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Neu-Ulm - Es ist das höchste christliche Fest, und am 24. Dezember wird es wieder gefeiert: die Geburt eines Kindes in einem Stall bei Bethlehem. Jesus, der Erlöser, schläft in einer Futterkrippe. Die Geschichte irritiert, ebenso wie die Bilder des Fotografen James Mollison. Er fotografierte rund um den Globus Kinder und ihr Schlafzimmer. Oder eben den Platz, an dem sie schlafen. Zu sehen im Edwin-Scharff-Museum.

 Das nach dem in Neu-Ulm geborenen Edwin Scharff, einem der bedeutendsten deutschen Bildhauer der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, benannten Museum am Petrusplatz ist auch ein Kindermuseum. Die aktuelle Ausstellung „Where children sleep“ richtet sich aber eher an Erwachsene und Jugendliche. Die technisch perfekten mit Film und Mittelformatkamera aufgenommenen Bilder des 1973 in Kenia geborenen britischen Fotografen verstören. Nach dem Rundgang bin ich mir nicht sicher, ob mir die vierzehn Jahre alte Erlen aus Rio, die zum dritten Mal schwanger ist, mehr Leid tut oder die vierjährige Jazzy aus Kentucky, die von ihren Eltern schon zu über hundert Schönheitswettbewerben geschleift worden ist. Ihr Zimmer steht voller Krönchen und Schärpen. Erlen hingegen schläft auf dem Boden der kleinen Hütte in den Slums.
Unfassbar, was manche Kinder, denen der Fotograf begegnete, erdulden: Der Name eines neunjährigen ehemaligen Kindersoldaten aus Liberia etwa wird nicht genannt, um seine Identität zu schützen. Der Waise lebt mit anderen Kindern seiner Schule in einer Betonhütte und mag Fußball. Die siebenjährige Nepalesin Indira arbeitet seit drei Jahren ohne Schutzbrille in einem Steinbruch. Wenn sie groß ist, möchte sie Tänzerin werden.

 

esm 2 James Mollison Kaya Japan be

Die vierjährige Kaya, die verschiedene Perücken besitzt, lebt als Einzelkind in Tokio. Sie und ihre Freundinnen lieben es, Kleider anzuprobieren. Berufswunsch: Comiczeichnerin.

 

Rothay (8) lebt in Kambodscha auf einer riesigen Müllkippe. Morgens bekommt er mit hunderten anderen Kindern ein Frühstück von einer Hilfsorganisation, ehe er sich auf der Suche nach Dosen und Plastikflaschen durch den Müll wühlt, der von Fliegen wimmelt. Der gleichaltrige Harrison aus New Jersey wird von seiner Mutter täglich zu einer Privatschule gefahren. In der Villa mit Wachmännern hat das Einzelkind neben seinem Schlafzimmer ein eigenes Badezimmer und ein separates Spielzimmer.
Die fünfzehnjährige Nantio schläft mit ihren Eltern, zwei Brüdern und zwei Schwestern im Norden Kenias in einem niedrigen Zelt aus Rinderhäuten und Plastik um eine Feuerstelle herum. Sie besuchte ein paar Jahre die Schule, ist jetzt aber für die Ziegen zuständig, hackt Holz und holt Wasser. Bevor sie heiraten kann, wird sie beschnitten werden, wie die Genitalverstümmelung beschönigend genannt wird. Das ist bei vielen Ethnien in Afrika Tradition, auch beim Volk der Rendille.

 

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Irkena (14) lebt mit seiner Mutter in der kenianischen Kaisut-Wüste. Nach der Beschneidung wird er mit anderen jungen Kriegern im Busch auf die Jagd gehen.

