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Leutkirch - Es ist die Geschichte einer Wiedergeburt, wenngleich mit Einschränkungen. Beim Talk im Leutkircher Bocksaal, den erstmals die Journalistin und Autorin Nina Poelchau moderierte, war der in Aulendorf geborene und aufgewachsene, jetzt in Waldburg lebende Sonderschulpädagoge, Bergsteiger und Höhenforscher Thomas Lämmle (56) zu Gast. Er kam an Krücken gehend, aber es grenzt an ein Wunder, dass er überhaupt noch am Leben ist.

 Von den vierzehn Achttausendern, die im Himalaya das Dach der Welt bilden, hat der passionierte Bergsteiger allein und ohne Sauerstoffflasche sieben erklommen, darunter 2016 den 8.848 Meter hohen Mount Everest und in dessen unmittelbarer Nachbarschaft den Makalu (8.485) und den Lhotse (8.516) im nepalesisch-tibetischen Grenzgebiet nahe der tibetischen Grenze.
Seinen Lieblingsberg, den von ihm heiß geliebten 5.895 Meter hohen, nahe dem Äquator in Tansania gelegenen Kilimandscharo, bei dessen Aufstieg man in der Vertikale alle Klimazonen der Erde, von den „bockheißen“ immer grünen inneren Tropen bis zur polaren Kältezone durchquere, erzählt Lämmle, hatte er - sage und schreibe - 62 Mal (!) bestiegen. Bevor ihn der Schicksalsschlag eines Bergunfalls in eine tiefe Lebenskrise stürzte.
Der Unfall ereignete sich an seinem Allgäuer Hausberg, dem Hochgrat bei Oberstaufen, beim Gleitschirmfliegen. So oft andere sich vielleicht aufs Rad setzen, nämlich „bestimmt 5000 Mal“, bestieg er diese mit nur 1.834 Meter höchste Erhebung der Nagelfluhkette im westlichen Allgäu, die er quasi als Sportgerät benutzte. An einem Augusttag des Jahres 2020 war es, als er mit Gleitschirm vom Hochgrat-Gipfel starten wollte.
Der Start verzögerte sich jedoch, weil sich der Waldburger an der Absprungstelle mit zwei anderen „Piloten“ verquatschte, unbemerkt hatte sich der Wind gedreht. Lämmle sieht zu, wie beide Piloten starten und in Richtung Westen wegschweben. Als Lämmle startet, blickt er gegen die tiefstehende Sonne im Südwesten. Fortan verlässt ihn die Erinnerung an das, was dann geschah. Erst Wochen später erfährt er es.
„Als ich wieder zu mir kam“, beschreibt der fliegende Alpinist seine erste Erinnerung nach dem Unfall, „blickte ich in eine Lampe im Aufwachraum“ der Ravensburger Klinik. Dorthin hatte ein Rettungshubschrauber den Abgestürzten gebracht. Dort erfährt er, dass er gegen eine Felswand geschleudert wurde. Der Aufprall zerschmetterte ihm die Hüfte und stauchte ihm die Wirbelsäule. Innerlich verlor er vier Liter Blut. Er schwebte in aktuter Lebensgefahr und es bestand der Verdacht, dass er querschnittsgelähmt sein könnte. Dieser Verdacht bestätigte sich zwar nicht, jedoch ist sein linker Unterschenkel samt Fuß noch immer gelähmt.
Dass er jemals wieder laufen können würde, das hatte niemand geglaubt. Mit eisernem Willen, unermüdlichem Trainingsfleiß und ungebrochenem Optimismus gelang es dem Schwerverletzten jedoch, seinen Körper wieder soweit zu reaktivieren, dass ihm Unglaubliches gelang: mit Krücken noch einmal den Kilimandscharo zu erklimmen, zum 63. Mal. Der Berg ruft! Und sein sportlicher Ehrgeiz fordert ihn auch sozial. Er weiß um die prekäre Lebenssituation der vielen Menschen, die um seinen Lieblingsberg rund um den Kilimandscharo vom Tourismus leben und in Not geraten, weil die Touris nur saisonal kommen oder wie zuletzt wegen der Pandemie ganz wegbleiben. „Mein Sozialprojekt“ nennt Lämmle „Extrek Africa“, seine Initiative, mit der er die afrikanischen Sherpas unterstützt.
Was seine Zukunft betrifft, zeigt sich der Vater einer Patchwork-Family mit sechs Kindern zuversichtlich, dass die Lebensgeister auch in seinem linken Unterschenkel wieder zu neuem Leben erwachen. Der Sonderschulpädagoge strebt danach und ist guter Dinge, in Bälde wieder seine Lehrtätigkeit aufnehmen zu können. Von der Kraft beseelt, sich niemals unterkriegen zu lassen, strebt der Höhenforscher mit starker Persönlichkeit auch die Vollendung seiner Promotion an der Universität Innsbruck an.

 

Text und Foto: Horst Hacker

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