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Waldburg / Stuttgart - Es war einmal ein Ritter und sein Knappe, die beschlossen, Abenteuer zu bestehen. Daraus entstand Weltliteratur. Don Quijote, der Ritter von der traurigen Gestalt, und Sancho Panza, das spanische Cleverle, sind die beiden Helden, die viel Ungemach erleben mussten und trotzdem nie den Mut verloren. Ihr Kampf gegen die Windmühlen ist legendär. Und er geht weiter!

Es geschah in diesen Tagen auf der Waldburg, dass der „Ritter von der traurigen Gestalt“ begleitet von seinem Knappen „Manne“ aufbrach, um in Stuttgart ein Abenteuer zu bestehen. Samuel Bosch und Manfred Scheurenbrand sind die beiden Helden dieser Geschichte, die sich darum dreht, wie zwei sich gefunden haben, um die Welt zu verbessern. Es geht um eine Menge Kies und ein Stück Wald, die Zukunft und das Überleben.
Die Geschichte spannt sich vom Altdorfer Wald am Fuße der Waldburg, wo Samuel Bosch als Waldschützer und Aktivist in einem Baumhaus zuhause ist, bis zum Landtag in Stuttgart, wo die grün-schwarze Landesregierung ihr Machtzentrum hat. So unterschiedlich die Orte, so unterschiedlich auch die beiden Hauptpersonen. Samuel Bosch ist 18 Jahre jung, Manfred Scheurenbrand ist 66 Jahre alt. Der eine hat sein Leben noch vor sich, der andere das Meiste hinter sich. Der Junge betreibt brotlosen Aktivismus, der Alte kann eine erfolgreiche Karriere nachweisen. Der Schulabgänger versucht seinen ökologischen Fußabdruck auf ein Minimum zu reduzieren, der Rentner hat große und tiefe Spuren hinterlassen. Der Alte weiß es und der Junge erst recht.

 

Titelseite

Gute Miene zum bösen Spiel. Samuel Bosch als Don Quijote und Manfred Scheurenbrand als sein Knappe Sancho Panza zogen von der Waldburg nach Stuttgart, um für den Klimaschutz, gegen den Kiesabbau und den Regionalplan zu demonstrieren. Foto: Peter Zeh

 

Manfred Scheurenbrand hat mit seiner Erkenntnis ein Theaterstück kreiert. Sein erstes. Mit Kultur hatte der einstmals begeisterte Handballspieler bisher nicht so viel am Hut, aber er ist ein ausgezeichneter Verkäufer, das hat er gelernt. So tritt er vor dem Landtag ans Mikro und begrüßt: „Hallo Menschen, hallo Autostadt Stuttgart! Wir sind heute hier - die aufmüpfigen Oberschwaben! Unser Spektrum reicht von den jugendlichen Klimaaktivisten über Bürgerbewegungen, Naturschutzverbände BUND und NABU, Bio-Bauern, die katholische Arbeiterbewegung und renitent gewordenen Rentnern aus der Mitte der Gesellschaft.“ Es folgt eine theatralische Demo mit Don Quijote und Sancho Panza, der vorträgt, was ihm stinkt, und das ist viel. Vor allem ist es der jüngst beschlossene Regionalplan, der fürs Wachstum den Wald opfere, klagt lauthals Sancho Panza vor dem Abgeordnetenhaus. Und der Alte mit dem Esel nutzt seine erste Demo zu einem Bekenntnis an den Jungen, der neben ihm auf der hölzernen Rosinante sitzt, wortlos seine Lanze hält und den traurigen Ritter mimt. Manfred Scheurenbrand, alias Sancho: „Ich bin stolz ihn bei seinem Kampf gegen die Windmühlen der Politik und den ausufernden Kapitalismus, der unsere Lebensgrundlagen zerstört, unterstützen zu dürfen.“ Das ist ihm ernst.
Manfred Scheurenbrand hat einen langen Weg hinter sich. Der Industriekaufmann lebt seit über 20 Jahren mit seiner Familie, er hat zwei erwachsene Kinder, in Waldburg. Fast 40 Jahre arbeitete er als Dienstleister in der Wohnungswirtschaft, davon über 20 Jahre als Niederlassungsleiter an mehreren Standorten. Er kennt das Hamsterrad in- und auswändig. „Ich war in meiner Karriere nicht erfolglos und hab’ erreicht, was man hier so erreichen möchte“: ein gutes Einkommen für Haus, Fernreisen und den einen oder anderen Extrawunsch, fasst der gebürtige Esslinger zusammen. Es sei ein Prozess gewesen, er habe zwar „schon vor langer Zeit mitbekommen, dass etwas nicht stimmt“, aber er sei „mit Familie und Beruf belegt“ gewesen. „Ich gehöre zu der Generation, die sich keine Gedanken gemacht hat – ich war der typische Spießer und voll im Konsumrausch“, geht Scheurenbrand mit sich ins Gericht und fügt hinzu: „Es wissen alle, dass es nicht richtig ist, was wir tun.“
2018 ging er in Rente. Seine Bilanz: „Ich hab’ nichts zu befürchten.“ Dann kam Greta. „Ich dachte schon unsere Jugend befindet sich im komatösen Tiefschlaf“, erklärt er den Zuhörern in Stuttgart. „Dann kam die fantastische Greta Thünberg und Fridays for Future. Wir stehen zu 100 Prozent hinter eurer Bewegung.“ Die schwedische Schülerin hat auch ihn aus dem Tiefschlaf geholt, und als die jugendlichen Aktivisten vor seiner Haustür im Altdorfer Wald aus Protest gegen die geplante Kiesgrube auf die Bäume kletterten, trieb ihn die Neugier in den Wald. Zuerst brachte er nur gelegentlich was zu essen, dann kam er öfters, nahm sich Zeit, hörte zu, diskutierte mit. „Das Vertrauen ist gewachsen“, er sei kein Aktivist, das sei „zu hoch gegriffen“, er sei „Unterstützer“, und es mache ihm Freude, „als älterer Mensch über seinen Horizont hinaus etwas zu lernen“, zeigt Scheurenbrand sich mit seinem Engagement zufrieden. Und stolz erzählt er, dass er für die Aktivisten auch vegan koche. Es habe sich was verändert, er habe sich verändert.

