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Gutenzell-Hürbel - Was macht man nicht alles, um einen Bauplatz zu bekommen. Bei Minusgraden sechs Tage vor der Vergabestelle kampieren etwa.

Auf der Fahrt nach Gutenzell, knapp zwanzig Kilometer von Biberach entfernt, fahre ich in der Morgendämmerung einem Räumfahrzeug hinterher. Schneetreiben. Minus ein Grad zeigt das Thermometer. Am Ziel, dem Gemeindehaus des Gutenzeller Ortsteils Hürbel, stehen viele aufgekratzte, meist junge Leute vor der Tür. Punkt acht Uhr an diesem Mittwochmorgen, den 8. Dezember, darf der erste eintreten. Das so genannte Windhund-Verfahren, mit dem die Gemeinde 20 Bauplätze vergeben will, ist eröffnet und bereits entschieden.
Für die Bewerber begann das Verfahren bereits sechs Tage vorher. Um einen aussichtsreichen Platz zu sichern, rückten die ersten bereits am Freitag zuvor an. Bauten sich in die von der Gemeinde abgesteckten und mit Nr. 1 bis 30 versehenen Plätze Gemeinschaftszelte auf. Der örtliche Sportverein hatte die Partyzelte ausgeliehen. Ein Blick in die Zelte und Pavillons zeigt, Heizpilze helfen gegen die Kälte und Fernsehen gegen die Langeweile. Kaum hatte die Gemeinde am Freitag die Schilder aufgestellt, stellten sich die ersten Interessenten an. Sie hoffen, einen der 19 Bauplätze in Baugebiet „Brühl III“ oder den einen Bauplatz im Baugebiet „Ziegelstädele“ zu bekommen.
Die mit ihren Unterlagen vor der Tür Wartenden sehen erwartungsfroh dem Ende ihres Winter-Campings entgegen. Eine junge Frau auf Platz drei meint: „Das Windhund-Verfahren ist fair für alle.“ Auch Hubertus Hald, der aus der Gemeinde stammt, teilt ihre Meinung. „Das Verfahren finde ich fair, auch wenn ich fünf Nächte hier ausharren musste.“ Umstehende, die fast alle Urlaub nehmen mussten für die Warterei vorm Gemeindehaus, ergänzen: „Eigentlich war‘s ganz nett. Wir hatten Gasheizung und konnten Karten spielen.“ Ein älterer Herr ergänzt: „Wir haben unsere Jungen ja auch zuverlässig mit warmem Essen versorgt. Aber beim nächsten Mal sollte die Gemeinde vielleicht einen Termin im Sommer wählen.“ Geplant war die Vergabe ursprünglich bereits im September, musste aber wegen Starkregen verschoben werden.

 

Campingliege be

Ab nach Hause ins Warme. Campingliege und Thermoskannen haben ihren Dienst getan.

 

Während einige Helfer Thermoskannen, Campingliegen und Decken zurück ins Auto schleppen, klagt eine Mutter mit zwei Kindern an der Hand, dass alle Parkplätze belegt seien, was den Zugang zum Kindergarten heute erschwere.
Tatsächlich sind auch einige Medienvertreter vor Ort, als Punkt acht Bürgermeisterin Monika Wieland die Tür öffnet und das Durchhaltevermögen aller Bauwilligen lobt. Keine halbe Stunde später hält ein junger Reporter vom SWR den zukünftigen Häuslebauern, die bereits zum Hinterausgang herauskommen, sein Mikro vor die Nase. Natürlich sind sie erleichtert. So auch Daniel Poser, der auf Platz zwei der Warteliste stand und mit seinem Vater, der ihn auch beim Warten zeitweise ablöste, zusammen den Antrag abgab.
In der Gemeinde Gutenzell-Hürbel mit ihren Ortsteilen leben derzeit rund 1830 Einwohner. Ihr Durchschnittsalter von 38,7 Jahren liegt übrigens 2,7 Jahre unter dem Durchschnitt im Ländle, die Bevölkerungsdichte von  48 Einwohnern pro Quadratkilometer erheblich unter den durchschnittlich 301 Einwohnern im Südwesten.

Wer zuerst kommt …
Bauplätze sind - auch auf dem Land - knapp. Die ungebrochene Nachfrage macht es den Kommunen schwer, ihre Grundstücke in ihrem Sinn im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben zu vermarkten. Damit auch Normalverdiener zum Zug kommen, versuchen einige Gemeinden, die Grundstücke nach sozialen Kriterien zu vergeben. Doch da fühlt sich schnell jemand diskriminiert und klagt gegen die Gemeinde. Punktesysteme, die etwa ehrenamtliche Arbeit in Vereinen berücksichtigen, die Anzahl der Kinder oder ob der Bauwillige früher schon in der Gemeinde wohnte, sind umstritten. Eine hohe Rechtssicherheit herzustellen ist trotz anwaltlicher Expertise und Handreichungen seitens des Baden-Württembergischen Gemeindetags nicht garantiert. Bei diesem komplexen Verfahren wird ein Punktekatalog aufgestellt. Jeder Interessent erhält eine Punktzahl, aus der sich eine Reihenfolge zur Bauplatzvergabe ergibt.
Am einfachsten wäre es, die Plätze zu versteigern. Wer den höchsten Preis zahlt, bekommt das Grundstück. Möglich ist auch ein Losverfahren. Nach der ortsüblichen Bekanntmachung werden in einem bestimmten Zeitraum Interessenten gesammelt. Wenn mehr Interessenten als Bauplätze vorhanden sind, wird in Gegenwart eines Notars gelost. Dieses Verfahren widerstrebt vielen Gemeinde- und Stadträten, nimmt es der Gemeinde doch jeglichen Gestaltungsspielraum für die Ortsentwicklung.
Daher entschließen sich viele Gemeinden zum so genannten Windhund-Verfahren. Hier gilt der Grundsatz, wer sich zuerst meldet, erhält zuerst das Recht, einen Bauplatz auszusuchen und zu erwerben. Die Vergabe von Bauplätzen wird bekannt gegeben, ab dem genannten Tag können sich Interessenten im Rathaus oder einem anderen von der Verwaltung bestimmten Ort melden. In Hürbel eben am 8. Dezember ab 8 Uhr vor der Gemeindehalle im Huggenlaubacher Weg. Das Rennen ist gelaufen!

 

Text & Fotos: Andrea Reck

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