BLIX Banner1

Ravensburg - Am 7. Juli wurden vor dem Ravensburger Amtsgericht Charlie Kiehne und Samuel Bosch wegen Diebstahls angeklagt. Lebensmitteldiebe oder Lebensmittelretter, das stand zur Entscheidung. Die beiden Aktivisten, die als Baumbesetzer im Altdorfer Wald bekannt sind, hatten aus einem Abfallcontainer eines Supermarktes noch einwandfreie Lebensmittel an sich genommen. Statt vernichten retten, um die Nahrungsmittel denen zu geben, die sie sich nicht mehr leisten können. Das ist der Anspruch der „Lebensmittelretter“, die sich damit auch als Klimaschützer verstehen, indem sie gegen die existenzielle Ressourcenvernichtung protestieren. Vor Gericht erklärten Charlie Kiehne (20) und Samuel Bosch (19), sie hätten sich nicht bereichert, den Supermarkt nicht geschädigt und seien in kein abgeschlossenes Gelände eingedrungen. Das Gericht wollte das Verfahren einstellen, die beiden Aktivisten lehnten dies ab. Sie verlangen einen Urteilsspruch. Was steckt dahinter? Ziemlich viel, findet unser Autor Wolfram Frommlet, der mit 77 Jahren zur Großelterngeneration zählt. Eine Zusammenfassung.

 

Fast 14 Millionen Menschen in Deutschland sind von unterschiedlichen Formen von Armut betroffen - sie können Mieten, Heizkosten oder Versicherungen nicht mehr bezahlen, eine Tageszeitung, ein Theaterbesuch sind unmöglich. Die Zahl derer, bei denen die Armut schon beim „Täglich Brot“ beginnt, nimmt zu. Ein warmes Essen am Tag ist nicht mehr gesichert. Die 947 „Tafeln“ in Deutschland können den steigenden Bedarf nicht mehr erfüllen. „Die soziale Schere wird immer größer“, sagt Jochen Brühl, der Vorsitzende des Bundesverbandes der Tafeln.
Gleichzeitig werden jährlich von Supermärkten und Discountern 290.000 Tonnen Lebensmittel „entsorgt“, 210.000 Tonnen kommen dazu von Bäckereien, Fleischereien, Tankstellen und Wochenmärkten. Dazu kommen mehrere Millionen Tonnen weggeworfene Lebensmittel aus privaten Haushalten. 75 Kilo pro Kopf und Jahr. Das ist die Arbeit von BäuerInnen, GärtnerInnen, von Bäckern und Metzgern, dafür bedurfte es unvorstellbare Mengen an Böden, an Wasser, an Tieren, Tausende Tonnen Verpackungsmaterialien, Millionen von LKW-Kilometern. Dies ist kein anonymer Prozess. Dieses Konsum-System wird von der Mehrheit der Konsumenten und Konsumentinnen mitgetragen. Es ist die Perversion jenes symbolischen Satzes aus dem „Vater Unser“: „Unser täglich Brot gib uns heute“. Was ist passiert?

Lebensmittel und Würde
Ein persönlicher Rückblick. Ich bin vier Monate vor Kriegsende in Ravensburg geboren. Kein Kriegskind, wie die Hunderttausende hungernder, unbehauster Kinder in zerbombten Großstädten, im Ruhrgebiet und anderswo. Wir hatten genug zu essen. Mein Großvater, der Friseurmeister, fuhr mit dem Fahrrad auf Bauernhöfe in der Umgebung, und ondulierte und barbierte die ganze Sippschaft. Bezahlt wurde er in Naturalien. Man begegnete sich mit Respekt vor dem Können des anderen, so wie die Bäcker, die Metzger, die Wirte, das Handwerk generell in der Unterstadt, Würde hatten. Großmutter, mit der ich von Kindesbeinen an auf den Wochenmarkt ging, kannte die mit Namen, bei denen sie Eier und ein Huhn, Äpfel und Wirsing, Mehl und Honig kaufte. Die Kartoffeln wurden eingekellert, und regelmäßig die Triebe entfernt, schmeckten sie bis in den Frühsommer. Weggeworfen wurde keine, die neuen kamen nicht im April schon aus Zypern oder Malta, sondern im Juli aus der Umgebung. Lebensmittel hatten ein Gesicht. In meiner Kindheit galt, was bis heute zu meinem Wertesystem gehört: Lebensmittel sind lebenswichtig, die wirft man nicht weg. Aus Brotresten lernte ich von meiner Großmutter und meiner Mutter, wie man einen köstlichen „Ofenschlupfer“ macht, einen „Kirschenmichel“.