 

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Ein „bunter Haufen“ aus lokalen und überregionalen Umweltgruppen demonstrierten vor dem Landtag in Stuttgart. Foto: peperoniphoto

 

Samuel Bosch ist froh über die Unterstützung, die er gut gebrauchen kann. Als Initiator des Baumcamps ist er auch das Gesicht des Widerstands, weil er nie – außer Corona verlangt es – maskiert auftritt, im Unterschied zu seinen MitstreiterInnen. Für Manfred Scheurenbrand ist das eine vertrauensbildende Maßnahme, „das Gesicht zeigen“, ist ihm wichtig. Er sei schon als Kind viel im Wald gewesen, erklärt der 18-Jährige seinen emotionalen Bezug. Er wirkt ruhig und gelassen, auch wenn er statt Bäume viele Menschen vor sich hat, denen er detailliert Auskunft über die ökologischen Zusammenhänge von Waldzerstörung und Klimakrise geben kann oder über die politischen Zusammenhänge, die beides befeuern. Er wirkt sanft, ist unerschrocken und seine Kletterkünste sind gefragt. Als vor der Bundestagswahl Aktivisten in Berlin noch ein klimapolitisches Zeichen setzten, war es der schmächtige junge Mann aus dem Altdorfer Wald, der hoch oben auf dem Brandenburger Tor die Regenbogenflagge hisste.
Gefragt, wo er wohnt, antwortet Samuel: im Altdorfer Wald und vorher nicht weit entfernt in Schlier, aber auch im Winter will er im Wald ausharren. Die Schule taugte nicht mehr, mit der Mittleren Reife hat er sich von ihr bis auf Weiteres verabschiedet und will im nächsten Jahr seine Kletterei zum Baumpfleger professionalisieren. Zukunftspläne eines Klimaaktivisten, der mit Strafbefehlen eine Wand tapezieren kann und sein CO2-Äquivalent, mit dem er den Planeten belastet, genau kennt: 3,7 Tonnen im Jahr, was 1,2 Tonnen zu viel sind, um nachhaltig zu leben, erklärt Samuel Bosch, und der Durchschnittsdeutsche belaste die Atmosphäre mit rund 12 Tonnen. Und weil er aus eigener Erfahrung weiß, wie schwierig es ist, individuell auf ein nachhaltiges Level zu kommen, fordert er von der neuen Bundesregierung eine wirksame Klimapolitik, ohne wird das 1,5-Grad-Ziel nicht erreichbar, sagt der Erstwähler, der aus Misstrauen gegen die Grünen zur Hälfte links gewählt hat. Eine Ampel sei besser als Jamaika, aber „entscheidend ist der Wind, der in der Gesellschaft weht“, um die Politik auf Kurs zu bringen, ist sich der 18-Jährige sicher. Das sieht der fast 50 Jahre Ältere auch so, fürchtet sich aber mit Blick auf die Koalitionsverhandlungen „vor dem kleinsten gemeinsamen Nenner, was eine Katastrophe wäre“, meint Manfred Scheurenbrand.
Und: Der Kampf gegen die Windmühlen geht weiter, doch die Kampflinien sind verzwickt, denn nach den jüngsten Plänen von Grün-Schwarz sollen schon bald zahlreiche Windräder im Altdorfer Wald aus dem Boden sprießen. Das wird vielen Bäumen das Leben kosten. Wogegen und wofür kämpfen: Kies nein, Windräder ja? Es wird sich zeigen, ob die Zwei von der Waldburg die Weltliteratur korrigieren können, und die beiden Helden Don Quijote und Sancho Panza doch noch siegen. Die Zukunft ist das Ziel.
www.vimeo.com/602034197/7cfa55142a

 

Waldburg im Nebel bei Sonnenaufgang

Die Waldburg im Morgennebel, darunter verborgen der Altdorfer Wald.

 

Autor: Roland Reck

 

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