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KONSTANZ. Macht uns die Corona-Pandemie nicht alle gleich? Wie wird die Gesellschaft nach der Krise dastehen? Was kann der Sozialstaat tun, und wird das Vertrauen der Bevölkerung bestehen bleiben? Der Konstanzer Ungleichheitsforscher Prof. Dr. Marius R. Busemeyer steht Rede und Antwort.

 

Herr Busemeyer, Sie erforschen Ungleichheit in der Gesellschaft. Macht uns die Corona-Pandemie nicht alle gleich?

Auf der einen Seite stimmt es natürlich, dass das Virus jeden gleichermaßen treffen kann. In gewisser Weise könnten einkommensstarke Gruppen sogar eher betroffen sein, da sie im Schnitt mobiler sind. Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise werden die Einkommensschwachen aber sicherlich wesentlich härter treffen. Beschäftigte in einfachen Dienstleistungsberufen oder im produzierenden Gewerbe sowie Selbstständige sind vom Kontaktverbot stärker betroffen als Angestellte in größeren Unternehmen oder im öffentlichen Sektor. Geringverdiener haben außerdem weniger Polster, um kurzfristige Einkommensausfälle zu kompensieren. Die Krise macht uns also gerade nicht gleich: Sie wird die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft eher verstärken als abschwächen.

 

Wenn die aktuelle Krisensituation nachlässt, in welcher Situation werden wir als Gesellschaft uns dann wiederfinden: Welche Ungleichheiten werden zu-, welche abgenommen haben?

Das ist natürlich im Moment sehr schwer zu sagen, zumal es ganz wesentlich davon abhängt, wie lange die Krise und die damit einhergehenden Maßnahmen andauern. Eines ist schon jetzt klar: Die Corona-Krise stellt für die ganze Gesellschaft einen starken Einschnitt dar. Aber wer wie gut durch diese schwere Zeit kommt, wird sich stark unterscheiden. Bestimmte Wirtschaftszweige wie das Hotel- und Gaststättengewerbe, Tourismus, Kultur und die Reisebranche werden stärker betroffen sein. Auch das produzierende Gewerbe steht vor großen Herausforderungen, wenn der Lockdown länger andauert. Beschäftigte von Großunternehmen könnten tendenziell etwas besser durch die Krise kommen: Ihre Arbeitgeber haben entweder selbst mehr Reserven oder werden vom Staat eher gezielt unterstützt. Die Arbeitsplätze von Beschäftigten in kleinen und mittleren Unternehmen sind dagegen stärker bedroht, selbst wenn das Corona-Krisenpaket besondere Fördermaßnahmen für diese Unternehmen vorsieht. Beschäftigte im öffentlichen Sektor werden besser durch die Krise kommen, zumindest kurzfristig, solange der Sparzwang noch nicht auf öffentliche Haushalte durchschlägt. So oder so wird die Krise die Arbeitsmärkte und damit auch die Sozialpolitik und die öffentlichen Haushalte vor massive Herausforderungen stellen.

 

Ein wichtiger Gegenstand Ihrer Forschung ist der Sozialstaat. Wie wird die Krise sich auf ihn auswirken?

Der Sozialstaat wird durch die Krise in historisch einmaliger Weise herausgefordert. Kurzfristig bestehen die größten Herausforderungen offensichtlich im Gesundheitssektor. Hier zeigt sich immer deutlicher, dass Länder, die in den vergangenen Jahren in diesem Bereich stark eingespart haben – entweder durch politisch-ideologische Entscheidungen oder durch die Zwänge der letzten Wirtschafts- und Finanzkrise bedingt –, besonders hart getroffen werden. Mittel- bis langfristig werden andere Bereiche des Sozialstaates, insbesondere die Arbeitsmarktpolitik, aber auch die Bildungspolitik, besonders gefordert sein. Ich denke, die Krise könnte sogar eine Trendwende in den Prioritäten der Sozialpolitik einläuten: Statt Kosten einzusparen und vermehrt Markt-ähnliche Instrumente einzuführen, könnte die Krise zu einer stärkeren Rolle des Staates in der Sozialpolitik führen, mit einem auf Vorsorge ausgerichteten Politik-Ansatz: Eine sozial-investive Politik, die die Möglichkeit von Extremsituationen mitdenkt und sich darauf vorbereitet, z. B. indem mehr Intensivbetten und vor allen Dingen auch Personal bereit gehalten werden als unter normalen Umständen kurzfristig nötig. Das kann allerdings nur gelingen, wenn die krisenbedingten Sparzwänge, die öffentliche Haushalte treffen werden, nicht zu groß werden.

 

Im Augenblick werden allenthalben Hilfspakete geschnürt, den wirtschaftlich Betroffenen wird mit massiven Geldhilfen unter die Arme gegriffen. Stärken solche Maßnahmen das Vertrauen in den Sozialstaat?

