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Jahrelang hat Dr. Pius Adiele über Rassismus und Sklavenhandel in der Geschichte geforscht. Wie bewertet der aus Nigeria stammende Kirchenhistoriker und stellvertretende Dekan des Dekanats Ostalb die aktuelle Diskussion über Rassismus und Polizeigewalt? Der Blick in die Geschichte offenbart Hintergründe.

 

Herr Pfarrer Dr. Adiele, wenn Sie die jüngsten Ereignisse in den USA und die aktuelle Diskussion über Rassismus und Polizeigewalt gegen Afroamerikaner verfolgen, welche Gedanken haben Sie?

Als Kirchenhistoriker, dessen Schwerpunkt auf dem Problem des Rassismus und der Sklaverei in der Kirchengeschichte liegt, sind mir die aktuellen Ereignisse nicht neu. Immer noch gibt es Phänomene, wie sie sich auch schon vor 600 Jahren abgespielt haben. Wenn man von ungerechter Behandlung und den tödlichen Schüssen auf Afroamerikaner in den USA hört, dann hängst das auch mit der Sklaverei zusammen, die dort lange Zeit stattgefunden hat.

 

Haben die Menschen so wenig aus der Vergangenheit gelernt?

Nach meiner Einschätzung hat die Welt noch nicht so viel daraus gelernt, auch wenn sich die Lage vieler Afroamerikaner verbessert hat. Aber ich denke, es gibt immer noch Strukturen von Ungleichheit und das Gefühl von Überlegenheit unter Weißen. 

 

Wie hat man den Sklavenhandel eigentlich begründet? Solche Verhaltensweisen stehen der christlichen Lehre, die ja eine Befreiung für alle Menschen ist, diametral entgegen…

Das war eine meiner Forschungsfragen: ob die christliche Lehre von der Gleichheit aller Menschen auch für Schwarzafrikaner gegolten hat. Wenn man die Quellen und die Literatur jener Zeit betrachtet, war das nicht der Fall. Eine zentrale Textstelle ist

das Buch Genesis, Kapitel 9, Vers 18 bis 27 – die Verfluchung Hams. Auf dieser Textstelle fußt die Rechtfertigung der Versklavung der Schwarzafrikaner. Dort heißt es, Noah habe seinen Sohn Ham und seine Nachkommenschaft dazu verflucht, fortan Sklave seiner Brüder zu sein. Diese Deutung machte sich das Christentum im 3. und 4. Jahrhundert zu eigen. Es wurde behauptet, dass die Schwarzafrikaner die direkten Nachkommen des Ham seien und deshalb als Sklaven zu behandeln seien. Das ist natürlich nicht die wahre Auslegung dieser Stelle. 

 

Wie kam man denn auf diese Deutung?

Der Philosoph und Dichter Philon von Alexandrien hat schon im 1. Jahrhundert erklärt, dass das Wort Ham die Bedeutung „schwarz“ und „heiß“ habe. Später haben christliche Autoren dies so zu interpretieren versucht, Ham sei nach seiner Verfluchung durch Noah nicht mehr weiß, sondern schwarz gewesen, und alle seine Nachkommen auch. „Schwarz“ stand also für etwas Negatives. Die Kirchenväter haben diese Deutung als Charaktereigenschaft akzeptiert, den Schwarzafrikanern also jede Moralität abgesprochen. Und „heiß“ wurde als der Ort gesehen, wo diese Menschen in der Welt zu finden seien, und das ist Afrika.

 

Sklaverei und Unterdrückung findet sich in der Geschichte ja praktisch überall. Gab es dennoch Unterschiede?

Es gab sehr viele Sklavenhalter-Gesellschaften – Rom, Griechenland, Russland, auch in Afrika, Amerika und Asien. Aber bis zum 15. Jahrhundert gab es nicht diesen rassistischen Sklavenhandel. Es war eine andere Qualität, man bediente sich sozusagen einer göttlichen Rechtfertigung, um Menschen mit schwarzer Hautfarbe in der ewigen Sklaverei zu halten.

Wie verhielt sich die Kirchenleitung?

Auch Päpste haben Stellung bezogen und Sklaverei gerechtfertigt. Durch die Bulle „Dum diversas“ aus dem Jahr 1452 erteilte Nikolaus V.  dem portugiesischen König die Erlaubnis, die Länder der Ungläubigen zu erobern und zu unterwerfen und die darin lebenden Personen in ewige Sklaverei zu führen. Damit wurde die Praxis, „die Sarazenen, Heiden und anderen Ungläubigen und Feinde Christi“ zu verschiffen, gerechtfertigt. Zwei Jahre später wurde dies nochmals bekräftigt in der Bulle „Romanus Pontifex“ von 1454. Der König von Portugal meinte, diese Menschen auf diesem Wege auch dem Christentum zuführen zu können.

 

Gab es denn in der Kirchenleitung niemanden, der diese Praxis von Anfang an angeprangert hätte?

Nein. Damals waren Portugiesen auch als Missionare in Afrika und der König von Portugal hat dem Papst berichtet: Durch die Versklavung führen wir die Afrikaner der christlichen Religion zu, um ihre Seele zu retten. Und der Papst gab den Erlass, diese Menschen zu taufen.

 

Müssten diese Menschen – wenn man dieser Argumentation folgt – dann nicht wenigstens durch die Taufe gleiche Rechte bekommen?

