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Biberach - Rund um die Welt protestieren seit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd Ende Mai Menschen gegen Rassismus. Am 20. Juni, dem Weltflüchtlingstag, wurde auch auf dem Biberacher Gigelberg ein Zeichen gegen Rassismus und für Menschenrechte gesetzt.

Am Weltflüchtlingstag 2020 ertrinken noch immer Menschen im Mittelmeer, leben in Griechenland in unmenschlichen Lagern. In Libyen bestehen die Folterlager weiter, in ganz Europa gibt es eine unwürdige Schacherei um die Aufnahme jedes einzelnen Geflüchteten. Dagegen wurde am Weltflüchtlingstag ab elf Uhr auf dem Gigelberg protestiert. Dagmar Rüdenburg, Vorsitzende des Interkulturellen Forums für Flüchtlinge e.V. (IFF), begrüßte rund 160 Demonstrierende zum Aufbegehren gegen weltweiten Rassismus. Zu Beginn rappte Amir Vaziri, ein Geflüchteter aus dem Iran, ehe Lucia Braß von der Ökumenischen Flüchtlingsarbeit von Caritas und Diakonie bezweifelte, dass Deutschland uneingeschränkt als Vorbild für andere Länder beim Thema Menschenrechte gelten kann. Sie erinnerte an die Lage der Geflüchteten in Baden-Württembergischen Erstaufnahmelagern, die zusammen mit Corona-Infizierten in Mehrbettzimmern untergebracht sind. Dabei wurden etwa in Ellwangen fast 90% der Bewohner infiziert. Braß beklagte, dass Abschreckung noch immer an erster Stelle stünde und es derzeit Abschiebungen in stark von Corona betroffene Länder gibt.

Rapper Amir Vaziri aus Iran

Rapper Amir Vaziri aus dem Iran.

Julia Blessing und Elisa Sachs, Mitarbeiterinnen der Ökumenischen Flüchtlingsarbeit von Caritas und Diakonie (ÖFA), zitierten Artikel eins des Grundgesetztes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Auch die der rund 80 Millionen Menschen, die derzeit auf der Flucht sind! Während für Touristen in Griechenland 25 Quadratmeter am Strand vorgeschrieben sind, werden Geflüchtete dort unter schlimmen Bedingungen zusammengepfercht. „Biberach hat sich zum sicheren Hafen erklärt. Wir hoffen, dass auf Worte auch Taten folgen“. Sie forderten ein Seenotrettungsprogramm, gesicherte Fluchtwege und ein Landesaufnahmeprogramm für besonders gefährdete Personen wie Kinder und alte Menschen. Sie ermutigten dazu, die eigenen Privilegien zu reflektieren und die daraus folgende Verantwortung zu übernehmen, sowie mit der eigenen Sprache bewusster umzugehen. „Rassismus betrifft uns alle, nicht nur die anderen, die Bösen“.

André Schwarz, Schüler des Pestalozzi-Gymnasiums, sprach für Fridays For Future darüber, dass der Klimawandel vor allem in Entwicklungsländern Menschen zur Flucht zwinge und forderte die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens.

Demonstrieren für Seenotrettung

Demonstrieren für die Seenotrettung.

Nach einem weiteren Rap des Iraners Amir Vaziri sprach Dagmar Rüdenburg darüber, dass die Bewegung „black lives matter“ in einem Land ihren Anfang nahm, dessen Präsident nur dann nicht rassistisch hetzt, wenn er beim Golfspiel ist. Sie findet es wunderbar, dass am Biberacher Rathaus die Flagge „black lives matter“ hängt, gibt aber zu bedenken, dass es auch in unserer Stadt Rassismus gibt und keineswegs nur in der AfD. Rassistische Diskriminierungen seien gesellschaftsfähig geworden, das beginne schon mit dem automatischen Duzen von Afrikanern. Kürzlich wurde in einem Biberacher Supermarkt einem Kameruner von einem Einheimischen ins Gesicht gespuckt. „Gerade wir Deutschen wissen, dass Rassismus tötet, wir müssen das Wegschauen beenden“, forderte sie.

Gana Diop, der in Ummendorf-Fischbach bei einer Pflegefamilie lebt, ergriff nach einem Regenguss das Wort: „Danke, dass ihr noch alle dasteht, obwohl ihr so nass geworden seid“, sagte der Zwanzigjährige und fordert, die Menschen müssen sich kennenlernen, ehe sie urteilen. „In meiner Generation kann der Rassismus aufhören, wir lernen uns in der Schule kennen. Wir müssen miteinander reden. Und – die Guten sind mehr als die Bösen!“

Solidarität mit der Antirassistischen Bewegung

Solidarität mit der Antirassistischen Bewegung.

Bela Mutschler von Bündnis 90/Die Grünen sieht rassistische Muster verankert bis in die Mitte der Gesellschaft. Er bedauerte, dass die Zahl rassistischer Vorfälle stark steigt. Das Wort „Rasse“, bei der Erstehung des Grundgesetzt durchaus gut gemeint, müsse gestrichen werden, es sei in der Sache falsch. Er forderte dazu auf, Herabwürdigungen jederzeit und an jedem Ort entgegenzutreten.

Herbert Kasparek von der IG Metall freute sich, dass so viele Jugendliche gekommen waren. Gegen Übergriffe müsse man beherzter vorgehen und Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind, mehr Unterstützung gewähren. Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung gegen Massenarbeitslosigkeit sei gut, dürfe aber nicht nur für die „Eingeborenen“ gelten. Soziale Gerechtigkeit und das gewaltfreie Eintreten mit allen Demokraten gegen rechte Stimmungsmache, forderte der Vorsitzende des DGB-Kreisverbandes.

„Damit ihr euch ein bisschen warmtanzen könnt“, kündigte Dagmar Rüdenburg ein Trommler-Quartett an. Während des Auftritts kamen zahlreiche Demonstranten nach vorne und knieten nieder aus Solidarität mit der Antirassistischen Bewegung. Aufstehen, indem man niederkniet.

Am Ende der Kundgebung wird musiziert

Am Ende der Kundgebung wird musiziert.

 

Text und Fotos: Andrea Reck

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