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Bad Schussenried - Dieter Ege ist nicht nur Oberschwabe, er ist Oberschwabenversteher, wenngleich seine Mutter als Flüchtlingskind nach Schussenried kam. Vielleicht liefert gerade dieser persönliche Hintergrund die besonderen Sensoren zur genauen Beobachtung der Menschen und seiner Umgebung. Neugierde und Verstehenwollen gehören auf jeden Fall dazu. BLIX wollte von dem Fotografen wissen, was ihn motivierte zehn Jahre lang den Bluttritt und seine Teilnehmer zu dokumentieren und was er am „Blutfreitag“ entdeckt hat.

 

Herr Ege, Sie dokumentierten zehn Jahre lang den Blutritt in Weingarten, warum? Sind Sie gläubig, sind Sie Pferdeliebhaber, war Ihnen langweilig? Wie kamen Sie dazu?

Langweilig war mir sicher nicht, aber Pferde haben mich schon immer begeistert. Bevor ich anfing, den Blutritt zu fotografieren, war ich einige Jahre auf Reitturnieren unterwegs. Dort wurde ich angefragt, ob ich nicht ein paar Fotos beim Blutritt in Weingarten für ein Jubiläum machen möchte. So war ich das erste Mal im Jahre 2010 dort. 

 

Was faszinierte Sie an diesem Thema, diesem Ereignis hoch zu Ross?

Die unvergleichliche Atmosphäre zog mich unweigerlich in ihren Bann. Gespräche mit den Blutreitern machten mich neugierig über die Prozesse, die im Vorfeld und im Hintergrund dieser Veranstaltung ablaufen. Schnell kam der Gedanke auf, alles zu dokumentieren, um irgendwann ein Buch über den Blutfreitag und den Blutritt anzufertigen.

 

Muss man den Blutritt über einen längeren Zeitraum erleben, um sein Geheimnis zu begreifen? Haben Sie es entdeckt?

Ob ich sein Geheimnis entdeckt habe, weiß ich nicht. Sicher ist fast jeder beim ersten Besuch überwältigt, ob der schieren Masse an Reitern. Wenn sie dann ohne Blasmusik durch die Fluren reiten und andächtig den Rosenkranz beten, wird man schon besinnlich. Geheimnisvoll wird es vielleicht am Abend bei der Lichterprozession und nachts in der Basilika. Da ist diese Stille, die einem die Hektik des Alltages entzieht und eine herrliche Ruhe gibt.

 

Blutritt Wgt 2010 2216 SW

Der Fotograf Dieter Ege dokumentierte den Blutritt in Weingarten zehn Jahre lang. Daraus entstand sein Buch: „Blutritt in Weingarten“.

 

Sie stellen in Ihrem Buch die einzelnen Blutreitergruppen vor. Was zeichnet den typischen Blutreiter aus?

Das sind vor allem gläubige Reiter, die aus Tradition jedes Jahr, ob Wind, Sturm, Sonne oder Regen am Blutritt teilnehmen, solange sie aufsatteln können, und dem Herrgott für seine Fürsorge danken und ihn um eine gute Ernte bitten.

 

Sie schauten auch ‚hinter die Kulissen‘, indem Sie die Vorbereitungen, die Anreise und die Unterkünfte von Pferd und Reiter fotografierten. Gehören diese Einblicke dazu, um die Faszination des Blutritts verstehen zu können?

Ja, das sind sicher eindrückliche Momente, die wesentlich zum Verständnis beitragen. Ich bin dankbar, dass ich bei einigen dabei sein durfte, um diese faszinierende Stimmung fotografisch festhalten zu können.

 

Was beeindruckte Sie dabei am meisten?

Die Zufriedenheit der Menschen, das gesellige Miteinander, die Geschichten aus alten Zeiten und die Vorfreude aufs nächste Jahr faszinierten mich immer wieder aufs Neue.

 

Was zeigt der Blutritt über Oberschwaben, wie viel Oberschwaben steckt in diesem alljährlichen Großereignis?

Es ist wahrscheinlich die ländliche Struktur, in der viele aufgewachsen sind. Man erinnert sich sicher gerne zurück an die ‚guten‘ alten Zeiten. Auch wenn heute fast jeder im Wohlstand lebt, so ist der Oberschwabe im inneren doch gläubig, ehrfürchtig und bescheiden – ond g’schwäzd wird emmr no bloß s´nedigschde. 

 

Die Kirchen sind meist leer, aber der Blutritt findet auch wenn’s ‚Groda hagled‘ statt – nur Corona zwang zur Pause. Wie viel Glaube und wie viel Tradition und Folklore steckt in diesem historischen Ereignis? 

 Es ist wohl die althergebrachte Gläubigkeit, die tief in uns steckt – so wurden wir erzogen – so sind wir aufgewachsen. Könnte gut sein, dass sich gerade in diesen Zeiten die Menschen wieder auf diese alten Tugenden besinnen. Natürlich können die Oberschwaben neben der Gläubigkeit auch feiern. In den Übernachtungsquartieren wird bei gutem Essen das ein oder andere Bier getrunken, wie auch in Weingartens Gassen nach der Reiterprozession an den vielen Verköstigungsständen und in den Gasthäusern. Die alte Glaubenstradition ist ein ‚Fest des Glaubens‘ – ond so kehrt Fäschda oifach drzua.

 

Der Bluttritt, die Prozession, war eine reine Männerveranstaltung – bis ins letzte Jahr. Frauen haben gegen viele Widerstände sich die Teilnahme erstritten. Fluch oder Segen?

Es ist hunderte Jahre eine Männerprozession gewesen. Die Rahmenbedingungen haben sich immer wieder geändert – Anpassungen waren gefragt. Und so ist es wohl auch in der heutigen Zeit, in der es immer weniger Blutreiter gibt, angebracht, über Veränderungen nachzudenken. Es bleibt den Blutreitergruppen überlassen, Frauen mitreiten zu lassen. So mancher traditionelle Blutreiter, so hört man, vermutet dann weniger Andacht und mehr ‚Geschnatter‘ während der Prozession.

 

Ihr persönliches Fazit ist Ihr Buch mit 520 Seiten und wie vielen Fotos?

Die besten 980 Fotos aus rund 30.000 Aufnahmen, umrahmt von meinen Eindrücken und Erzählungen der Blutreiter, vermitteln die faszinierende Atmosphäre beim Blutritt am Blutfreitag in Weingarten. 

 

Autor: Roland Reck

Fotos: Dieter Ege

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