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Ohne Smartphones, Tablets und Laptops geht bei Jugendlichen und Kindern nichts mehr. Übersehen wir dabei die negativen Folgen der zunehmenden Mediennutzung?

 

Wie nicht anders zu erwarten, haben Jugendliche in Deutschland 2020 laut der Anfang Dezember von der Landesanstalt für Kommunikation in Stuttgart vorgestellten JIM Studie (Jugend, Information, Medien) mehr Zeit mit digitalen Unterhaltungsmedien verbracht als im Jahr zuvor. Die vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest seit 1998 jährlich mit dem Südwestrundfunk durchgeführte repräsentative Studie untersuchte das Mediennutzungsverhalten von 1200 Jugendlichen in Deutschland. Danach stieg die tägliche Internet-Nutzungsdauer von 205 auf 258 Minuten, also auf mehr als vier Stunden. WhatsApp, den beliebtesten Onlinedienst, verwenden mehr als 94 Prozent der Jugendlichen mehrmals in der Woche. Jeder vierte Junge und zwei Fünftel der Mädchen kommunizieren zudem regelmäßig über die chinesische Plattform TikTok.

Krankheitsbild Internetsucht

Wie bedenklich sind diese Zahlen? Der Ulmer Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer empfiehlt, die Benutzung von Smartphones ohne Aufsicht erst ab dem 18. Lebensjahr zu erlauben und verlangt mehr Therapieplätze für Smartphone-Süchtige. Laut einer Mannheimer Studie befanden sich schon 2018 von 500 befragten Kindern zwischen 8 und 14 Jahren acht Prozent im Risikobereich oder waren bereits süchtig. Wohlgemerkt vor der Corona-Pandemie mit ihrem Digitalisierungsschub und der Einschränkung der persönlichen Kontaktmöglichkeiten! Computer- und Internetsucht ist von der Weltgesundheitsorganisation WHO als eigene Krankheit anerkannt. Nachgewiesene Folgen sind Ängste, Aufmerksamkeitsstörungen, Depressionen, Bewegungsmangel, Übergewicht, Haltungsschäden und ein verstärktes Suchtverhalten etwa auch bei Tabak und Alkohol. Smartphones sind bei jüngeren Verkehrsteilnehmern Unfallursache Nummer eins. Sie beeinträchtigten auch den Schlaf, was das Risiko für Diabetes, Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöht. Kinder und Jugendliche seien von nahezu allen Risiken und Nebenwirkungen stärker betroffen als Erwachsene, mahnt Spitzer. Dazu gehören Störungen der Sprachentwicklung, der Aufmerksamkeit, des Lernens und der Motivation. In diesem Alter befindet sich das Gehirn noch in Entwicklung und genau diese normale Gehirn-Entwicklung würde durch das Smartphone gestört. Manche Schäden seien irreparabel, etwa Kurzsichtigkeit.
Spitzer sprach sich vor der Corona-Pandemie gegen die Nutzung digitaler Medien in den Schulen aus: „Es gibt Studien, die deutlich zeigen, dass die Schüler durch den Einsatz digitaler Medien im Unterricht schlechter und unaufmerksamer werden.“ Zudem würden Computer während des Unterrichts für fachfremde Tätigkeiten wie Chatten genutzt. Gerade erst erschien ein neues Buch des Hirnforschers: „Pandemie - Was die Krise mit uns macht und was wir daraus machen.“

