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Es ist der Dritte Advent. Die Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung liegt auf dem Tisch. Auf der Titelseite geht es um den Antrittsbesuch von Olaf Scholz beim französischen Präsidenten Emmanuel Macron: „Willkommen in der Weltpolitik“ lautet die Headline. Sechs Seiten weiter findet sich unter „Kurz gemeldet“ eine 16-Zeilen-Meldung mit der Schlagzeile „Flucht vor Kämpfen“.

 

Wer weiß, dass Jaunde die Hauptstadt Kameruns ist und sich für Afrika interessiert, liest vielleicht weiter und erfährt, dass im Norden des Landes 30.000 Menschen in das Nachbarland Tschad geflüchtet sind. 80 Prozent der Geflüchteten seien Frauen und Kinder, teilte das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR mit, heißt es in der Agenturmeldung. Es seien zehn Dörfer niedergebrannt worden. Der Grund: „zwischen Hirten, Fischern und Bauern“ seien Kämpfe „um schwindende Wasserressourcen ausgebrochen“, schließt der Kurzbericht.
Vergessen wir’s: Kamerun, die einstige deutsche Kolonie in Zentralafrika, gilt bisher nicht als Krisenherd. Aber das galt bis vor einigen Jahren auch für Mali, wo inzwischen seit 2015 die Bundeswehr im Rahmen einer UN-Mission tätig ist. Mit über tausend Soldaten ist es inzwischen der größte und gefährlichste Auslandseinsatz der Bundeswehr. Es geht um Stabilisierung und Verhinderung, dass durch Terror und einen „failed state“ die entwurzelten Menschen sich auf den Weg nach Europa machen. Der Weg bis zum Mittelmeer ist nicht weit, aber er führt durch die Sahara und endet für viele tödlich.
Mali ist wie sein Nachbarland Burkina Faso im Süden Teil der Sahelzone, jener von Dürre bedrohten Klimazone, in der seit Jahrzehnten die natürlichen Ressourcen schwinden und jeder Brunnen über Leben und Tod entscheiden kann. Burkina Faso ist ein armes Land, aber das „Land der Aufrichtigen“ war trotz seiner vielen verschiedenen Volksgruppen ein relativ friedvolles Land, in dem selbst die gelegentlichen Militärputsche meist kein Blutbad anrichteten. Erwin Wiest kennt sich in dem westafrikanischen Land bestens aus. Es ist das Land, in dem er und der Förderverein Piela-Bilanga e. V. Ochsenhausen seit 40 Jahren sich tatkräftig engagieren. „In dieser Zeit wurden über dreißig Schulen, fünfzig Brunnen und unzählige sonstige Maßnahmen finanziert“, berichtet der Vorsitzende. Aber die Erfolge dieser beispielhaften Hilfe sind gefährdet. „Die Region im Osten des Landes wird zunehmend durch Attacken von bewaffneten Banden bedroht“, erklärt Wiest. „Die Bevölkerung hat Angst“, die Schulen in den abgelegenen Dörfern seien verlassen, „es gibt viele Binnenflüchtlinge“ insbesondere aus dem Grenzgebiet zu Mali, schildert der Afrika-Experte die Situation. „Zudem war in diesem Jahr die Ernte schlecht“, eine Hungersnot drohe.
Die Nachricht klingt nicht wirklich neu und es weihnachtet sehr. Also eine Spende – was will man mehr tun? Aber da steht dieser junge Mann im Büro mit zwei Rucksäcken, einen auf dem Rücken und einen vor der Brust. Die schwarze Maske verdeckt sein schmales Gesicht. Er ist auf der Durchreise. Henning Jeschke hielt am Abend zuvor einen Vortrag in der Volkshochschule in Ravensburg und übernachtete in Aulendorf, sein Thema: „Aufstand der Letzten Generation“.
Der 21-Jährige ist bekannt, sofern man sich für den Hungerstreik interessierte, den er und sechs weitere MitstreiterInnen vor der Bundestagswahl und vor dem Reichstag am 30. August begonnen hatten und 28 Tage fortsetzten. Die jungen Erwachsenen wollten mit diesem drastischen Mittel ein Treffen mit den drei KanzlerkandidatInnen durchsetzen und verlangten, nach der Wahl die sofortige Einsetzung eines „Bürger*innenrats“, in dem sollten „Sofortmaßnahmen gegen die Klimakrise, unter anderem eine 100-prozentige regenerative Landwirtschaft, besprochen werden“.
Der Ton der „Letzten Generation“ hat sich im Vergleich zu Äußerungen von Fridays for Future deutlich verschärft, die Elterngeneration wird als Tätergeneration angeklagt: „Der Generationenvertrag ist gebrochen. Die Verantwortlichen lassen uns im Stich. Sie bringen uns um. Sie geben dem Tod die Hand, anstatt die geliehene Erde an ihre Kinder zu vererben“, lautete das zentrale Statement zur Aktion. Die „Letzte Generation“ versteht sich als radikale, aber gewaltfreie Gruppe und sieht sich als unmittelbar Betroffene in der Pflicht zu handeln, um den Klimakollaps zu verhindern. Sie seien die „Letzte Generation“, die das noch könne. Um gegen den „Mord“, so der Vorwurf, an ihrer Generation zu protestieren, setzten sie ihr Leben aufs Spiel.
Nach 28 Tagen und einigen Krankenhauseinweisungen brachen sechs der Hungernden ihren Streik ab – ohne dass es zu dem geforderten Gespräch gekommen wäre. Und Olaf Scholz (SPD) hatte inzwischen die Wahl gewonnen. Henning Jeschke und seine verbliebene Mitstreiterin Lea Bonasera gingen einen dramatischen Schritt weiter, nach vier Wochen hungern, verweigerten sie auch zu trinken. Sie gingen in den „trockenen Hungerstreik“, was in ihrem geschwächten Zustand unmittelbare Lebensgefahr bedeutete und brachen ab, als der zukünftige Bundeskanzler ihnen ein öffentliches Gespräch zusicherte. Mit einem Puls von 30 wurde der gebürtige Greifswalder ins Krankenhaus eingeliefert. Das Gespräch fand nach seiner Genesung statt, das immerhin können die beiden Aktivisten als Punktsieg verbuchen, doch die Jungen konnten den Alten auf dem Sprung ins Kanzleramt nicht dazu bewegen, den „Klimanotstand“ auszurufen. Das einstündige Zusammentreffen am 12. November endete, so könnte man es kurzfassen: im gegenseitigen Unverständnis. https://youtu.be/jFS8SXEdq6k

