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Nur 27 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges, der die Welt in großen Teilen zertrümmert und über 50 Millionen Menschen das Leben gekostet hatte, erschien der „Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“ mit dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ und der Forderung, den natürlichen Grenzen unseres Planeten zu entsprechen und statt des wachstumsgetriebenen Ressourcenverbrauchs zu einer nachhaltigen Wirtschaft, zu einem „ökologischen und wirtschaftlichen Gleichgewichtszustand“ zu gelangen – und das schnell! Das war 1972, vor 50 Jahren.

  

Zeitgleich mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine – und damit in dessen Nachrichtenschatten – erschien Ende Februar ein weiterer Bericht. Es handelt sich um eine Bestandsaufnahme des Weltklimarates (IPCC) über die globalen Auswirkungen des Klimawandels. Das Fazit: Die Risiken infolge der Erderwärmung sind größer als bislang angenommen. Und jetzt schon sind rund dreieinhalb Milliarden Menschen, was fast die Hälfte der Weltbevölkerung entspricht, „hoch verwundbar“ und von der Klimakrise unmittelbar betroffen. Und: Das Zeitfenster, um wirksam zu handeln und das Schlimmste zu verhindern, schließt sich.
Derweil führt Russland seit dem 24. Februar Krieg im Nachbarland und droht der Welt mit einem Atomkrieg. Woraufhin Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ankündigt, nicht nur den Rüstungsetat auf über zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts aufzustocken, sondern zusätzlich auch noch 100 Milliarden Euro als Sonderetat für die Bundeswehr bereitzustellen.
Das ist das Szenario, in dem wir uns befinden. Kurz vor Ostern, dem christlichen Fest der Auferstehung, das trotz allen Bangens Hoffnung verspricht.
Vor 50 Jahren war die Welt ebenfalls in großer Aufregung. Die USA waren nach sieben Jahren Krieg in Vietnam am Ende. In der Oster-Offensive im Mai 1972 warfen sie noch einmal 112.000 Tonnen Bomben über Nordvietnam ab. Es half alles nichts. Trotzdem, dass die USA vor (fast) nichts zurückgeschreckt waren in diesem Krieg. Im Dschungel Vietnams führten sie mit dem Umweltgift Agent Orange den ersten chemischen Krieg nach den unfassbaren Leiden im 1. Weltkrieg, und als „Madman“ drohte Präsident Nixon sogar mit dem Einsatz der Atombombe.

Das kommt einem aus aktuellem Anlass bekannt vor. Die Madman-Theorie stützt sich auf die Unberechenbarkeit als Handlungsfaktor und soll den Kriegsgegner in Angst und Schrecken versetzen und zu Zugeständnissen bewegen. Das hat Madman-Putin bisher nicht erreicht: der ukrainische Präsident würde den Atomkrieg billigend in Kauf nehmen, während dem die Welt den Atem anhält.
Vor 50 Jahren war die Welt also in ähnlicher Aufregung. Damals waren es die 68er, die weltweit eine spürbare Veränderung bewirkten, heute sind es die Fridays for Future-SchülerInnen und die „Letzte Generation“ und mehr und mehr Stimmen aus der Wissenschaft, die eine radikale Änderung fordern: Schluss mit dem Wahn vom ewigen Wachstum – unser Planet ist endlich!
Das ist letztlich der Kern des Protestes, der in den „Grenzen des Wachstums“ seinen wissenschaftlichen Ausgangspunkt hat und schon bei Erscheinen im Frühjahr 1972 heftig kritisiert wurde – auch von Wissenschaftlern, insbesondere Wirtschaftswissenschaftlern, die ähnlich den Politikern dem systemischen Status quo besonders zugetan sind.
Das tat dem Erfolg des Buches keinen Abbruch, es wurde weltweit millionenfach gekauft. Und ohne diesen wissenschaftlichen Anfang mit Lücken und Fehlern gäbe es heute keinen so elaborierten Weltklimarat, der die Fortsetzungen mit sehr viel größerer Präzision schreibt. Siehe oben.