Kinderärzte warnen: Eltern verharmlosen

Eltern übersehen häufig die negativen Folgen ausgeprägter Mediennutzung bei ihrem Nachwuchs. Knapp drei Viertel der Kinderärzte sind der Meinung, dass Eltern den Umgang ihrer Kinder mit Computern, Spielekonsolen oder Smartphones völlig verharmlosen. In den Sprechstunden thematisieren weit häufiger die Mediziner selbst als die Eltern den Gebrauch solcher Geräte. Dies ergab die Studie „Smart Aufwachsen 2019?“ der pronova BKK, für die Kinderärzte befragt wurden. Eltern verharmlosen aus Sicht der Pädiater den Medienkonsum ihrer Kinder, sie werden auch ihrer Vorbildfunktion nicht gerecht. Dazu muss man eigentlich kein Fachmann sein. Wie oft beobachtet man Eltern auf dem Spielplatz, die viel lieber in ihr Smartphone tippen, als sich mit ihren Kindern zu beschäftigen. Nahezu alle Mediziner beobachten, dass Eltern bei der Nutzung digitaler Geräte nicht gerade gute Vorbilder sind. Kinder wachsen heutzutage damit auf, dass das Smartphone in der Welt der Großen ständiger Begleiter ist. Auch Kleinkindern bleibt nicht verborgen, dass sie die Aufmerksamkeit ihrer Eltern mit diesen Geräten teilen müssen - mit oft dramatischen Folgen für die kindliche Entwicklung. Nur knapp zwanzig Prozent der Kinderärzte sind sich sicher, dass Eltern die Probleme ihrer Kinder überhaupt wahrnehmen, die Smartphones und Tablets verursachen. Weitere 40 Prozent glauben, dass Mütter und Väter zumindest eine Ahnung von den Auswirkungen haben. Die übrigen 40 Prozent halten die elterliche Wahrnehmung bei diesem Thema für eher eingeschränkt. Eine ganze Reihe von Krankheitssymptomen führen Kinderärztinnen und -ärzte auf übermäßigen Medienkonsum zurück. Neben Übergewicht, sozialen Auffälligkeiten gehören motorische Defizite und Lernentwicklungsstörungen dazu. Die Experten sehen diese Probleme auf dem Vormarsch. So berichten 79 Prozent der befragten Ärzte, dass sie in den vergangenen fünf Jahren verstärkt soziale Auffälligkeiten bei ihren jungen Patienten feststellen. 75 Prozent registrieren, dass immer mehr Kinder zu viel wiegen. 82 Prozent stellen schon heute eine soziale Isolation des Nachwuchses fest, für die sie die Mediennutzung mitverantwortlich machen.

Der Kinderarzt als Großvater

 

Dr. Detmar Roloff spielt Fernschach mit seinem Enkel

Dr. Detmar Roloff spielt Fernschach mit seinem Enkel.

 

Wir baten Dr. Detmar Roloff, der 26 Jahre in Biberach als Kinderarzt praktizierte, um Auskunft, wie seine Enkelkinder mit den digitalen Medien umgehen und wo er die Gefahren sieht. Seine Antwort: „Die vor allem von Prof. Manfred Spitzer bekannt gemachten medizinischen Probleme sind zweifellos vorhanden und in ihrer Häufigkeit erschreckend. Auch ich muss mich auf die vielfältigen Untersuchungen verlassen, denn als ich im Jahr 2000 meine Praxistätigkeit beendet habe, galt noch das Fernsehen als diskutabler Grund medialer Verblödung. Sehen wir uns die zitierten Ergebnisse der 352-seitigen JIM Studie genau an, sehen wir auch, dass 92 Prozent der 500 befragten Kinder noch nicht im Risikobereich und schon gar nicht süchtig waren. Und zudem: die technische Entwicklung, die Nutzungsmöglichkeiten des Smartphones, haben alle Bedenken inzwischen längst überholt. Es geht nicht mehr um das Ob, sondern das Wie der Nutzung. Wie bei jedem Gift und jeder Medizin ist die Dosis entscheidend.“
Der Opa weiter: „Als mir mein Enkel, sechs Jahre alt und noch nicht in der Schule, auf dem Smartphone seiner älteren Schwester zeigte, wie man Spiele-Apps suchen, laden und nutzen kann, war ich verblüfft und erschreckt zugleich. In der Weihnachtswoche vier Jahre später, spielten wir Fernschach per Smartphone - spannend und lustig. Natürlich hat er auch ein Smartphone. Das Smartphone ist von der dortigen Schule empfohlen, zur Sicherheit an der Schule und auf dem Heimweg. Schüler ohne Smartphone werden nicht nur in Coronazeiten von ihren Mitschülern ausgeblendet; hier geschieht Vereinsamung. Abgesehen davon: Wenn unsere Kinder/Enkel mit den immer schneller erfolgenden technischen/medialen Entwicklungen und Anforderungen mithalten sollen, benötigen sie auch ein mitwachsendes Medienverständnis. Vermutlich übertreffen sie in diesem Punkt schon heute die meisten Eltern und Großeltern.“
Der ehemalige Kinderarzt plädiert für Grenzen: „Die Enkelin geht nach der 6. Klasse nun auf eine Schule, wo während der Unterrichts- und ‚Studienzeit‘ die Nutzung des Smartphones untersagt ist. Das geht, aber es muss auch durchgesetzt werden. Probleme gab es beim Homeschooling. Jetzt sollen Millionen ausgegeben werden, den sozial schlechter gestellten Schülern Computer zur Verfügung zu stellen als Grundvoraussetzung für das Homeschooling. Richtig. Aber glaubt unser Schulministerium eigentlich, man müsste den Kasten nur auf den Tisch stellen, der Rest käme dann schon von alleine? Die Nutzung von Smartphone/Computer gehört in den Unterricht von kompetenten Lehrern. Also: Smartphone eindeutig ja. Aber auch klare Regeln: Eltern/Großeltern müssen lernen, wie die Geräte funktionieren (Datenschutz, Sicherheit etc.). Klare zeitliche Regeln. Medienfreie Zonen. Klare Grenzen für den Gebrauch. Und selbst ein Beispiel geben!“