 

IMG 20220707 142531 325

Der Protest der Aktivisten richtet sich gegen die Vernichtung von noch verzehrbaren Lebensmitteln. Vor dem Amtsgericht Ravensburg wurden deswegen zwei von ihnen wegen Diebstahls angeklagt.

 

Die Vernichtung ließe sich vermeiden
84 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel ließen sich nach Aussagen von Umwelt- und Verbraucherorganisationen vermeiden. Ein strittiger Punkt sind die Mindesthaltbarkeitsdaten, MHD, nach denen diese riesigen Mengen an Lebensmitteln in Container geworfen werden. Die Produzenten legen sie nach eigenen Kriterien, „nach bestem Wissen und Gewissen“ wie es schwammig heißt, mit Fachleuten fest. Die heikle Frage ist, ob das unternehmerische „Gewissen“ für den Gewinn schlägt und weniger für die Gesundheit, ob die MHD so knapp berechnet sind, weil dies mehr Produktion eigentlich unnötiger Lebensmittel garantiert. Die entsorgten Lebensmittel können noch Wochen nach dem Verfallsdatum problemlos verzehrt werden. Dafür sind die Tafeln der beste Beweis: 264.000 Tonnen retten sie jährlich vor der Vernichtung und geben sie an 1,5 Millionen Bedürftige weiter. Das entbehrt nicht einer gewissen politischen Absurdität. Mit dem ehrenamtlichen Engagement der Tafel-Mitarbeiter wird der Sozialetat des Staates entlastet. Die Armen bleiben dennoch Bittsteller. „Aber wir können und wollen den Sozialstaat nicht ersetzen“, sagt Jochen Brühl vom Bundesverband der Tafeln.
Agrobusiness für uns, Hunger für die anderen
Die Vernichtung von Lebensmitteln ist das letzte Glied eines auf Vernichtung von bäuerlichen Existenzen, von natürlichen Ressourcen und der Artenvielfalt ausgerichteten Agrarsystems in der gesamten EU. 1991 gab es laut Statistischem Bundesamt 430.000 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland, 2021 waren es noch 256.900, rund 40 Prozent weniger. Gleichzeitig produzieren immer weniger Bauern und Bäuerinnen immer mehr Getreide, Kartoffeln, Eier, Milch und Fleisch. Die Produktion von Weizen hat sich vervierfacht. Ein Gewinn für die Landmaschinenindustrie, die Chemie-, die Düngemittelindustrie. Und ein Gewinn für die Supermarktketten, denn mit der rapiden Vergrößerung der Betriebe erhöhte sich die Verschuldung. Die Bauern sitzen in der Falle, sie müssen verkaufen zu Dumpingpreisen, oft an der Grenze ihrer Existenz. Wachstum war auch das Motto der staatlichen landwirtschaftlichen Berater. Ein Unter-bietungswettbewerb bei dem der letzte Gewinn, der Verkauf oder die Verpachtung des Grund und Bodens ist. Agrarland wird zum Spekulationsobjekt, für Gewerbe, Supermärkte und Einfamilienhäusern auf versiegelten Böden im „Grünen“.