Die Fragen sind: Welche Schlussfolgerungen und Konsequenzen ziehen wir aus der Tatsache, dass wir seit mindestens 50 Jahren die Probleme kennen, Lösungsvorschläge inklusive und trotzdem vor dem Klimakollaps stehen? Und was tun im Dilemma zwischen Krieg und Klimakrise?
BLIX fand Menschen, die dazu was zu sagen haben.

 

 

Agnieszka Brugger
Die Grünen, MdB, Ravensburg

AgnieszkaBrugger Anne Hufnagl

Historische Maßnahmen

„Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass wir die Megaherausforderungen unserer Zeit weltweit nur meistern können, wenn wir gemeinsam agieren. Die Corona-Pandemie wird erst beendet, wenn Menschen überall auf der Welt Zugang zu Impfstoffen haben. Die Bekämpfung der Klimakrise ist die große Menschheitsherausforderung. Nur wenn wir national entschlossen handeln und gleichzeitig internationale Bündnisse für Klimaschutz schmieden, werden wir erfolgreich sein. Die letzten Wochen haben schmerzlich gezeigt, dass wir noch lange nicht in einer Welt leben, in der internationale Zusammenarbeit eine Selbstverständlichkeit ist. Mit seinem Angriffskrieg auf die Ukraine greift Wladimir Putin auch das internationale Recht und unsere gemeinsamen Regeln fundamental an. Es ist richtig, dass die Weltgemeinschaft darauf sehr hart und entschlossen antwortet. Mit historischen Sanktionen und großer Solidarität mit den Menschen in der Ukraine. Wenn Autokraten wie Wladimir Putin internationale Regeln verletzen und unsere Werte verachten, braucht es umso mehr starke Bündnisse, die sich einer solchen menschenverachtenden Politik entgegen stellen und zeigen, was internationale Kooperation erreichen kann. 
Gleichzeitig macht gerade dieser Konflikt deutlich, dass eine konsequente Energiewende nicht nur klimapolitisch absolut notwendig, sondern auch ein sicherheitspolitisches Muss ist. Denn unsere energiepolitische Abhängigkeit von Russland macht uns auch außenpolitisch verwundbar. Es ist deshalb richtig, dass die Bundesregierung in den kommenden vier Jahren nicht nur 200 Milliarden Euro in Energiewende, Energieeffizienz und Energiesouveränität investieren will, sondern noch vor Ostern ein historisches Maßnahmenpaket in den Bundestag einbringen will. Wir werden jetzt noch schneller und entschlossener handeln, nicht nur, weil die Situation auf unserem Kontinent eine sehr andere ist, sondern auch weil die vergangenen Bundesregierungen so lange Klimaschutz ausgebremst und verschleppt hat.“ 

 

Benjamin Strasser
FDP, MdB, Ravensburg

Benjamin Strasser Foto Tanja Ruetz

Ambitionierte Ziele

Der Angriffskrieg Wladimir Putins auf die Ukraine und unsere Werte einer offenen, freien und demokratischen Gesellschaft erfordert ein gemeinsames und konsequentes Zusammenstehen Europas und des Westens. Das haben wir nicht nur in den letzten Wochen deutlich gemacht, sondern das werden wir auch in den kommenden Wochen und Monaten tun. Dabei setzen wir auf Unterstützung der Ukraine, Sanktionen gegen Russland und Diplomatie für eine friedliche Lösung.
Den Geist des Zusammenwirkens, den der Westen nun neu entdeckt hat, wollen und können wir auch für den gemeinsamen Einsatz gegen die Klimakrise nutzen. Die Ampel-Koalition hat sich sehr ambitionierte Ziele gesetzt und will auch international über die Klima-Außenpolitik vorankommen. Das wird aber nur gelingen, wenn wir Wachstum nicht staatlich begrenzen, sondern auf Markt und Wachstum setzen. Denn sie können am besten mit der Verteilung knapper Güter umgehen und sind der Motor für Innovationen, die letztendlich die Lebensgrundlagen der Menschen sichern. Sie schaffen nicht immer mehr vom Gleichen, sondern bringen Neues und Besseres hervor. Wir müssen es dabei darauf anlegen, Wachstum und CO2-Ausstoß zu entkoppeln. Das geht nur mit technologischer Innovation, wie zum Beispiel dem grünen Wasserstoff, mit der wir den Klimawandel effizient bekämpfen und gleichzeitig unseren Wohlstand sichern können.