Medienkompetenz auf dem Lehrplan

 

Rektorin Anke Schwarz

Rektorin Anke Schwarz

 

Trotz Corona-Stress Mitte Dezember erhielten wir von Anke Schwarz, Rektorin der Ummendorfer Werkrealschule eine Einschätzung: „Die Medienkompetenz steht bei uns ab Klasse 5 im Lehrplan und wird auch umgesetzt. Dabei stellen die Lehrkräfte fest, dass die SchülerInnen oftmals nicht mit den wichtigsten Dingen am PC vertraut sind. Sie können oft am PC ‚spielen‘, aber kaum Programme anwenden. In Klasse 5 gehen wir auch auf die Gefahren des Internets und der Mediennutzung ein. Ebenso haben wir hier ein Präventionsprogramm fest installiert. Ab Klasse 8 haben wir das Wahlfach IT in der Schule. Dies wird freiwillig von den SchülerInnen gewählt. Somit werden sie auf eine sinnvolle Mediennutzung vorbereitet in allen Belangen.
Leider stellen wir immer häufiger fest, dass SchülerInnen keinen gesunden Umgang mit der Mediennutzung haben. Oft spielen sie bis in die Nacht am PC und sind dann tagsüber übernächtigt. Auch Eltern fehlt oft der Einblick, was ihre Kinder machen. Deren Umgang mit dem Handy ist oftmals schon süchtig. Nichts geht ohne Handy. An unserer Umlachtalschule wurde von der Schülerschaft eingebracht und von der Schulkonferenz beschlossen, dass die Schüler ihr Handy vor Unterrichtsbeginn abgeben. Handys dürfen im Unterricht nur für Unterrichtszwecke genutzt werden. Die Digitalisierung nahm durch Corona natürlich auch im schulischen Bereich schnell Fahrt auf. Das heißt, wir sind seit den Sommerferien mit Schülern und Eltern über die Web-Plattform Schulmanager Online in Kontakt. Falls wir Klassen in den Fernlernunterricht entsenden müssen, können wir hier den Unterricht aufrechterhalten. Das ist in der aktuellen Phase ein sehr wichtiges Element.“

 

INFO:

Manfred Spitzer; Digitale Demenz:
Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen, 2012; Manfred Spitzer; Die Smartphone-Epidemie: Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft, 2019.
www.lfk.de/forschung/
mediennutzungsstudien/jim-studie-2020
www.pronovabkk.de.

 

Autorin: Andrea Reck

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