 

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Henning Jeschke (Mitte) und Lea Bonasera (rechts) äußern sich enttäuscht nach der Diskussion mit Olaf Scholz, zu der die Friedrich-Ebert-Stiftung eingeladen hatte. Foto: Stefan Müller

 

Jetzt, Wochen später, tourt der Politikstudent als Aktionist der „Letzten Generation“ durch die Republik, um zu erklären, warum er und seine Generation nicht mehr länger auf effektiven Klimaschutz warten kann, sondern zum „Aufstand“ aufrufen, so auch in Ravensburg. Ulla Köberle-Lang hat Hennig Jeschke eingeladen. Die Mutter von zwei heranwachsenden Söhnen wohnt in Oberankenreute, einem kleinen Ort am Rand vom Altdorfer Wald, wo darum gestritten wird, ob der Wald wichtiger ist als der Kiesabbau, und die 53-Jährige sich im Widerstand gegen die drohende Rodungen mit den Baumbesetzern solidarisiert. Die gelernte Physiotherapeutin distanziert sich vom Wachstumstrip, den sie im jüngst verabschiedeten Regionalplan kritisiert. Sie engagiert sich vor ihrer Haustür, sieht das Problem aber global. Denn im Unterschied zu den Hungerstreikenden, die ihre Qual beenden könnten, verhungerten die Menschen im Süden tatsächlich und massenhaft wegen der Klimakrise, die „wir im Norden“ ihnen eingebrockt hätten, zum Beispiel auf Madagaskar.
Es ist der Hunger, der auch die Aktivisten umtreibt, die die wissenschaftlichen Befunde zur Klimakrise zitieren können und auf die Folgen verweisen, wonach es bei steigenden Temperaturen weltweit zu Umweltkatastrophen, Hunger und Flüchtlingsströmen kommen wird. Und auch wir in den bisher satten Ländern, würden das massiv zu spüren bekommen, Hunger wäre dann auch unser Thema, warnen die Aktivisten, auch wenn aktuell die Lebensmittelverschwendung das offensichtlichere Problem darstelle, wogegen sie konkrete Maßnahmen fordern und zwar ultimativ. Noch vor Jahresende sollte Kanzler Scholz ein bereits formuliertes Gesetzesvorhaben auf den Weg bringen, das Lebensmittelverschwendung verhindern soll. Ein solches Gesetz gäbe es schon in Frankreich, sei also machbar und klimapolitisch wirksam. Denn laut WWF würden jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittel in Deutschland vernichtet, argumentieren die Aktivisten und verweisen auf Befunde, wonach der CO2-Fußabdruck des Lebensmittelmülls in der EU so groß sei wie der CO2-Fußabdruck der Niederlande. „Die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, ist damit sowohl aus ökologischer als auch aus ethischer und ökonomischer Sicht dringend geboten“, lautet ihre Schlussfolgerung. Und weiter heißt es: „Wir fordern, dass die neue Bundesregierung innerhalb der ersten 100 Tage gesetzliche Maßnahmen für eine echte Agrarwende bis 2030 festlegt.“ Sollte dies nicht geschehen, dann droht die „Letzte Generation“ mit Aktionen, die „massiv stören“ zum Beispiel mit Autobahnblockaden. „Dafür gehe ich auch ins Gefängnis“, kündigte Lea Bonasera im Disput mit Olaf Scholz an. Die 24-Jährige weiß, wovon sie spricht, sie promoviert zum Thema „Ziviler Ungehorsam in der Demokratie“.
Scholz ließ sich vor der Kamera nicht aus der Reserve locken, er blieb „teflonmäßig“, erklärt Henning Jeschke, bei seiner Stippvisite in Aulendorf. Scholz zeigte sich in gewohnter Manier nahezu emotionslos und damit den beiden Aktivisten die kalte Schulter, die harte Wochen hinter sich hatten. Es war wieder einmal die Wissenschaft, die den Klimaaktivisten beisprang.