 

Charlie Kiehne / Samuel Bosch
BaumbesetzerIn Altdorfer Wald

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Den Krieg mit Waffen erschießen

Warum hofft man schon beinahe darauf, dass Menschen bei Unwettern ums Leben kommen, damit die Politik endlich die Dringlichkeit der Klimakatastrophe begreift?
Die Politiker*innen können erst dann Vorteile für sich daraus ziehen, wenn es zur spürbaren Katastrophe kommt, da sie sich dann als Krisenmanager*innen darstellen können. Vorher müssten sie die Überbringer*innen von schlechten Nachrichten sein, und das will niemand. 
Das Problem liegt nicht nur bei den kleinen Leuten, die ein paar Mal mit dem Auto zum Einkaufen gefahren sind, sondern vor allem in den Systemen, die uns umgeben, zum Beispiel die weiterhin vorherrschende Illusion von unendlichem Wachstum. Das aber ist eine unbequeme Wahrheit und deshalb wird lieber mit anderen Themen und Problemen abgelenkt.Der Krieg ist dafür ein perfektes Beispiel: Plötzlich gibt es eine greifbare Gefahr, auf die Politiker*innen eingehen und dafür auch viel Rückhalt erwarten können. Dabei werden viele weitere Krisen und auch die Zusammenhänge unter den Teppich gekehrt, darauf fehlen nämlich die einfachen Antworten. 
Denn wenn wir den Krieg ablehnen, müssen wir auch die damit zusammenhängenden Themen beleuchten und nicht einfach 100 Milliarden Euro investieren, um den Krieg mit Waffen zu „erschießen“, sondern müssen die Kriegsursachen aus dem Weg räumen und damit auch fossile Energien. Krieg und Klima spielen sich nicht gegenseitig aus, sondern hängen unmittelbar miteinander zusammen.

 

