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Weingarten - Es war ein Schock für alle, die ihn kannten, als Markus Ewald, Oberbürgermeister von Weingarten, und sein Partner am 14. Dezember 2018 auf der B30 zwischen Laupheim und Ulm schwer verunglückten. Während sein Partner den Unfall, der ohne Fremdverschulden passierte, glimpflich überstand, hing Ewalds Leben an einem seidenen Faden. Er überlebte schwer behindert und kehrte mutig ein Jahr später, im November 2019, in sein Amt zurück. Aber im September diesen Jahres erklärte der Oberbürgermeister auf dringenden Rat seiner Ärzte seinen Rücktritt zu Ende Januar kommenden Jahres. Die Entscheidung sei ihm schwer gefallen, erklärt der 57-Jährige im Gespräch mit BLIX und gibt Einblick in sein Leben im Ausnahmezustand. Sein Abschied nimmt er wie sein Amt an: als Herausforderung mit Mut zu Neuem.

Herr Ewald, wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Mein derzeitiger Gesundheitszustand verlangt, dass ich mein Amt als Oberbürgermeister Ende Januar aufgebe. Den Beruf eines Oberbürgermeisters muss man wortwörtlich 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche „leben“ – aufgrund meiner Beeinträchtigung ist das auf lange Sicht leider nicht mehr leistbar. 

 

Wie fühlen Sie sich angesichts der Tatsache, dass Sie bald schon von Ihrem Amt als Oberbürgermeister zurücktreten?

Es ist eine Entscheidung, die ich mir nicht leichtgemacht habe und die mir auch nicht leicht fällt. Es war während der langen Zeit im Krankenhaus und in der Reha immer mein Ziel, wieder in mein Amt als Oberbürgermeister zurückzukehren. Allein die Vorstellung daran gab mir die nötige Motivation und Kraft. Der Abschied fällt mir alles andere als leicht – aber er ist notwendig.

 

Gab es einen ausschlaggebenden Moment für diese Entscheidung?

Der Beruf des Oberbürgermeisters fordert viel. Man gewöhnt sich mit der Zeit an den Stress, stellt zum Teil die eigene Gesundheit hintenan. Ich bin nach meiner Reha schnell wieder in den normalen Berufsalltag mit langen Arbeitstagen und teils zehrenden Sitzungen zurückgekehrt. Auch das Leben im Rollstuhl ist mühsam. Letztendlich gab ein dringlicher Appell meiner Ärzte den maßgeblichen Ausschlag für die Entscheidung. Ich musste die nötigen Konsequenzen ziehen. Meine Gesundheit, ist das allerwichtigste, das ich noch habe.

 

Lässt sich das Leben mit einer Behinderung, wie Sie sie haben, einem Nicht-Behinderten erklären?

Es ist, denke ich, für niemanden nachvollziehbar, was es heißt, mit einem Handicap zu leben. Auch wenn ich Sie beispielsweise einladen würde, sich in einen Rollstuhl zu setzen und einen Tag mit mir zu verbringen, wäre es eine andere Situation. Sie wüssten, dass Sie am Abend wieder aufstehen und laufen könnten. 

 

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Trotz Rücktritt ist Markus Ewald im Rückblick immer noch begeisterter Oberbürgermeister seiner Stadt. Ende Januar scheidet der Parteilose aus dem Amt, und seine Nachfolge muss bis Ende April 22 geklärt sein. Foto: Alexander Koschny

 

Fühlen Sie sich verstanden und entsprechend unterstützt?

Ich habe ein tolles Team, das mich unterstützt. Es bedarf hier vor allem einer klarer und offenen Kommunikation meinerseits, in welchen Situationen ich mir im Alltag Unterstützung wünsche und mit welchen vermeintlichen Hindernissen ich selbst zurechtkomme. 

 

Können Sie verstehen, dass Wolfgang Schäuble mit seiner Querschnittslähmung seit mehr als 30 Jahren im Rollstuhl aktiv Politik macht und sich mit 79 Jahren noch einmal in den Bundestag hat wählen lassen?

