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Aulendorf - Die Situation ist nicht neu, aber immer noch nachdenkenswert. Die römisch-katholische Kirche hat den Anspruch, Weltkirche zu sein. Und in Aulendorf ist sie es - ganz gegenwärtig. Wenn die Vorsitzende des Kirchengemeinderats Rita Dittrich sich mit den beiden Priestern der Gemeinde St. Martin bespricht, dann sitzen drei Kontinente am Tisch: Europa, Asien, Afrika. Kurz vor der Adventszeit setzte sich BLIX dazu, um zu erfahren, wie es steht um diese Weltkirche in Oberschwaben.

Pfarrer Anantham Antony ist 47 Jahre alt und Inder; Oduro Owusu ist 33 Jahre alt und stammt aus Ghana in Westafrika. Er ist Vikar und wie sein Vorgesetzter Steyler Missionar (SVD), und zusammen sind sie Seelsorger für rund 5300 Kirchenmitgliedern, von denen sind wiederum – übers Jahr – etwa zehn Prozent Kirchenbesucher, schätzt der Pfarrer und Rita Dittrich nickt. Die 60 Jahre alte Aulendorferin versteht sich gut mit den beiden Missionaren, die sich sehr wohl als solche verstehen. Denn der Orden, dem sie angehören, ist ein Missionsorden mit dem Auftrag, das Wort Gottes in die Welt zu tragen.
Das war auch der Zweck der Gründung eines Missionshauses mit Schule und Internat in dem kleinen Ort Blönried ganz nahe bei Aulendorf. Das ist fast 100 Jahre her und wirkt aus heutiger Sicht bizarr, dass in der Depression nach dem Ersten Weltkrieg, der eine Generation junger Männer fast ausgelöscht hat, junge Burschen gesucht wurden, die kräftig und gläubig genug waren, um mit Nächstenliebe in die Welt geschickt zu werden. Doch es gab sie, und St. Johann in Blönried genoss einen guten Ruf und genießt ihn immer noch. Wenngleich vor fast zehn Jahren die letzten vier Ordensbrüder ihr Haus St. Johannes Evangelist verlassen haben, das Internat schon Mitte der 90er Jahre geschlossen worden war und das Gymnasium schon lange auch Mädchen offen steht. Mit der Gründung der „Schulstiftung Studienkolleg St. Johann Blönried“ 2008 endete die Missionsgeschichte der katholischen Schule offiziell, die gegenwärtig fast 700 SchülerInnen besuchen.

 

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Weltoffen: Stadtpfarrer Anantham Antony, ist Tamile und Steyler Missionar, stammt aus Indien und spricht perfekt deutsch. 

 

Zu dieser Zeit kam Anantham Antony als Schulseelsorger nach Blönried, nachdem er bereits seit 1998 in Deutschland war und in Sankt Augustin bei Bonn katholische Theologie studiert hatte. Der 1875 in Steyl/Niederlanden gegründete Orden hatte Deutschland schon Anfang der 1990er Jahre zum Missionsland erklärt. Für den jungen Tamilen war es ein völlig unbekanntes Land, dessen Sprache er zunächst erlernen musste, die er inzwischen perfekt beherrscht, inklusive dem schwäbischen -le. Seine Heimat ist der Südzipfel Indiens. Tamil Nadu ist mit rund 80 Millionen Einwohnern der Bundesstaat der Tamilen, einer Volksgruppe mit eigener Sprache. Die christlichen Kirchen sind mit sechs Prozent Bevölkerungsanteil eine Minderheit, vorherrschend ist der Hinduismus mit 88 Prozent. Von dort brach der junge Missionar 1998 auf, um nach Deutschland zu gehen, denn von der Nord- und Ostseeküste bis zum Bodensee fehlen der katholischen Kirche Priester. Es sei auch „Abenteuerlust“ gewesen, erklärt der Pfarrer schmunzelnd, dessen besonderes Interesse Papua Neuguinea galt.
Das trifft auch für Oduro Owusu zu, der in Aulendorf Pater Pius genannt wird und dessen Blick zunächst in Richtung Kongo ging, bevor Deutschland als Studien- und Einsatzort ins Blickfeld rückte. Die Steyler seien „international und interkulturell“ und solchermaßen „weltoffen“, erklärt der Sohn eines Lehrers, dessen Zwillingsbruder ebenfalls Priester ist. 2011 trennten sich ihre Wege, mit 23 Jahren ging Oduro Owusu zum Studium nach Sankt Augustin, wo sich das Priesterseminar des Ordens befindet, im März 2019 kam er zur Unterstützung seines Ordensbruders als Vikar und somit als dessen Stellvertreter nach Aulendorf – und fühlt sich wohl: „Wo man gut lebt, ist Heimat“, erklärt der Geistliche.

