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Biberach - Sie seien „geflüchtet“, antwortet Thomas Kühn auf die Frage, was ihn und seine Familie aus dem Rheinland nach Oberschwaben verschlagen habe. „Geflüchtet vor dem Smog“, erklärt der Mediziner. Das war 1985. Es war die Zeit des „Waldsterbens“, verursacht durch den Smog, der als „saurer Regen“ vom Himmel fiel. Kühn suchte nach dem richtigen Platz für sich und seine Familie und fand ihn schließlich in Biberach, wo der Orthopäde und Unfallchirurg im Jahr 2000 gemeinsam mit einem Kollegen die NovaClinic gründete. Jetzt ist er bald 70, sein Sohn ist sein Nachfolger in der Biberacher Klinik und der Vater erinnert sich seiner „zweiten Heimat“: Tansania, wo er als junger Arzt und Familienvater für zwei Jahre (1981-83) mit dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED) gelebt und gearbeitet hat. Eine Zeit, die lange zurückliegt, aber Lebensspuren hinterlassen hat, die der Arzt nun fortsetzt. Eine Arbeit, wofür er Unterstützung sucht. Ein Besuch.

 

„Herr Kühn, was hat Sie als junger Arzt bewegt mit dem DED nach Tansania zu gehen und wie beurteilen Sie rückblickend Ihren Einsatz?“ 
Kühn: „Damals war es eine Mischung aus Abenteuerlust, Fernweh, und dem Anspruch: ‚etwas Sinnvolles zu machen‘. Außerdem wurde der Einsatz als Alternative zum Wehrdienst anerkannt. Der Einsatz hat überwiegend mir und meiner Familie geholfen, uns ‚zu entwickeln‘. Natürlich konnte ich vielen Patienten helfen und auch lokale Kollegen ausbilden. In wie weit dieser Einsatz jedoch nachhaltig war, sei dahingestellt.“

„Wie viel Sinnsuche motiviert Sie zu Ihrem jetzigen Engagement und worin sehen Sie den Sinn Ihres Engagements?“
Kühn: „Die Beweggründe heute nach Afrika zu gehen, sind auch noch das Fernweh, die Suche nach der Alternative zu unserem wohlbehüteten Leben im Luxus. Mittlerweile sind die Einsätze sicher nachhaltiger und zielgerichteter geworden, meine Erfahrungen größer, sowohl privat als auch fachlich. Den Sinn sehe ich in der gezielten Entwicklung einer besseren Gesundheitsversorgung der  Patienten durch meine Präsens, die Verbesserung der Hospitäler durch Material, Manpower und Ausbildung.“

 

Knochenbruchbehandlung

Knochenbruchbehandlung. Der erfahrene Chirurg legt selbst Hand an.

 

GipsTraining be

Gipstraining. Ausbildung ist entscheidend, dass Hilfe nachhaltig ist.

 

Thomas Kühn empfängt im Privathaus zum Gespräch, schöne Hanglage mit Sonnenscheingarantie, wenn sich der Rissnebel verzieht, was an diesem Tag nicht der Fall ist. Dem Hausbesitzer kann es egal sein, denn er ist auf dem Sprung in die Sonne. Nein, nicht Tansania, sondern Tunesien steht auf dem Programm: drei Wochen auf dem Motorrad durch das nordafrikanische Land. Just for fun! Im Flur steht der rote Notfallrucksack für den Fall der Fälle, dass einem Mitfahrer ein Missgeschick passiert, bei acht Reiseteilnehmern durchaus möglich. Dann ist der Unfallchirurg gefragt. Es ist Abenteuerlust mit Vorsorge.
Und wenn alles gut geht, dann ist der Opa von sechs Enkeln an Weihnachten wieder mit heilen Knochen zuhause und der jährliche „Rundbrief“ der Kühn Foundation bei den Hilfswilligen von Kühns Projekt „Orthopedic Surgery for Africa“ (Orthopädische Chirurgie für Afrika). Nach dem Ausscheiden aus der eigenen Klinik gründete der Arzt 2018 eine Familienstiftung mit einem sechsstelligen Betrag, mit dem Geld und weiteren Spenden unterstützt Kühn an zwei Orten in Tansania zwei Krankenhäuser, wo er auch selbst als Orthopäde und Chirurg tätig ist. Seine Landeskenntnis half ihm bei der Entscheidung, wo er sich sinnvoller Weise einbringt. Mwanza ist eine Millionenstadt am Tanganjikasee, wo ein deutscher Priester ein neues Krankenhaus aufbaut, der zuvor auch schon in Wasso, einer wesentlich kleineren Stadt im Norden des Landes, nahe der Grenze zu Kenia, das dortige „Buschkrankenhaus“ unterstützte. Kühns Beitrag ist, dass er in einem Land, wo es kaum Fachärzte gibt, in den beiden Krankenhäusern eine orthopädische Betreuung aufbaut, indem er gespendetes Material von der Pinzette bis zum Röntgengerät den Krankenhäusern zur Verfügung stellt, das Personal schult und die Ärzte weiterbildet, indem er selbst am Operationstisch steht und anleitet. Dazu verbringt er mehrere Monate im Jahr, zuletzt in diesem Sommer, in Tansania, sorgt für die Logistik und die fachmännische Installation der Geräte und führt Untersuchungen durch. Sein medizinisches Netzwerk in Deutschland hilft ihm, auch hochwertiges Material zu erhalten, das er in Laupheim in den Hallen der „Aktion Hoffnung“ tonnenweise in Schiffscontainer verstaut. Sein Netzwerk und seine Fähigkeit, nicht nur virtuos mit dem Skalpell, sondern auch versiert mit Akkuschrauber und Holzsäge umgehen zu können, hilft ihm bei der Vorbereitung seiner Einsätze sehr, ebenso wie ihm vor Ort die Kenntnis der Landessprache Kisuaheli hilft, die er einst als Entwicklungshelfer gelernt hat.

