vielen Vorurteilen. Ist das Kopftuch wirklich ein klares Zeichen der Unterdrückung? Erlaubt der Koran den Männern, über ihre Ehefrauen zu bestimmen? Und wie gleichberechtigt leben Frauen aus muslimischen Ländern, die schon seit Jahren in Deutschland sind?

 

Islamwissenschaftler sind sich einig, dass Männer und Frauen laut Koran vor Gott gleich und deshalb auch gleichberechtigt sind. Da Mann und Frau sich körperlich unterscheiden und verschiedene Stärken und Schwächen haben, habe Gott ihnen laut Koran unterschiedliche Aufgaben zugeteilt. Die Rechte des einen ergeben daher nach der Lehre des Korans auch die Pflichten des anderen. So ist beispielsweise der Mann verpflichtet, allein für den Unterhalt seiner Familie zu sorgen. Er muss sich vor Gott dafür verantworten, dass es seiner Familie gut geht. Wenn eine Frau dagegen durch ihre Arbeit eigenes Geld verdient, braucht sie davon nichts an die Familie abzugeben. Daher werden Männer und Frauen beim Erbe auch unterschiedlich behandelt. Frauen erben nur die Hälfte des Vermögens, das einem Mann zustehen würde, weil er davon auch seine Angehörigen mitversorgen muss. Die Frau dagegen trägt die Hauptverantwortung für das Wohl der Kinder. Im Koran steht sogar, dass eine Mutter ihr Kind stillen soll, wenn sie dazu in der Lage ist. Laut Sure 65:6 darf sie bei einer Scheidung sogar eine finanzielle Entschädigung von ihrem Exmann einfordern.
Wie in anderen Religionen prägen auch im Islam Traditionen den Alltag. Laut Koran darf ein Mann mehrere Frauen heiraten, wenn er sie finanziell und emotional gerecht und gleich behandeln kann. Frauen dürfen nicht mehrere Männer gleichzeitig haben, aber sie dürfen selbst entscheiden, wann und wen sie heiraten. Dass Zwangsheiraten in vielen islamischen Ländern noch gang und gäbe sind, zeigt, wie Theorie und Praxis oft auseinanderklaffen. Staaten wie Ägypten (2000) und Marokko (2004) haben Einschränkungen im Familienrecht eingefügt, die zum Beispiel die Einwilligung der ersten Frau verlangen. Im Koran steht, dass Scheidungen erlaubt sind und laut Sure 2:227 von beiden Seiten ausgehen dürfen. Doch im selben Buch finden sich auch Passagen, die oft als Beweis der Überlegenheit von Männern gegenüber Frauen ausgelegt werden. Sure 4 spricht zum Beispiel davon, dass die Männer „über den Frauen stehen“, was viele Gelehrte so verstehen, dass die Männer über die Frauen bestimmen dürfen. Und in der gleichen Sure wird den Männern auch erlaubt, „widerspenstige Frauen“ zu ermahnen, sie im Ehebett zu meiden und auch zu schlagen.
Ein großer Unterschied zeigt sich bei der Schulbildung. Laut Koran hat Gott Männern und Frauen gleichermaßen befohlen, sich weiterzubilden. „Das Streben nach Wissen ist eine Pflicht für jeden Muslim, Mann oder Frau“, sagte auch der Prophet Mohammed im 7. Jahrhundert. Aber tatsächlich bleibt vielen muslimischen Mädchen bis heute eine umfassende Schulbildung verwehrt. In Afghanistan oder Pakistan gehen Mädchen oft nur einige Jahre zur Schule. Danach bleiben sie wieder zu Hause, um der Mutter zu helfen und alles zu lernen, was sie für Haushaltsführung und Kindererziehung wissen müssen.
Ganz anders sieht es im benachbarten Iran aus, wo Frauen eine sehr gute Ausbildung haben und an den Universitäten bereits mehr als die Hälfte der Studierenden stellen. Selten bin ich in einem Land so vielen gebildeten, sehr selbstbewussten Frauen begegnet wie in Iran.
Gerade dort müssen sie sich allerdings an die Bekleidungsvorschriften halten, die ihre Würde schützen sollen. Um nicht das Interesse fremder Männer auf sich zu ziehen, sollen sie ihre Haare bedecken. Was gerade im Iran sehr kreativ gehandhabt wird.
Bei uns entscheiden sich nach der Pubertät Mädchen manchmal freiwillig für das Kopftuch als Zeichen ihrer Religion, hin und wieder sogar gegen den Willen ihrer liberalen Familien.
In vielen muslimischen Familien gilt es noch immer als höchstes Ziel, dass eine Frau gut verheiratet wird und als Jungfrau in die Ehe geht. Um dieses Ziel zu erreichen, werden viele junge Mädchen in muslimischen Ländern auch heute noch praktisch weggesperrt. Dem muslimischen Mann ist es nach klassisch-islamischem Recht erlaubt, eine Christin oder eine Jüdin zu heiraten. Dies gilt aber nicht umgekehrt: Eine andere Religionsangehörigkeit des Ehepartners ist für die muslimische Frau ein Ehehinderungsgrund. Im Ausland geschlossene zivile Ehen zwischen einer muslimischen Frau und einem nicht-muslimischen Mann werden im Heimatland meist nicht anerkannt.
In der Türkei sind dagegen Staat und Religion in vielen Bereichen voneinander getrennt. Bis 2013 galt dort ein Kopftuchverbot im öffentlichen Raum: Frauen durften Universitäten, Bibliotheken oder Gerichtssäle nur ohne Kopftuch betreten. Frauen besitzen in der Türkei und anderen Ländern wie Marokko und Tunesien schon lange die gleichen Rechte – zumindest auf dem Papier.
Das Frauenbild vieler Migranten ist von Religion und der Kultur ihrer Heimat geprägt. Die Akzeptanz der Gleichstellung wird ihnen im Zuge der Integration nahegelegt, aber können und wollen sie so schnell umdenken? Sie sollen das Grundgesetz mit dem Postulat der Religionsfreiheit achten und die Gleichberechtigung anerkennen. Schwierig, wenn sie aus stark traditionsverhafteten Gesellschaften kommen, wo Religion nun mal keine Privatsache ist sondern Politik. 2014 hat sich der Dachverband der Migrantinnenorganisationen (DaMigra) gegründet - gefördert durch ein gemeinsames Projekt des Bundesfrauenministeriums und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Seitdem setzt sich der herkunftsunabhängige und frauenspezifische Dachverband mit über 70 Mitgliedsorganisationen auf Bundesebene für Chancengerechtigkeit, Gleichberechtigung und die rechtliche, politische und gesellschaftliche Gleichstellung von Frauen mit Migrations- und Fluchtgeschichte ein. Von Oktober 2019 bis September 2022 fördern das Bundesfrauenministerium und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge das Projekt „Migrantinnen zwischen Mehrfachdiskriminierung und Selbstbestimmungsrecht #selbstbestimmt“ von DaMigra. Doch nur die wenigsten Migrantinnen organisieren sich. Wie sehen Frauen im Landkreis Biberach selbst ihre Rolle?

