BLIX Banner1

Ummendorf/Steinhausen - Was tun, wenn das Berufsleben zu Ende geht? Diese Frage stellt sich nicht nur BürgermeisterInnen, aber denen in besonderem Maße. Denn der Job als Gemeindehäuptling fordert an sieben Tagen in der Woche und lässt wenig Zeit für Privates, Freizeit und Hobbys. Es ist ein Rund-um-die-Uhr-Job und danach kommt die große Lücke oder gar das Loch. Was also tun, wenn der Terminkalender plötzlich leer ist? Für Klaus Reichert stellt sich diese Frage nicht.

Nach drei Amtsperioden oder 24 Jahren als Bürgermeister von Ummendorf verlässt der 58-Jährige im Mai das frisch renovierte Rathaus gegenüber der Kirche, um am 1. September eine Lehre zum Koch zu beginnen. Er habe Abitur, schmunzelt der Bürgermeister, der den neugierigen Besucher um 7 Uhr morgens ins Rathaus bestellt hat, deshalb seien es nur zweieinhalb statt drei Jahre, die er ab Herbst in der Küche in der Linde in Steinhausen, gegenüber der „schönsten Dorfkirche der Welt“, zubringen wird. Von Ummendorf nach Steinhausen ist es nur ein Katzensprung, wenn der Radweg entlang der L284 vorhanden wäre, könnte der Lehrling mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen. Denn faul ist er nicht, dafür aber gesundheitsbewusst.
„Hund beißt Postbote“, ist keine Nachricht, weil nichts Besonderes, „Postbote beißt Hund!“ hingegen, ist eine fette Schlagzeile. Das lernt man als kleines Einmaleins im Journalismus. Ein Bürgermeister, der am heimischen Herd seine späte Liebe zum Kochen entdeckt und sie als Rentner zum Verdruss seiner Gattin pflegt, gehört eher zur ersten Kategorie; ein Schultes, der den Vorsitz im Gemeinderat abgibt und seine Krawatte in die Ecke schmeißt, um als Stift in einer Gastroküche zu überleben, gehört eindeutig in die Schlagzeilenkategorie. Deshalb um 7 Uhr im Rathaus.
Den Ausbildungsvertrag hatte er bereits in der Tasche, als er im Gemeinderat bekannt gab, dass er zur nächsten Wahl in diesem Jahr nicht mehr antritt, erzählt Reichert. Drei Amtsperioden reichten, der Wechsel entspreche demokratischen Spielregeln, erklärt der Bürgermeister seine Entscheidung und betont, dass er nicht amtsmüde sei. Aber genug ist genug, das schon. Außerdem gebe es auch noch eine Art zweites Leben. „Ich will noch einmal was ganz Anderes machen und dem Leben noch eine neue Wendung geben“, blickt Reichert erwartungsvoll in die Zukunft.
Bevor der gebürtige Heidenheimer 1998 zum Bürgermeister in Ummendorf gewählt wurde, war er bereits zehn Jahre Hauptamtsleiter in zwei verschiedenen Gemeinden. Es war trotz Musik-Abitur eine klassische Verwaltungslaufbahn, die der groß gewachsene Mann (1,95 m) absolvierte - mit positivem Resümee: „Der Beruf des Bürgermeisters erfordert Gestaltungswillen, Kreativität, aber auch Demut“ einerseits. Andererseits: „Je länger man Bürgermeister ist, desto mehr eckt man an, wenn man nicht Every-bodys-Liebling sein will.“ Und die Zeiten haben sich geändert und damit auch der Job eines Bürgermeisters. „War man früher ein kleiner Provinzfürst“, so sei er heute vorrangig ein Dienstleister, „einer unter vielen“, blickt Reichert zurück.
Alles hat seine Zeit. Und wenn der Vater von zwei erwachsenen Söhnen im Mai aus dem Amt scheidet, wird er wenige Wochen später zum ersten Mal Opa, worauf er sich freut, um dann - wieder ein paar Wochen später - die Kochschürze umzubinden und für 700 Euro Monatslohn im ersten Lehrjahr die Kunst der „Kalten Küche“ zu erlernen. Dahinter verbirgt sich das, was vor und nach dem Hauptgang kommt, also Salate, Vorspeisen und Dessert, erklärt Reicherts zukünftiger Lehrmeister Bernd Heinzelmann, der nicht nur einen halben Kopf kleiner, sondern auch sechs Jahre jünger ist als sein baldiger Azubi. Womit er „gar keine Probleme“ habe, im Gegenteil, behauptet der Küchenchef: „Ich finde es eine coole Sache.“ Und wenn es zutrifft, dann hat sich Topf und Deckel gefunden.
Für Klaus Reichert ist die Kochlehre die Fortbildung vom begeisterten Hobbykoch zum Profi am Herd. Seit 30 Jahren schon tummelt er sich gerne in der Küche, probiert vieles aus, scheut weder mediterrane noch asiatische Küche und deren exotischen Gewürze. Ist Weinkenner und mag Coq au vin oder Lammfleisch in Joghurt, was seine Standards sind, erzählt er, wobei er sich angewöhnt habe, unter der Woche fleischlos zu kochen, und gekocht wird jeden Tag, außer er schaut, was es woanders Leckeres gibt. An seiner Lehrstelle schätzt er das solide Handwerk, das in der Küche der Linde kreativ gepflegt werde, wo das allermeiste - außer Pommes - selber gemacht werde. „Päckchen aufreißen“, gibt’s nicht. Das Urteil traut sich der Jungstift bereits zu, nachdem er bei einem Schnupperpraktikum in die Töpfe schauen durfte.
Dass aus dem Schnuppern bald hitziges Arbeiten wird, bei dem es Hand in Hand gehen muss, wenn in Spitzenzeiten über 230 Essen die Küche verlassen müssen, und zur Kochausbildung auch der Service gehört, die Arbeitszeiten gewöhnungsbedürftig sind, und der Verwaltungsfachmann wie alle Auszubildenden auch die Berufsschule in Tettnang besuchen muss, weiß Reichert selbstverständlich, aber schreckt ihn nicht.
Vielmehr spricht der scheidende Bürgermeister über sein neues Berufsziel von „einer neuen Liebe“, mit der er sich auf den kulinarischen Weg mache, dabei ginge es ihm um „die Wertschätzung des Essens“, und schließlich sei Koch „ein internationaler Beruf“, was den Blick weitet bei der Frage, wohin die (Lebens-)Reise mit dem Gesellenbrief dereinst gehen soll. Der La Gomera-Fan schließt nichts aus und ist voller Vorfreude auf das, was ihn in der Hitze der Küche erwartet. Rathaus ade! Und ob es einst die Lieblingsinsel aller Alt-Freaks, die in grauer Vorzeit Hippies hießen, sein wird, wo der Alt-Bürgermeister seine Kochkünste offeriert oder ob es (nur) seine Enkelkinder sein werden, die sich an Opas Küche laben – egal. Hauptsache, es schmeckt!

 

Text und Foto: Roland Reck

Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben!

­