 

Instrumentenlager be

Instrumentenlager im Krankenhaus. Damit die Sachspenden auch nutzbar sind und bleiben, ist deren fachmännische Aufbewahrung zwingend.

 

Seine Ankunft im Krankenhaus in Wasso, das im Umkreis von 200 Kilometern das einzige ist, wird im Lokalradio und per Magaphone auf den Märkten bekannt gemacht, denn der Bedarf sei riesig, erklärt der Mediziner. Das immense Bevölkerungswachstum und die damit einhergehende Mobilität, vorrangig mit dem Moped und Motorrad, habe auf den miserablen, ungeteerten Straßen viele Unfälle und schlimme Verletzungen zur Folge, die häufig unbehandelt blieben. Eiterige und falsch zusammengewachsene Knochenbrüche mit entstellten Gliedmaßen seien an der Tagesordnung. Hinzu kämen exotische Fälle, wie Verletzungen durch Wildtiere. Es sind Krankheitsbilder, die er von der NovaClinic nicht kennt, wo er als Chirurg die kompliziertesten Operationen durchführte.

 

Markt bei Mwanza

Markt bei Mwanza. Lebenswirklichkeit in einer Großstadt.

 

Diese Welt im Widerspruch gibt dem Arzt zu denken, was er in seinem Weihnachtsrundbrief kundtut: „Covid-19 hatte uns und die ganze Welt im Griff. Wir hatten einen fürchterlichen Lockdown, der alle stark gefordert hat. Viele hatten und haben noch zu leiden unter der Erkrankung und unter den ‚Kollateralschäden‘ des Lockdown. Tote sind zu beklagen, viele Infizierte leiden noch unter Langzeitfolgen der Erkrankung“, stellt Kühn fest und fährt fort: „Wir in Europa waren und sind jedoch privilegiert im weltweiten Vergleich. Wir hatten als Erste die hilfreichen Impfungen, wir sind gesegnet mit einem der besten Gesundheitssysteme der Welt. Trotz Corona-Pandemie haben wir rückläufige Arbeitslosenzahlen! Arbeitslosigkeit konnte durch Homeoffice und Kurzarbeit weitgehend verhindert werden“, erklärt Kühn und wird zornig. „Ein weiteres Mal haben mich in den Medien, der Politik und im täglichen Leben die Unzufriedenheit und die Klagen der Bevölkerung in Deutschland massiv verärgert. Offensichtlich fehlt den meisten unserer Mitmenschen der Blick ‚über den Tellerrand‘. Stellen sie sich eine Situation in Deutschland vor ohne Krankenkassen, ohne Hausarzt oder niedergelassenen Facharzt, ohne Intensivstation. Ohne Lohnfortzahlung und Kurzarbeitergeld! Ohne Impfstoff oder Sauerstoff! Dieses Szenario entspricht der Wirklichkeit der Länder der so genannten Dritten Welt.“ Hinzu käme die „Klimakatastrophe“, schreibt Kühn. „Wir wurden wach gerüttelt durch die Überschwemmungen mit den fürchterlichen Bildern aus dem Ahrtal. Menschen und Häuser verschwanden in den Fluten - fürchterliches Leid für die Betroffenen. Für uns zurecht ein starkes Signal. Doch auch hier müssen wir erkennen, dass in vielen Ländern dieser Erde solche Katastrophen Dauerzustand sind mit Fluten, Dürren, Heuschreckenplagen und damit Hunger, Armut und Tod. Oftmals verbunden mit Unterdrückung, Flucht und Kriegen.“ Kühns Appell: „Wir sind eine Welt! Bitte richten Sie Ihren Blick auch ‚über den Tellerrand‘!“
www.kuehn-foundation.de

Spendenkonto: „Orthopedic Surgery for Africa“
(Kühn Foundation)
Kreissparkasse Biberach
IBAN: DE06 6545 0070 0008 2159 07
BIC: SWIFT SBCRDE66

 

Autor: Roland Reck

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