Aus Marokko
Wir fragten Khadija Bouhachmoud (50) aus Marokko, die ein Geologie-Studium absolviert hat und mit ihrem Mann und zwei Töchtern bei Biberach wohnt, wie es ihr und ihren Töchtern als moslemische Frauen hier geht. „Ich kam 2002 als Studentin nach Deutschland, nachdem ich bereits sechs Monate Deutsch in Marokko gelernt hatte. Das hat mir die Sache viel leichter gemacht. Danach traf ich meinen Mann, der auch aus Marokko stammt. Heute haben wir zwei Töchter im Alter von 17 und 15 Jahren. Von Anfang an hatten wir uns Sorgen um die Erziehung unserer Kinder gemacht, da wir darauf bestanden haben, dass es ein Gleichgewicht zwischen den beiden Kulturen geben muss. Als Teenager müssen meine Kinder bestimmte Regeln respektieren, wie zum Beispiel das Verbot von Alkohol- und Drogenkonsum. Und das akzeptieren sie natürlich mit Diskussionen. Ihr Verhältnis zu Freunden ist ganz normal. Sie dürfen Party feiern und ausgehen, aber natürlich zurückhaltend sein mit Jungs. Ich muss sagen, als Eltern haben wir fast die gleichen Sorgen wie alle Eltern von Teenagern in Deutschland. Am Ende ist das Wohlfühlen von unseren Mädchen das Wichtigste.“
Die 17jährige Tochter Ikram studiert bereits Medien-Informatik. Schwester Nasma, 15jäh rige Gymnasiastin, schreibt: „Als jemand, der in Deutschland geboren und mit einer moslemischen Erziehung aufgewachsen ist, kann ich sagen, dass es durchaus Regeln und Normen gibt, die von durchschnittlichen Gewohnheiten in Deutschland abweichen. Da wären zum Beispiel das Verbot von Alkoholkonsum und kurzer, aufreizender Kleidung sowie religiöse Rituale wie das Beten oder Fasten. Auf der anderen Seite allerdings lernte ich auch wichtige Werte kennen, zum Beispiel Selbstlosigkeit und Dankbarkeit. Manchmal fühlt man sich tatsächlich etwas von der Gesellschaft ausgeschlossen, vor allem, wenn man das einzige muslimische Mädchen im Umfeld ist. An meiner aktiven Teilhabe im gemeinschaftlichen Leben und an meiner persönlichen Selbstverwirklichung hinderte mich meine Religion allerdings bislang nicht. Im Vergleich zu Marokko bemerke ich ein paar gesellschaftliche Unterschiede, was vor allem den Umgang mit Mädchen in meinem Alter angeht. Dort fallen durchaus mehr Kommentare von Jungs und auch typische Geschlechterrollen und geschlechterspezifische Erwartungen sind häufiger vertreten, was sich aber, wie ich selber bemerke, in der jungen Generation verbessert. Auf der Straße sehe ich in Marokko viele Mädchen und junge Frauen, die sich relativ westlich anziehen; Hosen, Blusen, T-Shirts, da ist kein großer Unterschied zu Deutschland, zumindest nicht in den Großstädten.“

