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Biberach/Neu-Ulm - Die Corona-Krise hält die Welt in Atem und ist nach wie vor das alles bestimmende Thema. Allerdings nicht, wenn es nach Ansicht der jungen Fridays-for-Future- AktivistInnen geht. Diese räumen weiterhin dem Klimaschütz oberste Priorität ein. So die Erkenntnis von InnoSÜD-Wissenschaftlern der Hochschulen Biberach und Neu-Ulm. Diese haben die Protestbewegung in Deutschland genau unter die Lupe genommen und dabei die Frage gestellt: Wer engagiert sich in der Bewegung, und was treibt die AktivistInnen an? Dabei kristallisiert sich vor allem eines heraus: Fridays for Future ist nach wie vor eine Bewegung mit elitärem Zuschnitt, Ziel muss es also sein, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen.

 

Wenn ich an mein früheres Ich zurückdenke, denke ich an einen pickligen Teenager, der seine Wochenenden mit Chips, Pizza und Cola auf LAN-Partys verdaddelt hat. An unsere Umwelt, so ehrlich muss ich sein, habe ich zu dieser Zeit keinen Gedanken verschwendet. Ob es nun daran lag, dass ich damals die Realschule besucht habe und meine Eltern beide einen Hauptschulabschluss hatten, oder daran, dass, auf gut deutsch gesagt, die Kacke in den späten 90er Jahren einfach noch nicht so am Dampfen war wie heute, lasse ich mal dahingestellt. Fakt ist allerdings, dass es auch heute eher Kinder und Jugendliche aus Haushalten mit höherem Bildungsniveau sind, die sich mit Fragen zu Umwelt und Klimaschutz befassen.
Das zumindest hat das Forscherteam der Hochschulen Biberach und Neu-Ulm in einer deutschlandweiten Online-Befragung von über 750 Aktiven der Fridays-for-Future-Bewegung herausgefunden. Dies ist gleichzeitig die bislang landesweit umfangreichste Analyse zu diesem Thema. Aus der Befragung ergab sich, dass die Aktiven der Bewegung zu über 50 Prozent aus Haushalten mit akademischem Hintergrund der Eltern stammen. Fast 60 Prozent streben das Abitur an und über 20 Prozent haben bereits einen akademischen Abschluss erreicht. Dadurch ergibt sich nach außen hin das Bild einer elitär ausgerichteten Bewegung, deren Ziele und Forderungen sich nicht mit denen der breiten Mittelschicht decken. Die zentrale Aufgabe der Bewegung muss es also sein, verstärkt Menschen mit geringerem Bildungshintergrund für ihre Themen zu begeistern. Gelingen kann dies nur, wenn sowohl die bisherigen Erkenntnisse zum Thema Klimawandel und Umweltschutz als auch die daraus resultierenden Forderungen und Ziele allen Menschen verständlich und zugänglich gemacht werden. Natürlich setzt das ein tieferes Verständnis der Ansichten und Motive der Bewegung voraus. Das InnoSÜD Forscherteam stellte sich daher der Aufgabe, diese im Rahmen ihrer Studie herauszuarbeiten.

 

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Im vergangenen Jahr starteten bundes- und weltweit die Proteste der Fridays for Future Bewegung. Auch in Biberach gingen vorwiegend Kinder und Jugendliche auf die Straße.

 

Der Befragungszeitraum erstreckte sich von April bis Juni 2020, also inmitten der Einschränkungen zur Bekämpfung des Corona-Virus. Dabei zeigte sich: Die AktivistInnen denken langfristig und sehen die Corona-Krise eher als temporäres Problem, denn trotz der Pandemie und aller Debatten um wirtschaftliche Einbußen und Engpässe im Gesundheitssystem bezeichneten 90 Prozent der Befragten den Umwelt- und Klimaschutz als eines der „wichtigsten Probleme, denen sich unser Land gegenübersieht“. Damit liegt das Thema bei den Befragten mit großem Abstand vor Themen wie soziale Sicherung/soziale Gerechtigkeit, Gesundheitspolitik oder wirtschaftliche Lage. Um einen Vergleich heranzuziehen, haben die Forscher Fragestellungen aus bestehenden Studien des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2016 übernommen. In dieser repräsentativen Befragung der Gesamtbevölkerung schaffte es der Klimaschutz lediglich auf den dritten Platz. Am wichtigsten war den Befragten von 2016 das Thema Migration, gefolgt von Kriminalität, Frieden und Sicherheit. Jens Bottenschein von der Hochschule Neu-Ulm erklärt die Diskrepanz der Studien mit Blick auf die Jugendstudie wie folgt: „Die Hälfte der Befragten ist unter 18 Jahre alt, viele von ihnen gehen noch zur Schule. Wirtschaftliche Entwicklungen, Arbeitslosigkeit oder auch das Gesundheitssystem sind Themen, mit denen sie sich vermutlich weniger auseinandersetzen müssen“.
Ist Klimaschutz also etwas für junge Idealisten, die bislang noch nicht den Pflichten und Nöten der Arbeitswelt konfrontiert wurden? Diese Einschätzung wäre sicher zu bequem, denn Stand jetzt sind die AktivistInnen auch durchaus in Zukunft dazu bereit, sich entsprechend für den Klimaschutz zu engagieren. So finden 96 Prozent der Befragten, dass jeder bzw. jede Einzelne Verantwortung für Umwelt- und Klimaschutz übernehmen muss. Der Großteil der Befragten teilt dabei die Ansicht, dass es dafür notwendig ist, die eigene Lebensweise grundlegend umzugestalten - auch auf Kosten des Wirtschaftswachstums. Die Mehrheit der Befragten will mit gutem Beispiel vorangehen. Nach eigenen Angaben fährt die Mehrzahl Fahrrad, reduziert Flugreisen und Plastikmüll, nutzt öffentliche Verkehrsmittel und ändert Essgewohnheiten und Konsumverhalten. Konkret heißt das, die Befragten ernähren sich vorwiegend vegan und vegetarisch und kaufen regional, saisonal und nachhaltig ein. Fast 70 Prozent der Befragten wären zudem bereit, Geld für den Klimaschutz auszugeben. Bis zur Hälfte ihres zukünftigen Einkommens würde dieser Anteil der Befragten für ein klimaneutrales Leben aufwenden. Auffällig ist, dass Maßnahmen wie Ökostrom oder E-Mobilität nur eine untergeordnete Rolle zu spielen scheinen. „Für die Befragten liegen diese Themen eher außerhalb des unmittelbaren Einflussbereichs“, erklärt Laurens Bortfeldt von der Hochschule Biberach.