Walter Göppel
Geschäftsführer Energie–agentur Ravensburg gGmbH

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Wir alle müssen handeln

Der Weltklimarat (IPCC) veröffentlichte Ende Februar 2022 einen Bericht zur Klimakatastrophe: Die Umweltzerstörung schreitet voran – der Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen verringert sich. Im Jahr 2015 einigten sich 196 Staaten im Pariser Klimaabkommen darauf, die globale Erwärmung zu stoppen. Bis zum Jahr 2050 darf die Temperatur auf der Erde nicht um 1,5 Grad steigen. Mit welchen Maßnahmen zu dem gemeinsamen Ziel beigetragen wird, blieb den einzelnen Staaten selbst überlassen.
Deutschland hat einen jährlichen Kohlendioxidausstoß (CO2) von rund 800 Millionen (Mio.) Tonnen. Dies entspricht einem CO2-Ausstoß von knapp 12 Tonnen pro Einwohner. Anschaulich wird das Ganze anhand des noch weltweiten verfügbaren CO2-Budgets. Umgerechnet für Deutschland, können wir Menschen ab dem Jahr 2020 nur noch ungefähr 6,7 Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen, um die globale Erwärmung bei über 1,5 Grad bzw. 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu verhindern. Wenn wir so weiterleben, würde das bedeuten, dass in acht Jahren in Deutschland kein CO2 mehr ausgestoßen werden dürfte.
Die Bundesregierung hat letztes Jahr die Klimaneutralität mit politischen Weichenstellungen bis spätestens 2045 in Deutschland beschlossen. Um die Klimaerwärmung mit ihren katastrophalen Folgen auch in unserer Region einzudämmen, müssen wir alle handeln.
Auch der Ukrainekrieg zeigt, dass wir dringend und schnell in unabhängige und erneuerbare Energien sowie in Energieeffizienzmaßnahmen investieren müssen. Leider stellen wir von der unabhängigen Energieagentur immer wieder fest, dass es sich – wie bei vielen Themen – um ein gesellschaftliches Problem handelt. Verbraucher sind oft nicht bereit, mehr Geld für erneuerbare Energien und Techniken auszugeben. Dabei kann jeder etwas gegen die drohende Klimaerwärmung und für seinen eigenen Geldbeutel tun. Beispielsweise durch Einkauf von Ökostrom aus neuen Erzeugungsanlagen, Eigenstromerzeugung mit Photovoltaik oder Umstellung der Heizungsanlage auf erneuerbare Energien und Techniken (Wärmepumpe bei niedrigen Heizungssystemtemperaturen, Pellet, …). Auch die Anpassung der Heizungskurve und Absenkung der Raumtemperaturen (schon ein Grad weniger führt zu einer Brennstoffkostenersparnis von 4 bis 6 Prozent) oder energiesparendes Autofahren helfen. All das kann den Geldbeutel um bis zu 25 Prozent entlasten.
Selbstverständlich sollte auch auf Flugreisen verzichtet werden. Leider sind bisher immer noch zu wenig Menschen bereit, Flugreisen einzuschränken um sich wirklich umweltbewusst und nachhaltig zu verhalten. Solange nicht alle an einem Strang ziehen, solange wird es mehr als schwierig, die 1,5 Grad oder 2 Grad einzuhalten – mit verheerenden Folgen.
Um klimaneutral zu werden und eine unabhängige sowie sichere Energieversorgung sicherzustellen, benötigen wir dringend den weiteren und schnellen Ausbau der erneuerbaren Strom- und Wärmeerzeugung, auch hier in der Region. Heimatenergiearten haben wir mit Sonne, Wind, Umgebungswärme (aus Erdreich, Wasser und Luft) und Biomasse – wir müssen Sie nur nutzen und auch Anlagen „vor der Haustüre“ zulassen.

  

OB Alexander Baumann
Ehingen

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Die Attraktivität ausbauen

Die Auswirkungen des globalen Klimawandels stellen auch Städte und Gemeinden vor vielfältige Herausforderungen. In Ehingen versuchen wir diesen Herausforderungen auf lokaler Ebene zu begegnen und Lösungsvorschläge für eine nachhaltige Zukunft zu erarbeiten und Maßnahmen umzusetzen. Seit dem Jahr 2012 kümmern wir uns als Stadt zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern und externen Partnern im Projekt „Nachhaltige Stadt - Wirtschaftsstandort Ehingen“ um diese Themen. Mit dem Projekt wollen wir die Zukunft Ehingens erfolgreich und nachhaltig mit den Akteuren vor Ort gestalten und damit die Attraktivität des Standortes für die Menschen und Unternehmen erhalten und ausbauen.
Dafür hat sich die Stadt Ehingen ein Klimaschutzkonzept auferlegt. Die zwei Hauptziele des Konzeptes sind die Reduzierung des Energieverbrauchs und die Einsparung von Kohlenstoffdioxid. Von diesen Zielen werden wir uns nicht abbringen lassen.
Die Aufgaben, die der Krieg in der Ukraine uns stellt, müssen zusätzlich bewältigt werden. Nachhaltigkeitsziele dürfen nicht gegen berechtigte Sicherheitsinteressen ausgespielt werden. Neue Konflikte und Gewalt wären die Folge daraus. Auch der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU) warnt vor dem steigenden Sicherheitsrisiko, das dem Klimawandel innewohnt. Wenn wir dem Klimawandel nicht entschlossen begegnen, stehen uns zusätzlich klimabedingte Konflikte bevor. 