Diese Frage würde ich ihm auch gerne stellen. Aber ich kenne seine Umstände und Beeinträchtigungen nicht. Kein Querschnitt ist gleich: bei jedem sind die Einschränkungen folglich anders. 

 

Welches Fazit ziehen Sie im Rückblick auf Ihre Zeit als Oberbürgermeister?

Der Beruf des Oberbürgermeisters ist der schönste Beruf den es gibt, wenn man bereit ist, sein Leben seiner Stadt zu widmen. Die Fülle an Themen und sowie die Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten hat mich Tag für Tag erfüllt. 

 

Was waren Ihre Highlights, was ist Ihnen misslungen?

Ein Highlight war sicher unser Integriertes Stadtentwicklungskonzept ‚ISEK 2040‘, das wir in der vergangenen Gemeinderatssitzung verabschieden konnten. Über zehn Jahre haben wir Hand in Hand mit den Bürgerinnen und Bürgern in Workshops, Arbeitsgruppen und Online-Prozessen eine Vision von Weingarten entwickelt, die wir nun mit Leben füllen wollen. Mit dem neuen Quartier ‚Martinshöfe‘ ist uns ein Leuchtturmprojekt in Sachen modernes, nachhaltiges und urbanes Leben gelungen und auch das Thema ‚14 Nothelfer‘, das mich über Jahre beschäftigt hat, wird sich dank eines neuen Investors zukünftig in ein modernes Quartier mit Gesundheitszentrum entwickeln. 

 

Was war Ihnen beruflich ein Herzensanliegen?

Ich kann mich noch gut an die Nacht im Jahr 2015 erinnern, als drei Busse mit 150 Geflüchteten nach Weingarten kamen und im Kloster auf dem Martinsberg Obdach fanden. Das Thema der Integration von Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung stellt seither eine substantielle Herzensaufgabe dar. Aber auch das Thema ‚Familienfreundlichkeit‘ hat mich dauerhaft begleitet: wir haben ein großartiges Team Jugendarbeit, unser Jugendgemeinderat bringt die Perspektive der Jugendlichen auf das politische Parkett, mit der Modernisierung unserer Schullandschaft und der Schaffung neuer Kinderbetreuungsangebote möchten wir speziell jungen Familien eine hohe Lebensqualität bieten. Nicht zu vergessen unsere tollen Unternehmen, unsere 8000 Studierenden, die Vielzahl an Vereinen und ehrenamtlich engagierten Bürgerinnen und Bürgern, die unsere Stadt erst zu der machen, die sie ist. 

 

Basilika Weingarten Foto Stadt Weingarten

Über allem trohnt die Basilika, das weithin sichtbare Wahrzeichen der Welfenstadt. Foto: Stadt Weingarten

 

Sie sind der erste Oberbürgermeister in Oberschwaben, der seine Homosexualität öffentlich gemacht hat. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Sehr gute. Ich habe meine Partnerschaft nie verleugnet und wurde trotzdem bereits 2004 zum Bürgermeister von Bad Urach gewählt und 2008 und 2016 dann in Weingarten. Ich lebe seit 27 Jahren mit meinem Partner zusammen und von Kleinigkeiten abgesehen, hatte ich niemals Probleme wegen meiner Homosexualität. Darüber bin ich sehr froh und es zeigt, dass die Menschen in Oberschwaben, auf jeden Fall aber in Weingarten, weltoffen und liberal sind.

 

Was kommt nach Ihrem Rücktritt, welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Ich möchte wieder Herr meiner Zeit werden und ‚in die Weite gehen‘, wie Angela Merkel sich vorgenommen hat. Aber ich habe noch keine konkreten Pläne, außer dass ich mich um meine Gesundheit kümmern will, was das Wichtigste ist, und ich eine Kiste voller Bücher habe, auf die ich mich freue. Ich bleibe Weingarten als Bürger treu und bin neugierig auf das, was kommt. Und bin überzeugt, dass es etwas Gutes sein wird.

 

Autor: Roland Reck

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