Hans Joachim Schellnhuber (71) gehört zu den weltweit renommiertesten Klimaexperten. Der promovierte Physiker war bis September 2018 Direktor des 1992 von ihm gegründeten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), das unter seiner Leitung zu einem der weltweit angesehensten Institute im Bereich der Klimaforschung wurde. Er führte vor über 20 Jahren die so genannten Kipppunkte in die Klimadiskussion ein. Von 2009 bis 2016 war er Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Er ist langjähriges Mitglied des Weltklimarats (IPCC) und schrieb an die Hungerstreikenden: emphatisch, sachlich, kritisch.

Offener Brief Hans Joachim Schellnhuber

 

Kommentar von Dr. Roland Reck,
Chefredakteur BLIX Magazin

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
so wenig Neues war selten. Das neue Jahr beginnt, wie das alte angefangen und geendet hat. Nämlich mit dem Virus, das uns nach wie vor beherrscht. Dass dem so ist bzw. ein weiteres Jahr so sein wird, das wollte man sich beim Jahreswechsel 20/21 nicht vorstellen. Aber langsam dämmert uns, dass diese Realität unser Leben auch weiterhin mit bestimmen wird. Und nach dem „Boostern“ ist vor dem „Boostern“ oder wie man es auch nennen mag. Das ist zermürbend, schafft Aggressionen und offenbart eine „gespaltene Gesellschaft“.
An der Stelle sollten wir einen Schritt zurück tun, um uns zu vergegenwärtigen, worum es geht. Es geht um eine fundamentale Krise, die jeden Einzelnen existenziell betreffen kann und unser Gemeinwesen extrem strapaziert, es geht um die Frage, wie wir darauf reagieren und wie wir damit umgehen. Da wäre es doch mehr als erstaunlich, wenn in einer „freien“ Gesellschaft nicht über unterschiedliche Vorstellungen gestritten würde und zwar heftig. Das müssen wir nicht nur ertragen, sondern sollten uns daran beteiligen, denn nur so schaffen wir Klärung. Es klingt anstrengend und ist es auch, was Helmut Schmidt, dieser visionslose Ex-Kanzler, einst zum Besten gab: „Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine.“
Und dazu gehören leider auch „Stellvertreterkriege“, die die eigenen Motive im Streit nicht erkennen lassen oder sie sogar kaschieren. Das schafft zusätzlichen Frust, Resignation oder Aggression. Womit wir aber auf jeden Fall zu tun haben, ist „das Dilemma unserer Freiheit“, die wir wie Monstranz vor uns hertragen und für absolut erklären, obwohl sie das nie sein kann. Der Imperativ, wonach „die Freiheit des Einzelnen dort endet, wo die Freiheit des Anderen beginnt“, wird zwar häufig bemüht, aber nach der Festtagsrede wieder ad acta gelegt. Dieser schizophrene Umgang mit der Freiheit hat uns dorthin geführt, wo wir stehen: vor dem Klimakollaps. Denn wir wirtschaften global, frei und ausbeuterisch.
Das weiß „die letzte Generation“ und wirft es ihrer Elterngeneration vor: „Sie bringen uns um!“ (Seite 11) Es sind bisher wenige, die sich so drastisch artikulieren und radikal agieren, indem sie in den Hungerstreik treten, weil sie sich als diejenigen sehen, deren Zukunft von einer unzureichenden Klimapolitik zerstört wird und somit auch „die letzte Generation“ ist, die sich mit aller Entschiedenheit dagegen wehren muss (und wehren kann). Es ist höchst beunruhigend, dass junge Menschen sich gezwungen sehen, selbstzerstörerisch zu handeln, um darauf aufmerksam zu machen. Woraufhin der neue Kanzler Olaf Scholz, Nachfolger des oben zitierten Hanseaten Helmut Schmidt, den Aktivisten in einem Streitgespräch „größenwahnsinnige Selbsteinschätzung“ vorhält. Wogegen der Physiker, weltweit geachtete Klimaexperte und Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) Prof. Hans Joachim Schellnhuber in einem offenen Brief die Sorgen der Hungerstreikenden teilt – „Ich bin selbst in größter Sorge“ -, aber sie dennoch bittet, ihren Streik zu beenden, um ihre Gesundheit und ihr Leben zu schonen, ihnen seine Unterstützung anbietet und mit Blick auf die Klimakrise Scholz & Co. „drei Jahrzehnte weitgehende politische Untätigkeit“ vorhält.
Da mutet es beängstigend an, wenn die frisch gebackene grüne Bundestagsabgeordnete Anja Reinalter aus Laupheim den Klimaschutz als politische Aufgabe noch nicht einmal erwähnt und mit Blick auf das neue Jahr „keine Zäsur, sondern eine Fortsetzung“ sieht.
Um Himmels Willen: Nein!

 

Autor: Roland Reck

 

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