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Ravensburg - Die Edith-Stein-Schule mit ihren beiden Standorten in Ravensburg und Aulendorf ist mit fast 1900 SchülerInnen die kreisweit größte Schule, deren Träger der Landkreis ist. Schulleiter Peter Greiner (Foto) ist trotz überwiegend digitalem Unterricht unter Pandemiebedingungen zuversichtlich, warnt aber hinsichtlich der Berufsschüler vor „erheblichen Einschränkungen bezüglich ihrer beruflichen Ausbildlung“. BLIX sprach mit dem Schulleiter (61) über „Schulbetrieb unter Pandemiebedingungen“.

 

GREP 20210212Herr Greiner, die Edith-Stein-Schule mit ihren beiden Standorten in Ravensburg und Aulendorf zeichnet sich durch eine Vielzahl an schulischen und beruflichen Richtungen aus, wie lässt sich diese Vielzahl an Angeboten und die Vielzahl der SchülerInnen in dieser Zeit managen? Wie stellt sich die aktuelle Situation an Ihrer Schule dar?

Nach fast einem Jahr Schulbetrieb unter Pandemiebedingungen muss ich sagen, dass fast so etwas wie Routine eingekehrt ist. Auch wenn ich fest davon überzeugt bin, dass das Fernlernen den Präsenzunterricht niemals ersetzen kann, hat die Pandemie der Digitalisierung nochmals einen enormen Schub verliehen. Dank des Landkreises als unserem Schulträger und als Projektschule für Digitalisierung waren wir schon vor der Pandemie recht gut ausgestattet. Die zahlreichen Fördermittel des Landes, die jetzt nach und nach in der Schule ankommen, tragen nochmals wesentlich zu einer Weiterentwicklung der Schule bei. Was uns anfangs fehlte, waren die richtigen Lehr- und Lern-Methoden im Umgang mit der digitalen Umgebung. Und dann braucht es natürlich engagierte und innovative Lehrkräfte und ein gutes Leitungsteam, um unsere Schülerinnen in diesen für alle schwierigen Zeiten erfolgreich zu begleiten. Erfreulicher Nebeneffekt: Schülerinnen lernen den Lernort Schule wieder mehr schätzen.

 

So unterschiedlich die Fächer und Abschlüsse an Ihrer Schule sind, so unterschiedlich sind vermutlich auch die SchülerInnen. Können Sie denen mit Homeschooling und sich ständig veränderten coronabedingten Vorgaben gerecht werden?

Ich beneide die Entscheidungsträger auf politischer Ebene und der Verwaltung nicht um ihre Aufgabe und finde, dass wir in Baden-Württemberg angesichts der enormen Herausforderungen bisher ganz gut durch diese Pandemie gekommen sind. Auf der anderen Seite war es natürlich nicht immer einfach, den oft kurzfristigen Vorgaben und Änderungen gerecht zu werden. Die Folgen, dass der eingeschränkte Schulbetrieb in den letzten Monaten für manche Schüler*innen auch Nachteile in ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung nach sich ziehen wird, wird wohl niemand bestreiten können. Das hat die unterschiedlichsten Ursachen und zieht sich nach meiner Wahrnehmung durch alle Schularten vom beruflichen Gymnasium bis zu den berufsvorbereitenden Klassen.

 

Wird es eine ‚Generation Corona‘ geben, die auf Grund der schulischen und sozialen Einschränkungen sich beim Berufsstart und im Berufsleben schwerer tun als dies ohne Corona der Fall wäre?

So dramatisch würde ich es nicht formulieren, denn es gibt sicher auch Schülerinnen, die ihre Kompetenzen erweitern und sich selbst gut organisieren konnten, die Unterstützung zum Beispiel auch in der Familie hatten oder gar von dem ‚digitalen Draht‘ zu den Lehrkräften profitieren konnten. Auf der anderen Seite sehe ich gerade im Übergangsbereich Schule – Beruf für einzelne Schülergruppen erhebliche Einschränkungen. So konnten einige unserer Schülerinnen, deren schulische Ausbildung ein berufsbezogenes Praktikum vorsieht, dieses in manchen Einrichtungen coronabedingt nicht vollumfänglich absolvieren. Diese fehlende berufliche Praxis wird im laufenden Schuljahr kaum mehr nachzuholen sein. Die Auswirkungen auf den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt und die damit verbundenen beruflichen Perspektiven für unsere Schulabgänger*innen vermag ich heute noch nicht abzusehen.

 

Welche SchülerInnen sehen Sie besonders gefährdet, am Ende zu den Corona-VerliererIinnen zu zählen und wie sollte/kann man dem entgegenwirken?

