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Sigmaringen - Männergruppen haftet nicht erst seit dem Kinohit „Der bewegte Mann“ ein pseudospirituelles Klischee an. Viele Menschen des „starken Geschlechts“ tun sich schwer damit, im Kreis zu sitzen und über sich zu erzählen. Männerkreise bieten aber eine Möglichkeit, sich selbst zu finden, andere zu sehen und zu verstehen und sich auf eine individuelle „Heldenreise“ zu begeben. Ein Reisebericht.

„Männer nehm‘n in den Arm
Männer geben Geborgenheit
Männer weinen heimlich
Männer brauchen viel Zärtlichkeit
Und Männer sind so verletzlich
Männer sind auf dieser Welt einfach
unersetzlich“

(„Männer“ von Herbert Grönemeyer)


Als Jugendlicher hat mich dieses Lied begleitet, es bleibt für mich eine zeitlose Hymne über uns Männer. Es steckt in vielen Zeilen so viel Wahrheit, aber auch so viel Verletzlichkeit und Verletztheit. Für mich ist es auch ein trauriges Lied, weil Männer darin Kriege führen und nur heimlich weinen.
Wie lebe ich als Mann in einer männerdominierten Welt? Für mich war diese Frage lange nicht relevant. Inzwischen bedeutet es für mich, eine große Verantwortung zu spüren. Die Welt, wie wir sie seit den letzten 7000 Jahren kennen – so lange soll es laut unterschiedlichen Forschungen in etwa das Patriarchat geben –, ist eine männerdominierte Welt. Die Erde, die von uns Menschen verwandelt wird, technisiert, geformt und derzeit auch zerstört wird, wird vor allem von den Männern zerstört. Autoritäre Regime wurden und werden von Männern geführt. Dies, nach langer Zeit des Zuschauens zu begreifen, bedeutet für mich eine große Verantwortung, denn es sind ja Menschen des gleichen Geschlechts wie ich, die bisweilen so zerstörerisch und unverantwortlich gegen Mensch und Natur, also gegen sich und uns alle agieren.

Dieses unverantwortliche Agieren rührt oft aus einer tiefen seelischen Verletzung, die nicht geheilt ist. Und in unserer Männerwelt hat es viele Verletzungen gegeben, die weitergetragen werden von Generation zu Generation. Seien es tatsächlich physische Verletzungen (Kriege, etc.), aber auch psychische (man denke an die seelischen Wracks, die aus den Kriegen zurückgekehrt sind). Auch im Spielerischen findet sich ein Verhalten wieder, das Verletzungen negiert und Trauer nicht zulässt.
Wahrscheinlich kennen alle den Satz: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Vermutlich kommt er aus dem Buch „Schatz im Silbersee“ von Karl May. Wie viele meiner Generation fanden wir Indianer irgendwie exotisch, auf jeden Fall aber war es erstrebenswert, so zu sein wie sie. Wir waren gerne an Fastnacht als Indianer verkleidet, gerne spielten wir Cowboy und Indianer. Die Indianer waren die Guten. Und sie kennen keinen Schmerz, dachten wir. „Heulsuse“, „du flennst wie ein Mädchen“ oder „ein Junge weint nicht“, sind weitere Sätze, die ich aus der Kindheit kenne, wenn man mal wieder traurig war, ein angeschlagenes Knie weh tat und man vor Schmerzen schreien und weinen konnte: Doch diese Sätze sind so falsch wie fatal, denn sie sorgen dafür, dass sich ein Kind oder ein Heranwachsender von der Trauer oder dem Schmerz, der ja mit Weinen ausgedrückt wird, entfernt. Da die Trauer als unmännlich definiert wird, wird man sie als Kind unterdrücken wollen, ein Kind traut damit quasi seinen eigenen Gefühlen nicht und versteckt sie, denn diese sind ja anscheinend falsch. Trauer aber ist wichtig und elementar, sie ist eine der fünf Grundgefühle, die in allen Kulturen gleichermaßen anzutreffen sind und das Wesen der Menschen ausmachen. Neben der Trauer kommen noch Wut, Angst, Freude und Scham vor.

 

Rüdiger Sinn privat

Der Autor Rüdiger Sinn hat diverse Männergruppen gegründet und bietet an, Neugründungen mit mindestens fünf Männern in der Anfangszeit zu begleiten. Kontakt unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

 