 

Prof. Wolfgang Ertel
Scientist for Future, Ravensburg

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Es gibt eine Lösung

Wie die meisten Menschen habe auch ich manchmal den Gedanken, der Ukraine Waffen zu liefern, um den Krieg vielleicht gewinnen zu können. Das ist falsch. Auch das Aufstocken des deutschen Rüstungsetats ist nicht die Lösung. Dieser Krieg wird vielen Tausenden Menschen in der Ukraine und russischen Soldaten das Leben kosten, egal wer ihn „gewinnt“. Was also tun?
Als Erstes hätte die Ukraine und ihr Präsident sofort kapitulieren sollen. Dann hätte es keine Toten gegeben. Gleichzeitig hätte Deutschland und die ganze westliche Welt Russland mit aller Härte sanktionieren sollen. Das ist jetzt immer noch möglich und nötig. Unsere Stärke ist die Wirtschaftskraft. Unter anderem müssen wir sofort alle Gas-, Öl- und Kohleimporte aus Russland stoppen und allen Handel mit Russland beenden. Unsere Regierung hat jedoch Angst, dass dann eventuell die Gasvorräte knapp werden und das Volk die Maßnahmen nicht mitträgt. In der Demokratie ist es daher die Aufgabe von uns Bürgern, der Regierung den Rücken zu stärken. Wir alle müssen jetzt sofort mit aller Kraft und Kreativität fossile Energie sparen. Wenn wir das tun, dann kann die Regierung sofort die russischen Gasleitungen abdrehen, denn wir brauchen das russische Gas nicht mehr. Pro Tag verliert der Diktator Putin dadurch etwa eine Milliarde Euro und er wird den Krieg früher beenden. Und wenn die Sanktionen dauerhaft bestehen bleiben, wird die russische Bevölkerung früher oder später ihren Diktator stürzen. Und sein Nachfolger wird zusammen mit der EU die Ukraine befreien. Was heißt das konkret? Wir alle sollten sofort:
• Die Heizungen in unseren Wohnungen ein wenig zurückfahren und einen warmen Pullover anziehen. Auch bei 18 oder 19 Grad können wir noch gut leben. Auch sollten wir nur die Zimmer heizen, die wir wirklich nutzen.
• Die Zeit, die wir unter der heißen Dusche stehen, deutlich reduzieren. Also: seltener und kürzer duschen. 
• Als Berufs- oder Schul-Pendler sollten wir sofort Fahrgemeinschaften bilden. Gerade bei den aktuellen Benzinpreisen ist das die Lösung. Dazu gibt es einfache kostenlose Smartphone-Apps wie zum Beispiel https://www.pendlerportal.de 
• Fahrrad oder ÖPNV statt Auto nutzen, wann immer möglich. 
• Strom sparen im Haushalt und bei der Arbeit. Alles was mit Heizen und Wärme zu tun hat, spart am meisten Strom. 
• Den Konsum auf das Nötigste reduzieren und nur regional einkaufen.
Wenn wir das tun, dann retten wir viele Menschenleben in der Ukraine. Und wir retten Leben auf der ganzen Welt, denn wir schützen das Klima und damit die Zukunft unserer Kinder. Es gibt also EINE Lösung für die Klimakrise und für die Rettung der Ukraine. 

 

Roland Roth
Wetterwarte Süd 

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Jede/r Einzelne ist gefordert

