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Assmannshardt - Stefanie Heckenberger half diesen Sommer als Krankenschwester im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Es war nicht ihr erster Hilfseinsatz. Sie hat auch schon dort gearbeitet, wo die meisten Geflüchteten in diesem überfüllten Lager herkommen: in Afghanistan.

Eigentlich wollte Stefanie Heckenberger dieses Jahr in Uganda Insassen eines Gefängnisses medizinisch versorgen. Wegen der Corona-Pandemie wurde der freiwillige Einsatz dort abgesagt, Mitte Mai flog die Krankenschwester stattdessen in das größte Flüchtlingslager Europas, das im September in Flammen aufging.
Die Zweiundvierzigjährige arbeitet Vollzeit im Schichtdienst in der Biberacher Sana Klinik. Für den fünfwöchigen Einsatz auf Lesbos nutzte sie Überstunden und Urlaubstage. Den Einsatz im Flüchtlingscamp Moria organisierte die Kaufbeurer Hilfsorganisation Humedica. Für Heckenberger bereits die siebte Hilfsmission nach Einsätzen in Tansania, Indien, Südsudan, Afghanistan, Benin und im Sudan.
2014 arbeitete die Krankenschwester während ihres Urlaubs zwei Wochen in Tansania. Um fünf Monate in Indien zu leben, nahm sie unbezahlten Urlaub. In einer Straßenambulanz in Kalkutta versorgte sie mittellose Menschen, die in den Slums der Millionenmetropole leben. Anschließend reiste sie zwei Monate durchs Land.
Der erste Einsatz für Ärzte ohne Grenzen führte in den Südsudan. Eigentlich sollte sie auch dort eine Straßenambulanz unterstützen, doch da in der Region gerade wieder Kämpfe ausgebrochen waren, verschob sich der Einsatz um vier Wochen und sie kam in eine Krankenstation in einer Gegend, in der vor allem viele Kinder schwer an Malaria erkrankt waren. „Wir schliefen in einem stallartigen Gebäude, wo während der Regenzeit auch Mäuse und Kröten Unterschlupf fanden. Duschen konnten wir mithilfe eines Eimers Wasser. Wegen der Notfälle in der Nacht kamen wir kaum zum Schlafen. Ich war zuständig für alles. Ich musste Wunden nähen und vieles übernehmen, was bei uns den Ärzten vorbehalten ist. In der Eile herrscht im Team schon mal ein rauer Ton. Man darf nicht nah am Wasser gebaut sein.“
Es sei schwierig, sich nach einem solchen Einsatz in unserer Überflussgesellschaft wieder einzufügen, erklärt die Schwäbin. „Wenn ich zurückkomme, muss ich mich anfangs ein wenig zurückziehen. Zuweilen fehlt mir ein bisschen das Verständnis, wenn sich Patienten hier im Krankenhaus über das angeblich wenig schmackhafte Essen beschweren, über unbequeme Matratzen und dergleichen. Im Flüchtlingslager Moria mussten sich die Leute oft drei Stunden anstellen, um etwas zu essen zu bekommen, die meisten schliefen auf dem Boden.“

 

Versorgung eines Somaliers in Moria

Versorgung eines Somaliers in Moria.

 