 

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Weltoffen: Rita Dittrich, die gewählte Vorsitzende des katholischen Kirchengemeinderats, lobt die gute Zusammenarbeit. 

 

Dabei sind die „Lebenswelten“ gänzlich unterschiedlich, stellt der Westafrikaner fest. In seiner afrikanischen Heimat sind die Kirchen voll, die Gottesdienste dauern lange, sind fröhlich und lebendig, es wird inbrünstig gesungen und getanzt. In Ghana sei der Glaube „selbstverständlich“. Ganz anders in seiner zweiten Heimat, in Deutschland. Er hatte anfangs den Eindruck, als ob hierzulande das ganze Jahr Fastenzeit sei, weil in der Kirche nur die Orgel spiele, keine Trommeln nix. Und wenn das Wetter am Sonntag gut sei, fehlten die Kirchenbesucher – dann wären in Ghana die Kirchen immer leer, stattdessen drehe sich am Sonntag alles um den Gottesdienst, erzählt der Pater munter.
Wie groß der kulturelle Mentalitätsunterschied ist, verdeutliche der „Friedensgruß“, erklärt Rita Dittrich. Die Geste, seinen Gottesdienstnachbarn mit dem Wunsch „Der Friede sei mit dir“ die Hand zu geben, habe anfangs Überwindung gekostet und stoße bei manchen Kirchenbesuchern immer noch auf dezente Zurückhaltung. „Distanz ist hier gewünscht“, fasst der Pfarrer seine Beobachtungen zusammen. Aber Distanz schließt Offenheit nicht aus, so wertschätzt er, dass „man sich in die Augen schaut“. Und bei seinem letzten Besuch in Indien, habe er festgestellt, dass es ihm in der Kirche „zu laut“ war. Seine Mission hinterlässt Spuren.
Europa hat Rom, aber die Mehrzahl der Gläubigen der römischen Kirche finden sich in Afrika und Lateinamerika und in Asien existiert vielerorts eine vitale Diaspora. Können Priester aus diesen Kontinenten, die mit ihrem Dienst die katholische Kirche hierzulande am Leben erhalten, die Turbulenzen, die Diskussionen und den Streit verstehen, die die hiesige Kirche bis zu ihren Fundamenten durchrütteln? Die Stichworte und Schmerzpunkte lauten: Missbrauchsskandal, Zölibat und Frauenpriestertum.

 

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Die Stadtpfarrkirche St. Martin in vorweihnachtlicher Atmosphäre.

 

Ja, sind sich die Ordensbrüder einig, sie halten die Diskussionen zu all diesen Themen für notwendig und hilfreich sowie der gemeinsame „synodale Weg richtig“ sei. Der Prozess sei mühsam und langsam und was den Missbrauch anbelange äußerst schmerzhaft, aber eröffne Perspektiven: der Zölibat solle es „freiwillig“ weiterhin geben, das sei Teil ihres Ordenslebens, das Frauenpriestertum werde „irgendwann kommen“, sagt Anantham Antony. „Es gibt Wege, man muss wollen“, betont Oduro Owusu. Beide sehen sich nicht in der Mission, das Alte einfach fortzusetzen.
Und der indische Pfarrer rüttelt sogar noch an anderer Stelle am hiesigen kirchlichen Fundament, indem er die deutsche Besonderheit der Kirchensteuer – „eine sehr schöne Sache“ – in Frage stellt. „Raus aus der Komfortzone“, fordert er. „Wir sind gefangen in unseren Strukturen, das schränkt unser Glaubensleben ein“, erklärt er und sieht in der Abschaffung der Kirchensteuer einen „heilsamen Weg“. Die Kirche brauche „eine Zukunftsvision“ und Weihnachten sei das Fest „der Transformation und des Neubeginns“, indem Gott Mensch wird, zeige er den „Weg zur Heilung“. Und „die Pandemie zeigt uns, dass wir nicht Herr der Schöpfung sind, sondern Teil davon“, mahnt der Priester und schließt mit dem Blick auf die Klimakrise: „Wir sind in einer Notzeit, wir sind in der Pflicht.“ Das habe die katholische Kirche, allen voran Papst Franziskus verstanden, sie sei nicht mehr im „Schlafmodus“, versprüht der indische Priester weihnachtliche Hoffnung im nebligen Oberschwaben.

 

Autor: Roland Reck

Fotos: Alexander Koschny

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