Neben dem Energiesektor, unserer Lebensweise und dem allgemeinen Konsumverhalten, der Art der Landbewirtschaftung und unserer Ernährung sind der Verkehr und unser Mobilitätsverhalten die entscheidenden Stellschrauben im Kampf gegen die Klimaveränderung. 
Eine grundlegende Änderung der Verkehrspolitik ist jedoch nicht zu erkennen. Noch nie war die Motorisierungsrate in Baden-Württemberg so hoch wie jetzt, nie zuvor waren so viele PS-starke, protzige Boliden auf unseren Straßen unterwegs. Und wir sind eines der ganz wenigen Länder, in denen es immer noch kein generelles Tempolimit auf Autobahnen gibt. Das haben die CSU-Verkehrsminister und die Automobil-Lobbyisten stets erfolgreich zu verhindern gewusst. Nun, nach dem Regierungswechsel, wurde dieses für den Umweltschutz äußerst wichtige Ressort in den Zuständigkeitsbereich der FDP übertragen und die Grünen und die SPD knicken ein.
Ganz klar, jede(r) Einzelne von uns ist gefordert! So werden viele der PKW-Fahrten im Nahbereich, beim innerstädtischen Verkehr ohnehin, aus Gedankenlosigkeit oder reiner Bequemlichkeit unternommen. Doch um eine echte Verkehrswende zu erreichen muss die Politik die Rahmenbedingungen schaffen, angefangen von den Gemeindeparlamenten bis hin zur Bundespolitik. Da wird allerdings meist nur viel heiße Luft produziert, gemäß dem Motto „angedacht, geplant, überarbeitet und verschoben, aber versprochen!“ und beim Ausbau einer Kreisstraße (Lauratal) dann schon auch mal der dringend nötige Radweg einfach „vergessen“. Unsere Nachbarländer, Österreich und die Schweiz, noch weitaus ländlicher geprägt und mit schwierigeren topographischen Verhältnissen, machen es uns vor, wie es gehen könnte.
Bleibt nur zu hoffen, dass durch den Krieg in der Ukraine der Klimaschutz und die dringend nötigen Maßnahmen dafür nicht zu sehr aus dem Blick geraten. Andererseits macht sich vielleicht doch manche(r) durch die exorbitant gestiegenen Spritpreise ernsthafte Gedanken über sein Mobilitätsverhalten. Und dass wir uns durch die verstärkte Nutzung regenerativer Energiequellen von der Abhängigkeit ausländischer Lieferanten lösen können, wird uns allen in dieser Tagen eindrücklich bewusst. Dezentral genutzt, bietet sich damit auch die einmalige Chance, weg von der Abhängigkeit von Großkonzernen, hin zu mehr Selbstbestimmtheit und nachhaltigem Klimaschutz.
Wenn sogar ein Lindner von „Freiheitsenergien“ spricht, dann scheint sich da ein Umdenken einzustellen. 

 

Martin Gerster
SPD, MdB, Biberach

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Willy Brandt hat erkannt

Der aktuelle Bericht des Weltklimarats ist alarmierend. Auch Extremwetterereignisse wie die Hochwasserkatastrophen des letzten Jahres erhöhen die Dringlichkeit eines raschen Umstiegs auf Erneuerbare Energien. Die Energiewende ist deshalb eines der Kernthemen der Ampelkoalition. In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Klimaschutz besonders in den letzten Jahren zurecht vom vermeintlichen Nischenthema zur Zukunftsfrage geworden. Allerdings hat Ex-Kanzler Willy Brandt (SPD) schon 1971 mit dem ersten Umweltprogramm die Leitlinien für unsere heutige Klimaschutzpolitik gelegt. Er hat erkannt, dass der Erhalt der Umwelt zu den existenziellen Fragen der Menschheit gehört. Die aktuelle geopolitische Lage zeigt, wie wichtig die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern und der Ausbau erneuerbarer Energien sind. Der Druck, die Energie-Souveränität Deutschlands herbeizuführen hat sich durch den Angriff Putins auf die Ukraine und unsere Importabhängigkeit von Russland bei Öl, Gas und Kohle erhöht. Der zügige Ausbau der Erneuerbaren Energien ist also auch wichtig für die nationale und europäische Sicherheit. 

 