Ein Indianer kennt seinen Schmerz

In einem Aufsatz über die sogenannte „Heldenreise“, in der der Mann die sieben „Wirklichkeiten der männlichen Seele“ durchwandert und auf jeweils dazugehörige Archetypen trifft, wird der „Heiler“ als wichtiger Personentyp, als Archetyp beschrieben. Ihm sind die „Verletzbarkeit und das Mitgefühl“ zugeordnet. Ein Mann, der sich auf die Heldenreise (also letztlich eine Reise zu sich) begibt, wird zunächst mit der Verletzlichkeit (seiner Wunde) konfrontiert. „Jeder von uns ist verletzt (…), überall in der Welt treffen wir auf das Prinzip der Wunde, es gibt keine Ausnahmen“, schreibt der Autor Walter Mauckner. Wir Menschen neigen allerdings dazu, unsere Verletzungen zu verbergen, um in der Welt zurechtzukommen, stark zu sein – wie ein Indianer. Im Sinne einer Versöhnung mit dieser Wunde sollte der Spruch deshalb vielmehr lauten: „Ein Indianer kennt seinen Schmerz.“

Männerkreise – Wege zu sich selbst

Nun, was hat das mit Männerkreisen zu tun? Auf meine erste Männergruppe bin ich vor etwa zehn Jahren gestoßen, ein Freund in Berlin hat mich mitgenommen. Es war ein einschneidendes Erlebnis, bin ich doch hier auch mit meinen inneren Verletzungen konfrontiert worden, aber ich habe auch gesehen, wie sich Männer in Männerkreisen unterstützen können und Wunden heilen dürfen.
Zu unserem aktuellen Männerkreis in Sigmaringen treffen wir uns zweiwöchentlich, beginnen häufig mit einem Stillegong und mit einem Einstiegstext. Ein Stichwort, das wir gerne in die erste Runde nehmen, lautet: „Mit was kämpfst du gerade?“ Zunächst geht es darum, dass wir uns gegenseitig erzählen, was gerade anliegt: „Was liegt oben auf, was beschäftigt dich?“ In der zweiten Runde fragen wir uns dann, welches Thema wir vertiefen sollen. Wichtig: Das Gesprochene bleibt im Kreis der Zuhörer. Zudem gibt es weitere Empfehlungen, die in solchen Gruppen gängig sind:
• Sprich von dir und deinen Gefühlen.
• Derjenige, der den Redegegenstand hat, spricht. Die anderen hören zu.
• Derjenige der spricht, entscheidet selbst, wie lange er spricht. Er ist dazu
angehalten, nur das Dringlichste, was ihn bewegt, zu erzählen.
• Die Kreiskultur ist als Übungsfeld in achtsamer Kommunikation zu
verstehen. Wir stellen Fragen erst dann, wenn wir um Erlaubnis gefragt
haben. Wir geben keine Ratschläge, wir geben Empfehlungen oder
Rückmeldungen erst dann, wenn wir explizit gefragt wurden.
Mit diesen Regeln schaffen wir die Voraussetzungen für eine achtsame Begegnung. Die Erfahrung zeigt, dass allein die unterschiedliche Herangehensweise aller Teilnehmer an ein Thema, den anderen ein Spiegel sein kann. Es braucht keine direkten Ratschläge. Meist beenden wir den Kreis mit einer Schlussrunde, bei dem jeder sagt, was er vom Abend mitnimmt.

Sich auf die Heldenreise machen

Bei Männerwochenenden gehen wir gezielt in die Arbeit mit den Archetypen der Heldenreise. Hier werden nicht nur der Heiler thematisiert (dem die Verletzbarkeit und das Mitgefühl zugeordnet werden), sondern sechs weitere Archetypen: der Vater, der Krieger, der Wilde Mann, der Liebhaber, der Mystiker und der König. Männer, die gewillt sind, sich auf die Suche nach ihrem Kern zu machen, zu ihren Gefühlen und damit schließlich zu sich zu finden, werden sich in Männerkreisen auf die Heldenreise vorbereiten und diese schließlich antreten.
Aus dem verletzten Indianer, der keinen Schmerz kennt, wird dann der Heiler, der seinen Schmerz kennt und angemessen mit ihm umgehen kann. Er hat verstanden, dass jeder Mensch, alles Lebendige verletzlich ist. Männer, die dies wissen, entwickeln Mitgefühl mit sich selbst und mit allem Lebendigen. Das Ziel ist, diese Verletzungen zu heilen (oder besser: von ihnen zu wissen und sie zu integrieren), um mit ganzer Kraft verantwortlich in dieser Welt zu agieren. Die Verletzungen bestimmen also nicht mehr das Handeln, Denken und Fühlen, sondern der Mann ist frei in seinen Entscheidungen. Er ist, wenn er durch seinen Schmerz hindurchgegangen ist – in der Weiterentwicklung von Grönemeyers „Männer“ –, der liebevolle und fürsorgliche Vater, der seinen Schmerz kennt, weint und Geborgenheit gibt.

Literatur

Buch zur Heldenreise des Mannes:
„Selbsterfahrung Mann“, Autor: Andreas Schick
„König, Krieger, Magier, Liebhaber“: Initiation in das wahre männliche Selbst durch kraftvolle Archetypen. Robert Moore, Douglas Gillette, Rüdiger Dahlke

 

Autor: Roland Reck
Fotos: Rüdiger Sinn

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