Hier muss man zwischen langfristigen und kurzfristigen Perspektiven unterscheiden, und beides hängt zusammen. Traditionell liberale, das heißt, wenig ausgebaute Sozialstaaten wie die USA sind jetzt gezwungen, strukturelle Defizite im Gesundheitssektor und in der Arbeitsmarktpolitik durch massive kurzfristige Maßnahmen auszugleichen oder zumindest abzuschwächen. In den USA wurde ja vor wenigen Tagen ein Krisenpaket in Höhe von zwei Billionen US-Dollar geschnürt – eine unfassbare Größenordnung. Dennoch kann dieses Programm bestimmte Defizite wie die hohe Zahl an Menschen ohne Krankenversicherung oder die prekäre Absicherung von Arbeitslosen in den USA nicht gänzlich abfedern. In Deutschland bauen die kurzfristigen Hilfsmaßnahmen auf vergleichsweise stabilen Sozialstaats-Strukturen auf. Die schnelle Krisenreaktion der hiesigen Politik zeigt auch, dass bei uns die Polarisierung der politischen Eliten noch nicht so weit vorangeschritten ist wie in anderen Ländern, insbesondere den USA. Insofern denke ich, dass die Krise langfristig das Vertrauen in den Sozialstaat und vielleicht die Politik überhaupt stärken könnte, selbst wenn es kurzfristig auch immer wieder Kritik an den Engpässen in der Gesundheitsversorgung gibt.

 

Reden wir über Arbeit: Millionen Menschen arbeiten dieser Tage von daheim, Präsenzkultur scheint für produktives Arbeiten auf einmal weniger unverzichtbar zu sein. Die Digitalisierung der Arbeitswelt erhält einen Schub. Erleben wir gerade die Geburt eines viel flexibleren Miteinanders von Arbeitgebern und Arbeitnehmern?

Ich denke, dies ist nur die eine Seite: Für eine Gruppe von Beschäftigten könnte die Krise in der Tat die Durchsetzung neuer, flexibler und digitaler Formen der Arbeitsorganisation beschleunigen. Diese Gruppe ist vergleichsweise privilegiert, sie wird durch die Krise wirtschaftlich weniger stark betroffen sein als andere Gruppen. Gleichzeitig wird dadurch ein Auseinanderklaffen der Arbeitsrealität befördert: Auf der einen Seite wird es diese privilegierte Gruppe geben, auf der anderen Seite diejenigen, deren Berufe körperliche Arbeit oder Präsenzpflicht beinhalten. Diese neuen Spaltungslinien haben sich auch schon vor der Krise abgezeichnet, sie dürften sich aber durch die Krise verschärfen. In der Corona-Krise werden zwar Pflegekräfte und KassiererInnen im Supermarkt als Helden des Alltags gefeiert. Abgesehen von den gesundheitlichen Gefahren, die diese Beschäftigtengruppen aktuell akzeptieren müssen, ist damit jedoch noch lange nicht garantiert, dass die Löhne der Pflegekräfte nach der Krise ansteigen oder dass der Kassierer/die Kassiererin an der Supermarktkasse nicht doch durch eine Kassiermaschine ersetzt wird.

 

Ein weiteres Feld, auf dem Sie forschend tätig sind, ist Bildungspolitik. Viele Familien müssen gerade eine Verbindung von Familien- und Bildungs- mit beruflichen Aufgaben stemmen: Kinder sitzen durch Kita- und Schulschließungen daheim und sollen irgendwie weiterlernen, während ihre Eltern mit außergewöhnlichen Arbeitssituationen umgehen müssen. Welche Spuren wird das hinterlassen?

Auch hier hängt es natürlich wieder davon ab, wie lange der Krisenzustand andauert. Dennoch könnte die Krise auch in diesem Bereich bestehende Ungleichheiten verstärken. Der soziale und Bildungshintergrund der Eltern hat bekanntermaßen einen starken Einfluss auf Bildungsleistungen. Das gemeinsame Lernen in der Schule kann diesen Einfluss normalerweise zumindest teilweise abschwächen. Eine längere Phase von Heim-Unterricht kann jetzt aber dazu führen, dass Kinder aus verschiedenen sozialen Schichten nach Ende dieser Phase mit sehr unterschiedlichem Lernfortschritt wieder in die Schulen zurückgehen. Ein Schulkind aus einem bildungsbürgerlichen Haushalt kann eher auf die Unterstützung und Anleitung der im Homeoffice tätigen Eltern bauen als ein Kind einer alleinerziehenden Mutter, deren Job akut gefährdet ist und die zurzeit auch nicht auf externe Betreuung zurückgreifen kann. Hinzu kommt, dass Kinder aus sozial schwachen Familien höhere Hürden überwinden müssen, um selbstmotiviert an digitalen Unterrichtsformen teilzunehmen, wenn beispielsweise zu Hause kein eigener Laptop oder Computer zur Verfügung steht. Zumindest in diesem Punkt könnte die Bildungspolitik auch kurzfristig gegensteuern, indem für sozial Schwache die entsprechende Ausrüstung gestellt wird. Sicherlich muss auch auf politischer Ebene darüber nachgedacht werden, die Rahmenbedingungen – z. B. was Abschlussprüfungen und ähnliche Fragen angeht – so zu gestalten, dass die Krise keine einseitigen Benachteiligungen dieses Abschlussjahrgangs zur Folge hat.

www.uni-konstanz.de

https://www.exc.uni-konstanz.de/ungleichheit/

Autor: Paul Töbelmann

 

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