Annika Maier
BI Risstal, Herrlishöfen 

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Die Erde braucht uns nicht

Aus meiner Sicht liegt das Problem darin, wie wir unsere Maßstäbe und Prioritäten setzen. Denn wie man jetzt auch mit dem Krieg sieht, besteht durchaus die Möglichkeit zu handeln, wenn man die Dringlichkeit hoch genug einstuft, finden sich auch Wege und Mittel. 
Ich frage mich: Wie bedrohlich muss eine Lage werden, bis wir bereit sind anders zu priorisieren? Und bedeutet das, dass wir in der Klimakrise erst handeln werden, wenn wir auch hier noch deutlicher die Auswirkungen am eigenen Leib spüren? 
Am Ende geht es doch um Zufriedenheit und Trägheit, um Begierde, aber auch um Demut. Darum, was ist angebrachtes Wachstum, wie definiere ich Wohlstand und was bin ich bereit dafür zu geben. Natürlich, niemand verzichtet gern. Doch zeigt uns oft erst der Verzicht wieder richtig zu schätzen, was wir haben. Verzicht ist also irgendwo auch ein Gewinn.
Seit Jahrzehnten sprechen wir davon, dass wir das Thema Klima angehen müssen, wenn wir unsere Heimat Erde erhalten wollen. Doch was ist jeder Einzelne bereit dafür zu geben? Und wann?
Die Antwort kann nur sein, dass wir anfangen müssen JETZT freiwillig zu verzichten oder die zwangsläufige Konsequenz wird sein, dass wir eher früher als später keine andere Wahl mehr haben werden. Aber zu welchem Preis dann? Es wird mit der Zeit auch nicht leichter werden, denn es wird immer auch andere dringliche Probleme zu lösen geben. Und wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Die Erde braucht uns nicht, wir sie hingegen schon.

 

Dr. Heiko Schmid
Landrat, Biberach

Landrat Dr. Heiko Schmid 4

Es kann einfach nicht sein

Ich habe in den frühen 80er Jahren studiert, „Grenzen des Wachstums“ gelesen und den Bericht des Club of Rome diskutiert. Neben meinem Studium habe ich in meiner Heimatstadt eine Greenpeace-Gruppe aufgebaut und betreut. Dabei habe ich mich bei unzähligen Aktionen regional und überregional engagiert. Beispielsweise zur Rettung unserer Flüsse und Meere. Wofür ich immer wieder beschimpft und verspottet wurde. Auch an zahlreichen Ostermärschen sowie bei der Menschenkette gegen den Nato-Doppelbeschluss habe ich teilgenommen und mich in Mutlangen vor dem Kasernentor wegtragen lassen. Daneben war ich im ökumenischem Bibelkreis und bei samstäglichen Taizé-Abendgebeten aktiv.
Damit möchte ich zum Ausdruck bringen, dass ich mich früh mit der „einzigartigen Kostbarkeit unserer Mutter Erde“ beschäftigt habe. An meiner Tür prangte in großen Lettern über viele Jahre die später vielleicht etwas abgedroschene Weissagung der Cree: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“
Ich habe versucht das ökologische und „pazifistische“ Gedankengut so gut es ging zu leben und weiterzugeben. Meine Kinder sind da heute noch wesentlich energischer und konsequenter, was zum Beispiel bewusste, regionale, biologische Ernährung anbelangt. Wir haben ein ökologisches Haus aus Holz von heimischen Wäldern gebaut - im Grunde ist es energieautark mit Wärmepumpe, Photovoltaikanlage, Wallbox etc. und sind also ziemlich unabhängig von fossilen Energieträgern – mit einem kleinen Garten, relativ großen Blühflächen, eigenen Zucchini, Tomaten und Kohlrabi …
Ich erfreue mich an kleinen Erfolgen, so ist zum Beispiel die zu meiner Zeit in Konstanz drohende Eutrophierung des Bodensees kein Thema mehr, in der einst von den textilen Abwässern der Bekleidungshersteller verunreinigten, toten, in allen Farben schillernden Bächen der Schwäbischen Alb schwimmen wieder gesunde Fische und Krebse, es gibt hier wieder zahlreiche Störche, Milane, Biber, im Donautal sogar Gemsen und Luchse. Das war zu meiner Kindheit genauso wenig vorstellbar wie der Fall der Mauer.
Und trotzdem ist das alles noch viel zu wenig. Die Klimaerwärmung schreitet unaufhörlich fort mit ungekannten Wetterkapriolen, Stürmen und brutalen Hochwasserereignissen, auch hier bei uns. 
Und die Politik? Vermittelt den Menschen ein „Rundum-sorglos-Gefühl“, und signalisiert, dass sie sich um alle Lebenslagen kümmert. Wer schließt denn da heute beispielsweise noch eine Gebäudeversicherung ab, kümmert sich selbst aktiv um seine Belange? Ja, wir haben Wohnungsmangel und ja, ich lebe mit meiner Familie in einem eigenen Haus (25qm pro Person, in der BRD im Schnitt doppelt so hoch), aber es kann einfach nicht sein, dass bei uns im ländlichen Raum Gemeinden mit dem Paragrafen 13b Baugesetzbuch ohne Abwägung, Ausgleich, Herleitung aus dem Regionalplan und dem Flächennutzungsplan in großem Stil Einfamilienhaussiedlungen ausweisen, welche die Wohnungsknappheit nicht im Ansatz lindern, die Landschaft aber dauerhaft verbrauchen und versiegeln.
Der Krieg in der Ukraine ist Horror pur und führt uns unmittelbar vor unserer Haustüre vor Augen, wie einzelne Despoten durch „Volksverdummung“, heißt außer Kraft setzen sämtlicher demokratischer Regeln, ihre Gesellschaften blenden und so, ohne moralische Verantwortung sogar Angriffs- und Eroberungskriege mit zigtausenden von unschuldigen Opfern in Kauf nehmen. Insofern muss ich meine eigene Grundhaltung revidieren und mich in die politische Kehrtwende eingliedern und ein Stück weit - im Verbund - „aufrüsten“, weil augenscheinlich nur Stärke einer Tyrannei entgegenzuwirken vermag.
Meine große Hoffnung ist, dass dieser furchtbare Krieg bald beendet wird und wir alle Kraft bündeln, um nicht nur eine friedvolle prosperierende Ukraine wieder aufzubauen, sondern um zumindest in Europa den Klimawandel wirklich energisch, vereint und nachhaltig anzugehen. Die Pandemie hat uns gelehrt, dass es eben nicht immer weiter „höher, schneller, mehr“ heißen kann. Jetzt ist die Zeit, zu handeln. Mutig, vorausschauend, ressourcenschonend, generationenübergreifend, ohne Stigmatisierung von Herkunft, Hautfarbe oder Geschlecht.