Es gibt Schülerinnen über alle Schularten hinweg, die wir in der Pandemie nicht mehr erreicht haben. Das werden meines Erachtens die größten Verlierer sein. Hierin hat sich auch gezeigt, wie wertvoll die Schulsozialarbeit ist, die die Lehrkräfte hervorragend unterstützt und so manche Schülerinnen vor der ‚Versenkung‘ bewahrt hat. Ein wenig ärgert mich in der öffentlichen Wahrnehmung, dass sich der Blick von vielen allein auf das Abitur beschränkt. Sicher tun wir als Schule alles in unserer Macht stehende, technisch wie auch pädagogisch, um unsere Schülerinnen der Abschlussjahrgänge gut auf das Abitur vorzubereiten. Dabei wird aber leider oft vergessen, dass auch unsere Berufsschülerinnen, immerhin mehr als die Hälfte aller Schülerinnen an unserer Schule, und die Schülerinnen des Übergangssystems Schule - Beruf zum Teil mit erheblichen Einschränkungen bezüglich ihrer beruflichen Ausbildung zurechtkommen mussten.

 

Die Digitalisierung wird neben der Impfung als das Allheilmittel in dieser Krise betrachtet, insbesondere für die Bildung/Schulen, wo Defizite beklagt werden und Abhilfe gefordert wird. Wie fällt diesbezüglich Ihr Resümee nach einem Jahr Corona aus? Was muss geschehen und wie sieht die Perspektive aus?

Fairerweise muss man sagen, dass Fernunterricht vor dem 16. März 2020 nicht zu den Kernaufgaben der Schulen gehörte. Seitdem wurde viel investiert und unsere Schule hat sich in einem rasanten Tempo weiterentwickelt. Wenn wieder normaler Schulbetrieb möglich ist, müssen wir schauen, wie wir diese Fortschritte in der Digitalisierung von Schule und Unterricht weiterhin für die Unterrichtsentwicklung nutzen, um den Lernerfolg unserer Schüler*innen zu verbessern. Zu den kurzfristigen Aufgaben wird es sicher auch gehören, die Defizite aus dem ‚Corona-Jahr‘ aufzuarbeiten und im folgenden Schuljahr individuelle Lücken zu schließen.

 

Im März sind Landtagswahlen, Bildung ist Ländersache, was erwarten Sie als Schulleiter von der neuen Landesregierung?

Neben der dünnen Personaldecke hat sich unter Corona-Bedingungen vor allem als Nachteil erwiesen, dass es uns bezüglich der Digitalisierung von Schule und Unterricht an einem verbindlichen Fortbildungskonzept für unsere Lehrkräfte mangelt. In Zeiten eines solchen Umbruchs bedarf es meines Erachtens, ähnlich wie bei der Einführung der Lernfelder in der dualen Ausbildung oder der Umsetzung der neuen Bildungspläne für die beruflichen Gymnasien, zentral koordinierter und verpflichtender Fortbildungsangebote. Durch den DigitalPakt Schule, Zusatzvereinbarung Administration, werden die Schulen in den nächsten zwei Jahren durch zusätzliche Fördermittel und Ressourcen erstmals angemessen in der Administration der IT-Infrastruktur und der mobilen Endgeräte unterstützt. Ich wünsche mir, dass die Schulen diese Unterstützung auch über den besagten Förderzeitraum hinaus erhalten.

 

Eine Studie, die dieser Tage in Berlin vorgestellt wurde, hält Präsenzunterricht unter bestimmten Bedingungen trotz Corona für machbar. Wie beurteilen Sie diese Vorschläge?

Ohne auf die Vorschläge im Einzelnen eingehen zu wollen, kann man, so glaube ich, in dieser Frage gerade kaum etwas richtig machen. Wir Schulleiter werden sowohl mit Briefen konfrontiert, in denen uns Eltern mit Anzeigen drohen, sollten wir ihre Kinder zum Tragen einer Maske oder zur Teilnahme an einem Schnelltest zwingen. Gleichzeitig teilen uns Ausbildungsleiter mit, dass sie Präsenzunterricht in der Schule grundsätzlich nicht für verantwortbar halten. Wir haben an unserer Schule ein mit viel, auch finanziellem Aufwand und Energie ausgearbeitetes Hygiene- und Abstandskonzept eingeführt. Bis zur Schulschließung vor Weihnachten gab es an unserer Schule unter fast 1900 Schülerinnen etwa 120 von den zuständigen Behörden angeordnete Quarantänefälle und keinen einzigen Infektionsfall. Alle Infektionen fanden ausschließlich im außerschulischen, zumeist privaten Bereich statt. Bei der großen Bedeutung des Präsenzunterrichts für die meisten unserer Schülerinnen halte ich daher eine schrittweise Öffnung der Schulen unter dem aktuellen Infektionsgeschehen angepassten Hygiene- und Abstandsregeln für machbar.

 

Autor: Roland Reck

Fotos: Edith-Stein-Schule

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