Unser Genuss ist der Hunger der Anderen
Ein ständig wachsender Anteil unserer Lebens- und Genuss-mittel sowie der Futtermittel für Fleisch und Milch kommt aus Ländern des Südens und kreiert dort Hunger und Vertreibung von indigenen Völkern und Kleinbauern.
Weltweit hungern 820 Millionen Menschen, vor allem in Ländern des Südens. Die Zahl steigt wegen des Krieges in der Ukraine rapide. Ist der Überfluss der einen die Ursache für den Hunger der anderen?
Ich schreibe dies auf dem Hintergrund von fast dreißig Jahren „entwicklungspolitischer“ Arbeit in Afrika und Asien, unter anderem im ländlichen Bereich. Mit gigantomanen „Entwicklungsprojekten“ verschuldeten sich die Länder des Südens ins Unermessliche. Um die Schulden zurückzuzahlen, braucht es Devisen. Die, redete man ihnen ein, könnten mit Agrarprodukten erwirtschaftet werden. Doch Kleinbäuerinnen brauchte man dafür nicht, sondern billige Landarbeiter, Agrobusiness mit importierten Bewässerungsanlagen, Traktoren, mit importiertem Saatgut, Pestiziden und Düngemitteln. Gefragt war und ist Masse. Monokulturen mit Bananen, Kiwis, Avocados, Tee, Kaffee, Kakao, Zuckerrohr, Baumwolle, Tabak, Blumen. Das laugt die Böden aus, braucht viel Wasser. Das Wasser, für die grünen Böhnchen aus Kenia etwa, das in den Dörfern fehlt. Die fruchtbaren Böden werden, im Zusammenspiel von internationalen Konzernen mit den korrupten Eliten, den Kleinbauern für Ramschbeträge weggenommen. Die internationalen Supermarktketten wie WalMart, Carrefour, Aldi, Lidl, Metro, Tesco dominieren die Rohstoffbörsen, ohne die geringste Mitsprache von Bauernverbänden. Der größte Teil der Devisen aus agrarischen Exporten bleibt in den Städten, die Bauern bekommen keine Kleinkredite, können sich keine Ochsen leisten, keine Gesundheitsstation, keine Schule bauen - wofür der Staat nicht mehr aufkommt. Auf dem fruchtbaren Land werden keine Nahrungsmittel für den Eigenbedarf, für die städtischen Massen mehr produziert, sondern Exportprodukte. 280 Millionen hungern in Afrika, vor allem auf dem Land. Für unser Fleisch, für unsere Hochleistungskühe werden in Lateinamerika die Regen-wälder gerodet für Sojafutter. Millionen von landlosen Bauern sind die Folge. Die Mehrheit der Landbevölkerung im Süden lebt an der Armutsgrenze. Ihr Hunger garantiert unseren billigen Kaffee und unsere Fleischgier.
Nun wird der Hunger in diesen Ländern dramatisch zunehmen, weil der Weizen aus der Ukraine fehlt. Dieser Hunger aber ist leider teilweise auch selbstverschuldet. Die Abhängigkeit von importiertem Weizen in Afrika hat koloniale Ursachen – die Franzosen wollten ihr Baquette, die Briten ihr wertloses „toast bread“. Die neuen schwarzen Eliten machten es zu nationalen Nahrungsmitteln. Einheimische Sorten wie Cassava, Maniok, Yams, Kochbananen , Süßkartoffeln, Hirse-Sorten wie Fonio, Moringa aus dem Meerrettichbaum, Erdnüsse wurden vernachlässigt in Anbau und Forschung. Jetzt fordern afrikanische Stimmen ein sofortiges Umdenken.

Moral ist kein juristisches Kriterium
In der Enzyklika „Laudatio Si – Über die Sorge für das Gemeinsame Haus“ nennt Papst Franziskus 2015 die Erde „unsere Schwester“, die aufschreit „wegen des Schadens, den wir ihr zufügen…Wir sind aufgewachsen in dem Gedanken, dass wir ihre Eigentümer und Herrscher sind, berechtigt, sie auszuplündern“. Franziskus fordert die Wahrung der moralischen Bedingungen einer ganzheitlichen „Humanökologie“ und verurteilt die Vernichtung von Lebensmitteln als „Diebstahl an den Hungrigen.“
Dieses Denken kommt in der deutschen Rechtsprechung und in den Köpfen von Justizministern nicht vor. „Containern“ bleibt Diebstahl, beschied das Bundes-verfassungsgericht 2020 in einem Urteil gegen zwei Studentinnen aus Oberbayern. Der Gesetzgeber dürfe auch das Eigentum an wirtschaftlich wertlosen Sachen schützen. Die christliche Botschaft aus Rom wurde offensichtlich nicht gehört. Charlie Kiehne und Samuel Bosch wollen das ändern.

 

Über den Autor

WF Portrait 2020 Baschar

Wolfram Frommlet, 1945 in Ravensburg geboren, studierte Kulturwissenschaften, arbeitete als Dramaturg und Regisseur an Theatern in München und Kassel; als Autor und Journalist für ARD-Anstalten; leitete Medien- und Kulturprojekte für die Naumann-Stiftung, die UNESCO, das Goethe Institut, das Radio Training Centre der Deutschen Welle in Asien und Afrika. Foto: Baschar

 

Autor: Wolfram Frommlet

Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben!

­