 

Sherap (10) teilt sich ein Zimmer mit neunundsiebzig anderen Jungen. Er wird in einem „wunderschönen tibetischen Kloster“, wie Mollison schreibt, in Nepal zum Mönch ausgebildet. Der Junge steht um halb sechs Uhr auf, um sich den Studien zu widmen und geht um 21 Uhr nach einstündigem Mantrasingen wieder ins Bett. Er möchte einmal Lehrer für Kampfkunst werden.
Der neun Jahre alte Tzvika lebt in einer israelischen Siedlung im Westjordanland in einer bewachten Wohnsiedlung unter sechsunddreißigtausend orthodoxen Juden. Der Junge mit den Schläfenlocken wird täglich mit dem Auto zur Schule gebracht, die Fahrt dauert zwei Minuten. Religion ist das wichtigste Fach, gefolgt von Hebräisch und Mathe. Sport steht nicht auf dem Lehrplan. Tzvika will einmal Rabbi werden. Sein Leibgericht ist Schnitzel mit Pommes.
Die Texte des Fotografen klingen distanziert. Offenbar hat er aber einen Zugang gefunden zu den Kindern, in deren Zuhause er fotografieren durfte. Es gelang ihm, eine Beziehung zu den Mädchen und Jungen herzustellen. Vor mehr als 15 Jahren begann er das Projekt, in dem er die Betroffenen mit einem Porträt und einem Bild ihres Schlafplatzes zeigt und zu Wort kommen lässt. Die Ausstellung umfasst nicht alle Personen, die er im gleichnamigen Buch versammelt, erklärt aber mehr über globale Unterschiede und Ungleichheiten als manche großangelegte Studie es vermag. Eindrucksvoll, wie zuversichtlich die Kinder trotz ihrer oft bedrückenden Lebensverhältnisse in die Zukunft schauen, von welchen Berufen sie träumen. Manche amüsieren mit ihren pragmatischen Alternativen. Der achtjährige Justin etwa, der sich im American Football Dress fotografieren lässt, wohnt in New Jersey mit seiner Familie in einem Haus mit vier Schlafzimmern und verbringt zwei Wochen im Jahr auf einer Karibik-Insel. Justin will Bürgermeister von New Jersey werden. Wenn das nicht klappt, wäre er auch zufrieden als Pokerspieler.

 

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Jasmine, „Jazzy“ (4) wohnt mit Eltern und Brüdern in Kentucky, USA. Sie feilt täglich an ihrer Bühnenshow für Schönheitswettbewerbe, an denen sie jedes Wochenende teilnimmt.

 

Gerne wüsste man, was aus all diesen Kindern einmal wird oder was aus ihnen geworden ist. Um mich dabei nicht zu ängstigen, fällt mir das Schlaflied ein: Schlaf‘, Kindlein, schlaf‘! Der Vater hüt‘t die Schaf, die Mutter schüttel‘s
Bäumelein, da fällt herab ein Träumelein. Schlaf‘, Kindlein, schlaf‘!
Ach, würden sich doch viele ihrer Träume erfüllen.
www.edwinscharffmuseum.de

 

Der Mann hinter der Kamera
Der in Kenia geborene britische Fotograf James Mollison wuchs in England auf und lebt heute in Venedig. Er studierte zunächst Kunst und Design an der Brookes University in Oxford, später Film und Fotografie an der Newport School of Art and Design. Er arbeitete bei Benetton und als Redakteur beim Colors Magazine. Sein Projekt „Where Children Sleep“, bei dem er auf allen Kontinenten außer Australien Kinder und ihre Schlafplätze festhielt, mündete 2010 in das gleichnamige Buch. Seitdem hat er weitere Kinder fotografiert für ein Buch, das 2022 erscheinen soll. Als Mollison gebeten worden war, ein Bildkonzept zum Thema Kinderrechte zu entwickeln, erinnerte sich an sein eigenes Kinderzimmer, an das stolze Gefühl ein eigenes Reich zu haben und wie sehr dieses durch seine Interessen und die Kultur, in der er lebte, geprägt war. Schnell wurde ihm auch bewusst, wie privilegiert er im Vergleich zu anderen Kindern war. Seitdem versucht er auf seinen vielen Reisen Kinder zu treffen, ihre Schlaforte abzulichten und sich von ihren Leben erzählen zu lassen. Dabei leitet ihn der Wunsch, eine Begegnung mit den Porträtierten zu ermöglichen und gerade auch bei Kindern das Interesse für die Lebenssituation von Kindern in anderen Kulturen zu wecken.  2015 brachte er ein Buch heraus mit Fotos von Schülerinnen und Schülern, die auf ihrem Schulhof spielen.

 

Autorin: Andrea Reck

Fotos: James Mollison

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