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Memmingen - Es war ein krachender Paukenschlag, der die regionale Allgäuer Kulturlandschaft aufhorchen ließ. Die Landestheater-Chefin Kathrin Mädler gab zu Beginn des Jahres bekannt, dass sie das Memminger Landestheater Schwaben vorzeitig verlassen wird, um zur Spielzeit 2022/23 die Intendanz am Theater Oberhausen im Ruhrgebiet zu übernehmen.

 Diese Nachricht kam deshalb so überraschend aus heiterem Himmel, weil die jetzt 44-Jährige ihren laufenden Vertrag erst im Juli 2020 um weitere fünf Jahre verlängert hatte. Die gebürtige Osnabrückerin kam im Sommer 2016 von Münster an die Memminger Bühne, die unter ihrer Leitung zusehends an Profil gewann. Das beweisen die steigenden Zuschauerzahlen am Haupt- und an den Gastspielorten. Das Theaterpublikum rieb sich bei ihren den Zeitgeist aufgreifenden Inszenierungen mitunter staunend die Augen, denn das Bühnengeschehen war erregend spannend und unterhaltsam.
Das entspricht dem Credo der promovierten Theaterwissenschaftlerin. „Theater ist Gegenwartskunst“, sagt Mädler, „und hat die Pflicht, sich kritisch mit dem auseinander zu setzen, was gerade passiert. Theater spricht das Herz an, es geht um Emotionen und Ästhetik“. Das Publikum müsse keineswegs alles verstehen, was sich auf der Bühne abspielt, doch „gutes Theater bietet dem Betrachter immer verschiedene Zugangsebenen an“. Genau das war ihr Ziel: gutes Theater machen.
Mit solcher Zielsetzung lieferte Kathrin Mädler bemerkenswert erfolgreiche Arbeit ab. 2018 wurde das Landestheater Schwaben (LTS) mit dem bayerischen Kunstförderpreis, 2019 gar mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet. Mitten in der Corona-Krise ließ die In-tendantin damit aufhorchen, dass sie mutig ein Herzensprojekt auf den Weg brachte: die Neugründung der LTS-Sparte „Junges Landestheater“. Mit ihr soll das partizipative Angebot für Kinder und Jugendliche in der gesamten Region maßgeblich erweitert, damit kulturelle Identifikationsmöglichkeiten geboten werden. So lassen sich jugendliche Herzen für die Theaterwelt gewinnen. Das sei in der jetzigen deprimierenden Zeit „ein phantastisches Zeichen“.
Als Vorsitzender des LTS-Zweckverbands bedauert Memmingens Oberbürgermeister Manfred Schilder Mädlers Abschied sehr. Ihre geleistete Arbeit rühmt er damit, dass sie „mit ihrem Team dem Theater überregionale Strahlkraft verliehen“ habe. Wer nachfolgt, so Schilder, werde „ein bestens bestelltes Haus vorfinden“.
Weil Mädler nach eigenen Worten ihr Memminger Landestheater „liebt und lobt“ und den Vertrag verlängerte, weil sie sich „total glücklich hier am Haus“ fühlt, mag es vielen Theaterliebhabern nicht in den Kopf gehen, dass sie urplötzlich beschlossen hat, in den Ruhrpott zu wechseln. Sie begründete ihren Schritt damit, dass sich im Leben manchmal Angebote und Möglichkeiten ergäben, die „Herausforderung und Weiterentwicklung“ bieten. In solchen Fällen sei es einfach ein Muss, Ja zu sagen. Ferner sei sie fest davon überzeugt, dass „Theater neben Treue und Verbindung immer auch Veränderung braucht“. Damit bleibe es lebendig und emotional.
So stellt sich die Frage, ob Mädlers Entscheidung eine Entscheidung für Oberhausen und gegen Memmingen sei. Ohne Wenn und Aber eine Entscheidung für Oberhausen, antwortete sie. Überraschend aber auch eine Entscheidung für Memmingen. Ihr Weggang, klärt sie auf, eröffne nämlich auch Memmingen neue Möglichkeiten. Denn Theater müsse sich, hier wie da, stets weiterentwickeln, sich immer wieder neu erfinden.
Dass ihr künftiger niederrheinischer Wirkungsort Oberhausen (200.000 Einwohner) nur 150 Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt liegt, betrachtet die Dramaturgin als Bonus, den sie zu schätzen weiß. Ganz große strategische Karriereziele wie das Münchner Residenztheater oder das Deutsche Theater in Berlin führt die Mittvierzigerin (noch) nicht im Schilde. Aber was noch nicht ist, könnte bei dieser leidenschaftlich aufstrebenden Theaterfrau bestimmt einmal werden.

 

Autor: Horst Hacker

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