 

Grafik Vergleich

Die Grafik verdeutlicht, dass die Befragten trotz Corona-Krise die Prioritäten weiterhin beim Klimaschutz sehen. Bei einer bundesweiten Umfrage des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2016 landete der Klimaschutz hingegen nur auf dem dritten Platz.

 

aktiv handeln

Nicht nur leere Worte: Die Aktiven der Fridays for Future Bewegung sind bereit, für den Klimaschutz selbst aktiv zu sein.

 

Was die jungen AktivistInnen von sich selbst einfordern, fordern sie aber auch von der Politik. 82 Prozent der Befragten gaben an, stark oder sehr stark politisch interessiert zu sein. Allerdings trauen sie den handelnden Akteuren in den Parteien eher nicht zu, die Klimaziele zu erreichen. Der Vertrauensverlust in die Politik ist nach aktuellen Meinungsumfragen ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das somit auch vor den Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht Halt zu machen scheint. Wäre zum Zeitpunkt der Befragung Bundestagswahl gewesen, wären die Parteien der großen Koalition mit knapp 3 Prozent gar an der 5-Prozent-Hürde gescheitert. Am meisten Vertrauen setzten die Befragten in die Grünen mit rund 60 Prozent, gefolgt von der Linken mit knapp 20 Prozent. In erster Linie fordern die jungen AktivistInnen von den Politikern „Mehr handeln statt Reden“, vor allem durch konkrete Maßnahmen wie Gesetze für Nachhaltigkeit, Bildungsförderung oder mehr Anreize für nachhaltiges Handeln. Auch der öffentliche Nahverkehr soll attraktiver gestaltet werden, Plastik soll reduziert und die Recyclingfähigkeit von Verpackungen zur Pflicht gemacht werden. Zudem sollen erneuerbare Energien und klimafreundliche Investitionen in die Industrie gefördert werden.
Übrigens, etablierte und klassische Medien wie gedruckte Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher besitzen bei den Befragten nur eine sehr geringe Relevanz. Nur rund 40 Prozent der Umfrageteilnehmer schenken diesen Medien ihr Vertrauen. Die Mehrzahl bezieht ihre Informationen aus dem Internet, über Suchmaschinen, Youtube-Videos, Online-Zeitungen oder soziale Medien. Vor allem Umwelt-Gruppen genießen das Vertrauen der Befragten. Damit unterscheiden sie sich in punkto Informationsbeschaffung deutlich von den älteren Generationen.
Sowohl diese Kluft zwischen den Generationen sowie die Unterschiede im Bildungsniveau, welche sich in den letzten Jahren verstärkt haben, erschweren die Mission der Fridays for Future. Oft mangelt es der älteren Generation aufgrund von fest verankerten Routinen und Gewohnheiten am Bewusstsein für die Folgen des Klimawandels und oft geht der Gedanke an nachhaltiges Leben auch mit dem Gedanken an Konsumverzicht einher, zu dem einfach nicht jeder bereit ist.
Oft denke ich bei mir, wenn ich heute 16, 18, oder 20 Jahre alt wäre, würde ich dann mit einem Schild in der Menge stehen und für weniger Stromverbrauch und Fleischverzicht demonstrieren? Oder würde ich wieder mit meinen Kumpels weiter Fast-Food-vertilgend am PC zocken? Ich kann diese Frage nicht zu 100 Prozent beantworten, fest steht aber, dass sich selbst bei mir mit meinen fast 40 Jahren durch Fridays for Future etwas in meiner Denkweise verändert hat. Zwar zocke ich nach Feierabend noch immer gerne an der PlayStation, Fast Food hingegen habe ich von meinem Speiseplan gestrichen und ernähre mich nun weitgehend vegetarisch.
Ein Anfang.

 

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Seit April 2019 folgt BLIX der Entwicklung der Fridays for Future Bewegung.

 

Autor: Alexander Koschny

Fotos: Roland Reck

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