 

Axel Müller
CDU, MdB, Ravensburg

Axel Mueller Foto Tobias Koch

Das ist wirklich ein Problem

Seit 50 Jahren setzt sich die Bundesrepublik Deutschland auch international aktiv und mit dem gesamten Instrumentenkasten - diplomatisch, humanitär, entwicklungspolitisch und militärisch - dafür ein, kurzfristige Bedrohungen (z.B. Ukraine-Krieg) ebenso wie strukturelle Herausforderungen (z.B. Klimaschutz) zu bewältigen.
Gleichzeitig zeigt der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands unter Führung von Präsident Putin auf die Ukraine, dass nun in der Energiepolitik alle Handlungsoptionen zur sicheren Energieversorgung und zur Reduzierung von einseitigen Abhängigkeiten – insbesondere von Russland – auf den Tisch müssen. Dazu gehört beispielsweise neben der Prüfung unserer AKW-Laufzeiten auch der Kauf von Gas in Katar. Mit einer wertebasierten Außenpolitik, wie die Grünen es vor Wahlen gerne propagieren, ist ein solcher Einkauf sicherlich nicht in Einklang zu bringen. Und trotzdem kritisiere ich ihn nicht. Wir sollten uns hier hüten, verschiedene Krisenszenarien gegeneinander auszuspielen.
Die Uneinigkeit der Ampel ist jedoch gerade bei der Frage einer nachhaltigen Stärkung unserer Bundeswehr offensichtlich und gefährlich genug. Ob der Verteidigungshaushalt dauerhaft erhöht wird und die Bundeswehr mit Blick auf das neue Krisenszenario entsprechend ausgestattet wird, scheint mir mit Blick auf die linken Flügel in SPD und Bündnis90/Die Grünen mehr als fraglich. Und das ist wirklich ein Problem!

 

Autor: Roland Reck

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