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Aulendorf - Wussten Sie schon, dass Aulendorf der drittkleinste Ort in Deutschland mit einer Bahnhofsmission ist? Grund dafür ist Aulendorfs besondere Bedeutung als wichtigster Bahnknotenpunkt Oberschwabens. Seit nunmehr 75 Jahren unterstützen hier Ehrenamtliche Reisende mit praktischer Hilfe, oft aber auch als seelischer Beistand in der Not.

Die Geschichte der Bahnhofsmission Aulendorf beginnt mit dem Ende des zweiten Weltkriegs 1945. Heimkehrende Soldaten, Transporte mit Kriegsgefangenen, Geflüchtete, Vertriebene oder Zwangsarbeiter kamen an den Knotenpunkt, um ihre Reise in eine oft noch ungewisse Zukunft anzutreten. Darunter auch viele Frauen mit Kindern. Oft konnten Fahrpläne nicht eingehalten werden und die Reisenden suchten nach Übernachtungsmöglichkeiten, speziell für Frauen und Kinder war in den überfüllten Hotels und Gaststätten kein Platz mehr. Für diese sollte ein Übernachtungsheim im alten Post- und Telegraphenamt ins Leben gerufen werden, bald darauf wurde zudem eine Anlaufstelle für Frauen am Bahnhof gegründet. Beide Einrichtungen wurden durch die Bahnhofsmission betreut. Die hauptamtliche Leitung oblag damals der ehemaligen Kinderkrankenschwester Adelheid Kellermann.
75 Jahre später leitet Ulrich Köpfler die Bahnhofsmission Aulendorf, ebenfalls hauptberuflich. Zu seinem Team zählen zudem aktuell neun ehrenamtliche Helfer. „Ich wollte mich stärker im sozialen Bereich engagieren. Als ich schließlich die Stellenanzeige sah, dachte ich, das könnte passen“, erzählt der 52-jährige Theologe, der zuvor 16 Jahre lang als Pastoralreferent in Ulm tätig war. Köpfler leitet die Bahnhofsmission Aulendorf nunmehr seit fünf Jahren, zudem ist er Leiter der Bahnhofsmission Biberach, die vor 12 Jahren gegründet wurde. Zu seinen Aufgaben zählen auch Öffentlichkeitsarbeit, Organisation und Fundraising, denn die Bahnhofsmission wird auch durch Spenden finanziert. Träger des Standorts ist der katholische Verband für Mädchen- und Frauenarbeit „In Via“. Ein Teil der Arbeit wird auch über die Diözese Rottenburg-Stuttgart, den Landkreis Ravensburg, die Stadt Aulendorf, verschiedene Stiftungen sowie dem Landesverkehrsministerium finanziert. Zudem werden die benötigten Räumlichkeiten von der deutschen Bahn mietzinsfrei zur Verfügung gestellt.
Die Aufgaben der Ehrenamtlichen sind vielfältig. „Jeder Tag ist anders, jede Situation ist anders“, erklärt Ulrich Köpfler. Zwar kommen auch in Aulendorf Menschen an, die um Essen, Trinken, eine Fahrkarte oder einen Platz zum Aufwärmen bitten, der Schwerpunkt liegt aber in der Unterstützung von Reisenden. „Gerade ältere Menschen oder Menschen aus dem Ausland kommen mit den Automaten oft schlecht zurecht“, berichtet Köpfler. Und da der Bahnhof Aulendorf bislang nicht barrierefrei ist, sind die Ehrenamtlichen auch gewohnt anzupacken. Menschen, die mit Rollstühlen, Rollatoren, Kinderwägen, aber auch Fahrrädern unterwegs sind, bieten sie tatkräftig ihre Hilfe an. Da die neun Ehrenamtlichen alle bereits das sechzigste Lebensjahr überschritten haben, werden auch oft jüngere Menschen um Mithilfe gebeten. „Unsere Aufgabe ist es auch, Hilfe zu organisieren“, erklärt der in Bad Waldsee lebende Ulrich Köpfler.
Dabei ist die praktische und materielle Hilfe allerdings nur die eine Seite, die andere Seite ist die Seelsorge. Oft treten Menschen mit Problemen wie Trauer oder Krankheit an die Ehrenamtlichen heran, suchen Trost und eine Schulter zum Ausweinen. „Man erlebt hier die gesamte Bandbreite menschlicher Emotionen“, erzählt der Leiter der Bahnhofsmission. „Ich habe hier mehr seelsorgerische Gespräche als in meiner Zeit als Pastoralreferent. Hier haben wir einen natürlicheren Raum, die Leute öffnen sich anders.“ Dass das aber nicht immer ganz reibungslos abläuft, steht außer Frage. „Oft werden wir auch angeschnauzt, wenn sich Fahrgäste wegen verpassten Zügen Luft machen, dann werden wir oft nicht vom Bahnhofspersonal unterschieden“, erklärt Köpfler. Er und seine Kollegen zeigten Verständnis für die oft überkochenden Emotionen in der Hektik des Bahnhofs. Mehr ärgert es ihn, wenn Reisende die Hilfe der Ehrenamtlichen als selbstverständlich annehmen und kein Wort des Dankes verlieren.
Wichtig ist dem Theologen Ulrich Köpfler, der zudem über einen Master in Management Sozial- und Gesundheitswesen verfügt, zu betonen, dass die Bahnhofsmission, auch wenn es sich um eine christliche Organisation handelt, für alle Menschen da ist, unabhängig von Glaube, Religion und Herkunft. „Unser Ziel war es nie zu missionieren. Die Bahnhofsmission war schon immer offen für alle Menschen in Nöten am Bahnhof. Ebenso sind wir offen für alle, die uns in unserer Tätigkeit unterstützen möchten. Ob man das nun als gelebte Nächstenliebe im christlichen Sinn oder als gelebte Mitmenschlichkeit im säkularen Sinn bezeichnet, ist im Grunde dasselbe“, so Köpfler.
Zum 75-jährigen Bestehen der Bahnhofsmission in Aulendorf war für Mai dieses Jahres ein Jubiläumsfest mit Festgottesdienst, Reden und Musik im Marmorsaal im Schloss Aulendorf geplant. Diese Feier musste nun aufgrund der Corona-Pandemie ersatzlos gestrichen werden. Ebenfalls geplant war ein Friedensfest am Bahnhof, das unter freiem Himmel auch an den Zweiten Weltkrieg erinnern sollte. Dieses Fest muss nun um ein Jahr verschoben werden und soll voraussichtlich am 8. Mai nächsten Jahres am Bahnhof Aulendorf stattfinden. Anlässichlich des Jubiläums soll zudem ein Freundeskreis zur finanziellen Unterstützung der Bahnhofsmission aufgebaut werden, an dem sich jeder beteiligen kann.
Weitere Informationen zur Bahnhofsmission, Hilfsangebote und Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie unter: www.bahnhofsmission.de

Autor: Alexander Koschny

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