Ich musste keine Burka tragen
In Moria lebten während ihres Aufenthalts zu fast 80 Prozent Afghanen. Das Heimatland dieser Menschen lernte Heckenberger während eines dreimonatigen Einsatzes südlich von Kabul für Ärzte ohne Grenzen kennen. „Nein, ich musste keine Burka tragen“, erinnert sich die unerschrockene Krankenschwester. „Wir durften dort ohnehin alleine keinen Schritt vor die Tür machen. Aus Angst vor Anschlägen fuhren wir jeden Tag eine andere Strecke vom Camp zum Krankenhaus.“ Es war nicht einfach, die Mentalität in dieser von Männern domminierten Welt zu akzeptieren. Alle sechs Wochen hat man ein freies Wochenende. Da konnte die Krankenschwester zusammen mit anderen einen Ausflug in die Berge machen. „Afghanistan ist ein wunderschönes Land. Das hätte so viel touristisches Potenzial.“
Lesbos hat das auch, aber nicht für die Geflüchteten. Nicht in Afrika oder Asien und auch nicht in Südamerika befindet sich Moria, sondern auf einer europäischen Ferieninsel, das keine mehr ist. Stefanie Heckenberger. „In Moria standen jeden Morgen 200 Leute am Zaun, die in unserer ‚Klinik‘, bestehend aus drei Containern, behandelt werden wollten. Wir haben Wartenummern verteilt. Seit Monaten gibt es keinen Zahnarzt mehr, ein einziger Psychiater ist zuständig für all die traumatisierten Menschen. Die Geflüchteten warten den ganzen Tag auf medizinische Versorgung, aufs Essen, auf die Bearbeitung ihres Asylantrags. Da entladen sich immer wieder Aggressionen. Es ist alles voller Müll, obwohl es anders als etwa in den indischen Slums eine Müllabfuhr gibt. Erstaunlich, dass die Inselbewohner die Situation so lange mitgetragen haben. Im März gab es Anschläge Rechtsradikaler auf humanitäre Helfer. Darunter waren auch eigens angereiste Deutsche, die Autos von Hilfsorganisationen demolierten. Wir durften deshalb die T-Shirts unserer Hilfsorganisation draußen nicht anziehen.“

Ich will einfach Menschen helfen
Stefanie Heckenberger leidet keineswegs am Helfersyndrom. Sie beobachtet kritisch und bildet sich eine Meinung, aber sie engagiert sich nicht politisch. „Ich will einfach nur Menschen helfen, denen sonst nicht geholfen wird.“ So hat sie für Humedica auch schon im westafrikanischen Benin Gefangene behandelt. „In den überfüllten Gefängnissen sind Hautkrankheiten wie Krätze an der Tagesordnung. Wenn man keine Angehörigen hat, die etwas bringen, gibt es nur einmal am Tag miserables Essen.“ Die Freude über mitgebrachte Kleidungsstücke war auch in Khartoun, der Hauptstadt des Sudan, groß, wo Heckenberger im Herbst desselben Jahres in Gefängnissen half. „Da gibt es noch die Todesstrafe. Wir konnten Männern, die bald darauf gehängt wurden, nur Beruhigungsmittel geben. Wir behandelten ehemalige Kindersoldaten in Ketten und versorgten die Wunden der Folteropfer.“ Mit Spenden, die Freunde und Nachbarn aus ihrem Wohnort Aßmannshardt mitgegeben hatten, kaufte sie Seife, Zahnpasta und andere Hygieneartikel für die Gefangenen. Auch Frauen droht dort die Todesstrafe, wenn sie nicht gerade schwanger sind oder ein Kleinkind haben.
Was motiviert Stefanie Heckenberger und woher nimmt sie die Energie für solche anstrengenden und mitunter gefährlichen Einsätze? „Man bekommt einen anderen Blickwinkel auf die Welt und man schätzt das Glück, hier in Deutschland geboren zu sein. Außerdem interessieren mich schon immer fremde Länder und Kulturen“, erklärt die Krankenschwester. Sehr viel Freizeit bleibt der Schichtarbeiterin nicht. Sie treibt gerne Sport, besucht, wenn es der Dienstplan zulässt, den Aerobic-Kurs im örtlichen Turnverein und spielt mit ihren drei kleinen Neffen. Und genießt es, die Tür hinter sich zu machen zu können.
Stefanie Heckenberger plant bereits ihren nächsten Einsatz. Im nächsten Jahr kann sie möglicherweise auf einem Mercy Ship in Westafrika Kranken helfen.

 

Autorin: Andrea Reck

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