Bei den Indios, die von den Spaniern gleichzeitig mit den Afrikanern versklavt wurden, war dies ab 1537 der Fall. 1537 hat Papst Paul III. die Befreiungsbulle „Sublimis Deus“ erlassen gegen die Versklavung der Indios. Aber der Papst hat kein Wort verloren, um die Versklavung der Afrikaner anzuprangern. Bei den Afrikanern war die Taufe anscheinend nicht ausreichend, um sie aus der Sklavenhaltung zu befreien. Das ist das, was mich irritiert: dass das für uns nicht gegolten hat. Die Kirche hat also sehr früh begonnen, die Versklavung anzuprangern. Es galt aber nicht für uns Afrikaner. Erst 1839, als man in Europa von der Sklaverei schon abgelassen hatte, gibt es mit „In Supremo Apostolatus“ die erste Bulle, in der auch die Humanität der Afrikaner verteidigt wird.

 

Welche Rolle spielten eigentlich die Missionare?

Die haben sich an der Versklavung beteiligt. Der Jesuitenorden, der zum Beispiel in Brasilien oder auch in Maryland in Amerika tätig war, hatte sogar ein Sklavenschiff. Jesuiten setzten Sklaven auf ihren Plantagen ein. Bis 1838 hatten sie immer noch Sklaven. Als sich abzeichnete, dass der Papst die Versklavung der Schwarzafrikaner anprangert, haben sie ihre letzten Sklaven nicht etwa befreit, sondern in die Südstaaten verkauft. Es gab auch Missionare, die ihre Stimme erhoben haben für die Befreiung der Afrikaner, aber diese Stimmen drangen nicht zu den richtigen Orten durch oder man ließ sie außer Acht.

 

Es ist ja kein Zufall und erst recht nicht göttliche Absicht, dass die moderne Sklaverei mit der weltweiten Expansion Europas einherging. Welche Rolle spielte dabei die Verquickung der Katholischen Kirche und der Päpste mit der weltlichen Macht von Politik und Wirtschaft?

Im 14. Jahrhundert büßte das Papsttum viel von seiner Macht und seinem Universalanspruch ein, denken Sie nur an die enge Anlehnung an die französische Krone, als der Papst in Avignon residierte. Mithilfe der Portugiesen wollten die Päpste Macht zurückgewinnen und diese auf die neu entdeckten Gebiete in Afrika ausweiten. Das erklärt die größere Zahl an Bullen, in denen es um verliehene Privilegien an das portugiesische, später auch an das spanische Königshaus ging. Die Übertragung von Eigentumsrechten und einem Handelsmonopol an den portugiesischen König Alfons V., wie es etwa in der Bulle ‚Romanus Pontifex‘ von 1455 vermerkt ist, schloss die Versklavung der Afrikaner mit ein.

 

Wie ging man mit dem Unrecht, das mit Billigung der Kirche und durch Männer der Kirche den Schwarzafrikanern angetan wurde, fortan um?

Die Päpste behaupteten, sie hätten die Versklavung schon immer angeprangert. Gregor XVI. (Pontifikat von 1831 bis 1846) und später Leo XIII. (1878-1903) erklärten, die Kirche habe immer Stellung bezogen gegen die ungerechte Versklavung von Menschen. Doch keiner der Päpste bis Gregor XVI. im Jahre 1839 hatte je ein Wort der Verteidigung der Schwarzafrikaner verloren. Wir waren von dieser Verteidigung ausgeschlossen. Erst Johannes Paul II. hat sich 1992 auf einer Reise nach Afrika geäußert und dies als Übel angeprangert. In der großen Vergebungsbitte zum Millennium sind wir allerdings auch nicht erwähnt.

 

Welche Rolle spielte die Zeit der Aufklärung, um die Mythen über bestimmte Menschengruppen zu überwinden?

Montesquieu (1689-1755) konnte nicht glauben, dass Gott eine menschliche Seele in einen schwarzen Körper eingepflanzt hat. Hegel (1770-1831) sagte, der Afrikaner habe keine Seele. Manche Philosophen haben diese Mythen sogar bekräftigt. Auch das war für mich eine Überraschung. Dieses Verständnis floss natürlich auch in die päpstlichen Schreiben ein.

 

Wie gehen Sie persönlich mit dieser Hypothek der Kirche um?

Ich bin nicht nur Historiker, sondern auch Theologe. Es ist nicht Gott, der dieses Unrecht geschaffen hat, sondern Menschen haben das gemacht. Es sind Menschen, die die Bibelstellen falsch gedeutet und das Christentum missbraucht haben. Als Christen und als Kirche sind wir aber auch in einem ständigen Bekehrungsprozess. Meinen Schock von damals habe ich überwunden. Ich pflege meine Beziehung zu Gott und bin gerne Priester. Das ist mir wichtig.

 

Wie sollten sich Christen in der aktuellen Diskussion einbringen?

Es geht um Gerechtigkeit. Der christliche Glaube lehrt Gerechtigkeit. Es geht um die Würde des Menschen. Jeder Mensch ist nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Nicht nur die Gesetze, sondern auch unser Handeln untereinander muss davon geprägt sein, was gerecht ist. Keine Religion vertritt das mehr als das Christentum. Das ist unser Fundament. 

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