Das Interview mit einer Irakerin musste leider kurz vor Redaktionsschluss gestrichen werden. Die Kurdin, die keine Muslimin ist, sondern als Yezidin einer Religionsgemeinschaft angehört, die besonders unter den Gräueltaten des IS im Nordirak zu leiden hatte, wollte nun doch nicht zitiert werden. Sie hatte sich im Gespräch sehr positiv über die Lebensverhältnisse für Frauen in Deutschland geäußert.

Aus Afghanistan
Sonita Mosafer Foto privatSonita Mosafer (42 Jahre) die vor ihrer Flucht 2015 in Kabul als Lehrerin gearbeitet hat, lebt mit ihrem Mann und sechs Kindern und ihrer Schwägerin in Ummendorf. Die im Ort sehr geschätzte Familie ist gut integriert. Wir fragten Frau Mosafer, wie sie sich in der neuen Heimat fühlt. „Für eine Muslimin ist es Pflicht, ein Kopftuch zu tragen. Es steht im Koran, dass jede Frau ein Kopftuch tragen soll. Ich fühle mich sehr wohl in Deutschland. Wegen der Kleidung habe ich noch nie Nachteile erlebt. Wenn meine Töchter in Zukunft auch Kopftuch tragen, würde ich mich freuen. Aber das entscheiden sie selbst.“

 

 

Text und Fotos: Andrea Reck

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